Der EU-Beitritt Kroatiens und die Christen vor Ort

03.07.2013 16:25

Freundschaft und Ringen um einzelne Menschen

Kroatien ist als 28. Staat am 1. Juli in die EU aufgenommen worden
Kroatien ist als 28. Staat am 1. Juli in die EU aufgenommen worden

Kroatien ist am 1. Juli als 28. Staat in die EU aufgenommen worden. Wie sieht ein einheimischer Missionar die geistliche Situation seines Landes. Ein Interview mit Tihomir Vekic (Mackovec, Kroatien) von der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG):


Wie ist die geistliche Lage im heutigen Kroatien?
Die meisten meiner Landsleute sind katholisch (86%) und sehr traditionell. Die Evangelikalen sind eine kleine Minderheit von nur schätzungsweise 0,4 Prozent. Ihre Stimme ist in Öffentlichkeit kaum zu hören, zumal sie in viele kleine Gruppen zersplittert sind.

Gibt es auch gemeinsame Initiativen?
Selbstverständlich. Ein schönes Projekt, bei dem mehrere ev. Gemeindeverbände zusammenarbeiten, ist der Religionsunterricht, der als Wahlfach für staatliche Schulen angeboten wird. Er findet in den Räumen der christlichen Gemeinden statt und nicht an den Schulen, weil wir Evangelikalen einfach zu wenige Kinder in den einzelnen Klassen haben. Ein anderes Beispiel sind die Frühstückstreffen für Frauen, bei denen auch unsere Kollegen, die DMG-Missionare Angelika und Frank Bosch (Zagreb), mitarbeiten. Sie finden inzwischen regelmäßig in den drei Städten Zagreb, Rijeka und Osijek statt. Oder ProChrist alle drei Jahre …

Welche missionarischen Ideen und Strömungen gibt es sonst im Land – und sind sie erfolgreich?
Es gibt mehrere evangelistische Initiativen, aber nur wenige sind längerfristig angelegt. Sie zeigen leider nur wenig messbaren Erfolg. Allerdings ist Gott anders, er kann auch aus kleinen Anfängen auf Dauer Großes machen.

Gibt es Gemeindewachstum?
Ja, einzelne Gemeinden in Kroatien wachsen, allerdings nicht dramatisch. Und es gibt viel Fluktuation, dass Leute neu in Gemeinden kommen und andere wieder wegziehen. Es zeigt sich immer wieder, dass persönliche Freundschaft und das Ringen um Einzelne die besten Ergebnisse liefern. Dadurch kommen hier Menschen zum Glauben an Jesus. Oder auch durch kreative Ansätze, beispielsweise in unserer christlichen Medienarbeit, die unter dem Dach des Baptistenbundes in Kroatien läuft.

Tihomir Vekic ist DMG-Mitarbeiter in Kroatien
Tihomir Vekic

Wie sieht eure Arbeit konkret aus?
Mit einem kleinen Mitarbeiterteam übersetzen wir die Fernsehsendungen „Hof mit Himmel“ von ERF-Medien in Deutschland ins Kroatische und strahlen sie über lokale Fernsehsender aus. Diese Programme – auf Kroatisch heißen sie „Otvoreno nebo“ – stoßen bei Zuschauern und den Verantwortlichen der Sender auf ein positives Echo. Unser Ziel ist, mit Zuschauern ins Gespräch zu kommen und ihnen auf ihrem Glaubensweg weiterzuhelfen. Sie antworten per Internet, Facebook und Telefon. Viele, auch Katholiken, mögen unsere Sendungen und empfehlen sie Freunden weiter. Das ist sehr ermutigend. Eine Frau schrieb uns ins Facebook: „Ich liebe ‚Otvoreno nebo’ mehr als alle anderen Fernsehserien und empfehle sie gerne allen Bekannten weiter.“

Was für Reaktionen erlebt ihr sonst?
Ein 73-jähriger Mann aus Zagreb rief bei uns an, er war sehr offen für den Glauben. Ich schickte ihm das Buch „Jesus unser Schicksal“ auf Kroatisch. Er las es und rief erneut an, worauf mehrere Gespräche über den Glauben am Telefon folgten. Ein anderes Mal betete ich mit einer Mutter, die anrief, weil ihre Tochter einen Selbstmordversuch gemacht hatte. Ich konnte sie ermutigen. Einmal brachte ich eine ältere einsame Frau mit einer Gemeinde in Kontakt. Es macht Freude, mit den Menschen über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Ab Herbst wollen wir außerdem ein christliches Internetradio für junge Leute aufbauen.

Welche anderen missionarischen Ideen werden in Kroatien umgesetzt?
Mir fällt da spontan noch die Kinderarbeit unter den Romas in Međimurje ein; eine Frau aus unserer Nachbargemeinde, Karmen Horvat, ist darin tätig sowie DMG-Missionar Frank Bosch. Es sind schon einige Romas zum Glauben gekommen. Damit noch mehr Menschen Jesus kennenlernen, benötigt Kroatien dringend Gebet. Und die Hilfe von neuen Mitarbeitern, die Kroaten das Evangelium über neue Wege näherbringen. Die DMG ist sehr offen für Christen, die hier bei uns einen Einsatz machen möchten.

Gibt es noch Nachwirkungen des Krieges?
Wo wir leben, gab es glücklicherweise keinen Krieg. Doch in anderen Regionen ist viel Leid geschehen, und die Beziehungen unter den Volksgruppen sind bis heute gestört. Die evangelikalen Gemeinden dort tun seit vielen Jahren eine gute Versöhnungsarbeit, so dass es heute innerhalb der Gemeinden keine größeren Nachwirkungen mehr gibt.

Wie schätzen die ev. Christen den Beitritt zur EU ein?
Die Meinungen sind geteilt, einige Leute sind skeptisch, andere euphorisch. Die meisten haben realistische Erwartungen. Die Christen in unserer Umgebung haben den Prozess der Anpassung der kroatischen Gesetze an die EU-Gesetzgebung miterlebt. Dabei haben sie die Europäische Union eher als „antichristlich“ erlebt; denn viele der neuen Gesetze widersprechen biblischen Werten. Beispielsweise was Familie, Sexualität, Gender-Ideologie und Humanismus betrifft. Deswegen sind viele Christen in unserer Umgebung eher skeptisch, was den EU-Beitritt betrifft.

Bei einer Taufe in der Baptistengemeinde, in die Fam. Vekic in Kroatien geht
Die Baptistengemeinde von Fam. Vekic

Was seht ihr als Missionare als die größte Chance des EU-Beitrittes?
Dass die Kroaten aus ihrer kleinen Welt herausgefordert werden. Sie werden künftig mehr mit anderen Kulturen, Ansichten und Werten konfrontiert, was auch zu einer neuen Offenheit fürs Evangelium führen kann. Dafür beten wir.

Wie können Christen aus Deutschland Kroatien helfen?
Indem sie Beziehungen mit Gemeinden in Kroatien aufbauen und ihnen bei der Umsetzung von missionarischen Initiativen helfen. Zudem können sie mit ihrem Beispiel zeigen, wie man auch in der EU den Glauben an Jesus authentisch leben und verkündigen kann. Kroatische Christen können von Gemeinden in Deutschland lernen, wie man über Konfessionsgrenzen hinweg zusammenarbeitet und gemeinsam das Evangelium verkündet.

 

Frank und Angelika Bosch berichten

Heute (3.7.) berichteten unsere Mitarbeiter Frank und Angelika Bosch (Foto) in der DMG-Morgenandacht aus ihrer Arbeit.

Frank ist in der Musikmission tätig. Derzeit nimmt er gemeinsam mit Don Newby seine fünfte Musik-CD auf, moderne Psalmen und Songs, fröhliche Musik für Familien, in Kroatisch und Deutsch. Sein Kinderchor Mjuizikids und seine Familyshows in christlichen Gemeinden sind sehr gefragt.

Angelika Bosch ist aktiv in der christlichen Frauenarbeit, beispielsweise arbeitet sie bei den Frühstückstreffen für Frauen mit. Außerdem helfen Sie Romakindern.

Frank und Angelika Bosch sind DMG-Mitarbeiter in Zagreb, Kroatien
Frank und Angelika Bosch, Kroatien

Frank Bosch sagt zum Eu-Beitritt seines Einsatzlandes Kroatien:

„Die Mitgliedschaft in der EU ist eine Chance für die kroatischen Christen. Manche Angebote wie Frühstückstreffen für Frauen, Alphakurse, christliche Freizeiten und neue Gottesdienstformen werden künftig in der Bevölkerung wie in den evangelikalen Gemeinden vielleicht deutlich besser akzeptiert, weil sie in anderen EU-Ländern bereits bekannt und erfolgreich sind. Die jungen Kroaten wollen nicht rückständig und traditionell sein, sondern probieren gerne mal etwas Neues aus. Beten wir, dass sich manche auch neu für den Glauben öffnen.“

Ein Auftritt von Boschs Kinderchor Mjuzikids an Weihnachten
Ein Auftritt von Boschs Kinderchor Mjuzikids an Weihnachten

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