Herbstmissionsfest 2018

Dem Hirten folgen, den Pferch verlassen

Mit ihrem afrikanischen Song sorgten die Safina-Mitarbeiter mächtig für Stimmung
Mit ihrem afrikanischen Song sorgten die Safina-Mitarbeiter mächtig für Stimmung

1.200 Besucher beim Herbstmissionsfest der DMG

S i n s h e i m (tv). „Eine christliche Gemeinde, wie die Bibel sie versteht, muss beweglich sein und ihrem Herrn folgen. Sie geht auf Verlorene und Menschen am Rand der Gesellschaft zu, macht es sich nicht in ihren Räumen bequem und zieht keine Mauern hoch!“ Die Predigt von Missionsleiter Günther Beck hatte es in sich. Er sprach beim Herbstmissionsfest des christlichen Missions- und Hilfswerkes DMG am 23. September in Sinsheim vor Besuchern aus ganz Deutschland über die berühmten Worte von Jesus aus dem Johannes-Evangelium, der sich als „den guten Hirten“ und „die Türe“ bezeichnete. Beck machte den Zuhörern Mut, der Stimme des Hirten Jesus zu folgen und offen auf Menschen aller Couleur zuzugehen.

Missionsleiter Günther Beck fand klare Worte
Pfr. Günther Beck

Bei dem biblischen Bild vom Hirten und den Schafen gehe es um keine statische Herde, die sich in festen Gebäuden einigle. Sondern um eine Herde in Bewegung, die von Weide zu Weide zieht, wie es die Hirten im Atlas-Gebirge tun. Abends sammeln sie ihre Schafe in Pferchen mit Kaktushecken und nur einer schmalen Öffnung. In diese Lücke lege sich der Hirte schlafen. So sei zu verstehen, wenn Jesus sich selbst als die Türe bezeichne, durch die seine Herde ein- und ausgehe. Der gute Hirte führe seine Herde in die Weite. Und die Schafe hören seine Stimme und folgten ihm.

Online die beiden eindrucksvollen Hauptbotschaften hören:

Was Menschen vom Glauben abhält

Beck warnte vor falsch verstandenen Pferchen, die Christen und Gemeinden einengen und verhindern, dass Menschen Jesus kennenlernen: Den „Kleiderpferch“, wenn Frauen nur lange Röcke im Gottesdienst tragen dürfen, habe man glücklicherweise in den meisten Kirchen überwunden. Den „Sprachpferch“ jedoch, wenn Christen alte Worte wie „Freudigkeit“ verwenden, die kein Mensch verstehe, gebe es noch zu oft. Der „Musikpferch“ sei beliebt: Wer seine Gemeinde jedoch nach dem Worship auswähle, höre nur auf die eigene innere Stimme und nicht auf die von Jesus. Groll, Unversöhnlichkeit und Undankbarkeit seien weitere beliebte Mauern, die verhindern, dass Verlorene den Weg in Gemeinden finden, beklagte Beck.

Auch Selbstgefälligkeit sei ein Problem. In einer Kirche habe es eine Raucherin gegeben, die von vielen ihrer Gemeinde schräg angeschaut worden sei. Doch diese Frau habe ihre Freunde mit in die Gemeinde gebracht; Menschen, die von keinem anderen erreicht worden wären. „Wir vergessen das manchmal“, gab der Theologe zu bedenken, „Raucher können in den Himmel kommen – Selbstgefällige nicht!“ In christlichen Gemeinden solle es weniger um Mauern und mehr um die Stimme des Hirten gehen, erklärte der neue Direktor, der seit Mai die Sinsheimer Mission mit 400 Mitarbeitern weltweit leitet. „Wohin führt uns der Hirte? Er geht uns voraus zu den Verlorenen – und wir sollen ihm folgen“, sagte Beck.

Wenn Christen Grenzen überwinden

Andrew Howes: Ein weites Herz für Menschen anderer Kulturen
Andrew Howes

Wie Christen mit einem weiten Herzen die Gräben zwischen Völkern überwinden, berichtete der neue Stellvertretende Direktor, Andrew Howes, am Beispiel der Gurmas und Fulanis im Norden Burkina Fasos. Diese zwei benachbarten Völker hatten früher weder miteinander gesprochen noch untereinander geheiratet. Das habe sich durch das Vorbild von Missionarin Erika Keller verändert. Die DMG-Mitarbeiterin sei Anfang der 1990er-Jahre offen auf die muslimischen Fulanis zugegangen und habe vielen das Evangelium erklärt. Damals habe sich ein junger Mann für Jesus entschieden. Ein Pastor vom Volk der Gurma habe den jungen Fulani-Christen bei sich aufgenommen: „Dieser Pastor tat das Unmögliche, um Jesu willen, das war mutig!“, sagte Howes. Heute leite der Fulani eine Gemeinde im eigenen Volk. So habe die Missionarin aus Brackenheim zwei Völker einander nähergebracht.

Howes forderte die Besucher des Herbstmissionsfestes auf, wie Erika Keller seinerzeit liebevoll auf Menschen anderer Kulturen zuzugehen – auch in Deutschland. „Während es immer schwieriger wird, Missionare in andere Länder zu senden, bringt Jesus uns die Welt hierher“, sagte Howes. Selbst in der schwäbischen Stadt Reutlingen lebten bereits Menschen aus 50 Nationen. „Ist unser Herz weit genug?“, fragte der DMG-Leiter die Besucher des Herbstmissionsfestes. „Jesus macht keine Unterschiede! Zu seiner Gemeinde gehören Menschen aller Kulturen. Er fragt nicht nach Volk, Reisepass und Sprache. Jesus handelt über unsere Enge hinaus“, betonte Howes.

Angst bezwungen und Freunde gewonnen

Auf Geflüchtete offen zugehen
Auf Geflüchtete offen zugehen

Die christliche Integrationsmentorin Marion Engstler (Neu-Ulm) und DMG-Redakteur Theo Volland griffen diesen Aspekt in ihrem Seminar „Reizwort Flüchtlinge“ auf. Volland beschrieb, wie Gott seine tiefsitzenden Ängste vor Einwanderern überwunden hat. 2015 gab es in Sinsheim ein Übergangscamp mit mehr als 1.000 Geflüchteten. „Wenn ich abends durch die Straßen ging, hatte ich Angst, richtig Panik, weil mir plötzlich fast nur noch Menschen aus anderen Ländern begegnet sind“, erzählte er. Damals habe man ehrenamtliche Helfer gesucht, die sich um die vielen jungen Männer im Camp kümmerten. „Also habe ich mich fürs Begegnen entschieden“, erklärte Volland.

Bei seinem ersten Besuch im Asylantenheim hätten ihn erfahrene Helfer wie ein Kind an die Hand genommen. „Sofort hat mich eine syrische Familie zu einer Fanta eingeladen und mir zwei Stunden ihre spannende Geschichte erzählt“, berichtete er. „Es waren so freundliche Menschen, ihre nette Art hat meine Furcht vertrieben.“ Seither trifft er sich jede Woche mit Flüchtlingen. Wir haben Freunde unter Kurden, Syrern, Afghanen und Irakern gewonnen, berichteten Marion Engstler und er. Die meisten seien sehr interessiert am Leben von Christen und der Botschaft der Bibel. „Bei den Flüchtlingen kann ich freier von meinem Glauben erzählen als bei manchen Deutschen“, sagte der Chefredakteur der DMG.

Die Sinsheimer Mission hat 45 vollzeitliche Mitarbeiter in der Migrantenhilfe in Deutschland. Ihre Erlebnisse und die Geschichten vieler Geflüchteter hat Volland zu dem Buch „Die leise Erweckung – wie Gott die Flüchtlinge in unserem Land berührt“ zusammengefasst.

Theo Volland stellte das neue DMG-Buch vor: Die leise Erweckung
Das neue DMG-Buch

Wo Straßenkinder eine Heimat finden

Besondere Gäste aus Tansania waren Missionarin Kathleen Quellmalz, die in Daressalam das Straßenkinderprojekt „Safina“ (Die Arche) leitet, und eine Gruppe ihrer afrikanischen Mitarbeiter. 41 Safina-Streetworker helfen obdachlosen Kindern. „Wir erreichen jährlich 400 bis 500 junge Leute in fünf tansanischen Großstädten“, sagte die DMG-Mitarbeiterin. In sieben Pflegefamilien betreuen sie 73 Kinder, weitere 200 werden präventiv in ihren Familien begleitet, vom Kindergarten über die Schule bis hin zu Ausbildung und Studium. „Bereits 165 Safina-Kinder haben eine Ausbildung abgeschlossen, arbeiten und haben einen Lebensunterhalt. Ein Beispiel ist der 32-jährige Nico, der neben Kathleen auf der Bühne stand.

Nico war ein Straßenjunge
Nico war ein Straßenjunge

Nico erzählte dem gebannt lauschenden Publikum, wie er in einer bitterarmen neunköpfigen Familie aufgewachsen ist. Er habe oft gehungert und nicht zur Schule gehen können. Mit zwölf sei er zu Hause abgehauen in die Hafenstadt Daressalam. Als eines von tausenden Straßenkindern habe er gebettelt und auf Müllplätzen nach Essbarem gesucht. Polizisten hätten ihn verprügelt. Er habe eine tiefe Wut im Herzen gehabt. Mit 13 sei er das erste Mal „Mama Muzungu“ (Missionarin Kathleen Quellmalz) begegnet, die ihm geholfen hat. „2007 habe ich Jesus angenommen“, eine unglaubliche Freude habe in seinem Herzen Einzug gehalten. „Danach besuchte ich meine Mutter und bat sie um Vergebung.“ Safina war seine neue Familie, erzählte Nico, nun konnte er die Schule besuchen. „Gott hat mich gerettet, damit ich ihm und meinen Brüdern auf der Straße diene!“ Heute ist Nico Mitarbeiter im Safina-Team und glücklich verheiratet.

Die Botschaft der Bibel rettet Leben

Volker Schnülls Teamkollege erzählte von einem Volk in Suriname
Ein Gast aus Haiti

Sean Christensen (Les Cayes, Haiti), Amerikadirektor der DMG-Partnerorganisation „World Team“, beschrieb die befreiende Wirkung des christlichen Glaubens auf ein indigenes Volk in Suriname. Wenn in diesem Volk ein Baby zur Welt gekommen sei, habe man den Vater des Kindes geholt. Beim Anblick des Babys habe er entschieden, ob er sein Kind annehme oder nicht. Wenn ein Vater sich abwandte, habe man den Säugling im Urwald zurückgelassen, wo das Kind starb. Inzwischen hätten sich viele aus betreffendem Volk für Jesus entschieden. Kürzlich sei ihm dort eine junge Frau mit Behinderung begegnet. „Früher wäre sie sicher verstoßen worden und umgekommen“, sagte Christensen. „Weil ihre Eltern Christen waren, hat die junge Frau überlebt.“ Sie leite das Lobpreisteam ihrer Indianergemeinde und sei ein Beispiel für die kulturerneuernde Kraft der biblischen Botschaft.

Ein sonorer Bariton, fliegende Kinder und Wunderwetter

Beim Herbstmissionsfest stand die klare Botschaft im Zentrum, wie Gott Grenzen sprengt und Menschen in die Weite führt – entsprechend des Festmottos: „Gott weitet deinen Raum.“ Die neue Missionarin Sofia Schulz erzählte dem gebannt lauschenden Plenum, wie sie mit einer Gehbehinderung eingesperrt in ihre vier Wände nichts mehr tun konnte als beten. „Jesus hat mich erhört und Schritt für Schritt geheilt.“ Inzwischen ist die Finnin wiederhergestellt und wird mit Ehemann Rolf als Missionarin nach Japan ausreisen.

Achim Werner begeisterte mit seinem wunderbaren Bariton
Achim Werner

Musikalisch gelungen umrahmt wurde das Herbstmissionsfest von Achim Werner und dem Posaunenchor der Ev. Kirchengemeinde Schmalfeld (Schleswig-Holstein). Werner begeisterte mit seinem sanften, kräftigen Bariton, mit dem er die Lieder unterstrich. „Ich mache Musik, weil mein Herz dafür brennt, Gott mir die Begabung geschenkt hat und weil es Freude macht“, sagte Werner. Beim Lichthaus-Jugendgottesdienst parallel füllten 100 junge Christen die Kapelle im Herrenhaus der DMG. Lautes Lachen war von der Spielstraße zu hören. Die Kinder durften in zu Flugzeugen umgebauten Schubkarren abheben – nur eine von vielen lustigen Spielideen.

Erwähnenswert ist auch das perfekte Timing beim Wetter. „Ein echtes Wunder“, so Detlef Garbers, der das Herbstmissionsfest organisiert hatte. „Im Wetterbericht waren Starkregen und Sturmwarnung angesagt – wir dagegen hatten den ganzen Tag trockenes, halbwegs ruhiges Wetter!“ Pünktlich um 18 Uhr, als alle Zelte gesichert, Gäste abgereist und das Equipment aufgeräumt waren, kamen Sturm und Regen mit Wucht. Nichts ging zu Bruch. „Selten habe ich Gottes Hand so erlebt wie diesmal beim Wetter“, sagte Garbers.

Fotogalerie

Zurück