Wie du zum Überwinder wirst!

09.04.2018 16:12

Ulli Lehmann beteiligte sich mehrfach an echten Marathonläufen (42,2 km / Fotos: Two Oceans 2016). Hier berichtet er von 42,2 Jahren, die er mit seiner Frau Heide als Missionar in Südafrika erlebte – ein Marathonlauf besonderer Art:

Ihr seid jetzt genau 42,2 Jahre bei der DMG, das ist uns Anlass für dieses Interview. Wie habt ihr damals in den 1960er-Jahren eure Berufung in die Mission erlebt?

Am 13. Mai 1969, meinem 22. Geburtstag, landete ich (Ulli) das erste Mal in Südafrika. Ich besuchte meine Schwester, die mit einem Missionar verheiratet war, blieb dort und arbeitete ein Jahr als Werkzeugmacher. Damals lernte ich mehrere Missionare kennen, auch Gerhard und Hannelore Nehls von der DMG, die in Johannesburg jungen Leuten aus Townships halfen und evangelisierten. Bei Gerhard erlebte ich, wie notorische Bandenmitglieder und Drogensüchtige zum Glauben kamen und wie Jesus ihr Leben verändert hat. Die Power von Jesus war beeindruckend.

Wo hast du Heide kennengelernt?

Auf der Bibelschule Bergstraße. Heide hatte Jesus schon bald nach ihrer Bekehrung 1969 gesagt: „Hier bin ich, sende mich!“ Mission war für sie selbstverständlich. Nach Südafrika kam sie nicht durch eine Schrift an der Wand, sie hörte auch keine Stimme vom Himmel. Sondern einfach, weil wir 1974 heirateten und uns ab da gemeinsam auf Afrika vorbereiteten.

Ulli und Heide Lehmann zu Beginn ihres Einsatzes in Südafrika
Ulli und Heide Lehmann damals ...

Was war eure erste Aufgabe in Südafrika?

Wir folgten Gerhard Nehls nach Kapstadt, wo viele Muslime aus Asien leben. Wir wollten diese vom Evangelium weitgehend Unerreichten für Jesus gewinnen. Zunächst mussten wir uns grundlegend mit den Lehren des Islam befassen, uns Hintergrundwissen aneignen. 1976 erlebte Südafrika politische Unruhen, was Mission erstmal unmöglich machte. Wir kümmerten uns um junge Christen, begannen eine Abendbibelschule, luden zu Freizeiten ein und hielten Seminare in Gemeinden, um Christen zu motivieren, auf ihre muslimischen Nachbarn zuzugehen und ihnen von Jesus weiterzusagen.

Hattet ihr einen Kulturschock damals?

Ich nicht, weil ich schon zwei Jahre in Südafrika gelebt hatte. Für Heide jedoch war die Umstellung riesig. Besonders die Rassentrennung. Schilder wie „Nur für Weiße“ waren ein Schocker. Apartheid, vorher nur ein Wort, wurde zur bitteren Realität, die uns auf Schritt und Tritt begleitete. Kaum jemand bot für unsere gemischten Gruppen ein Freizeitgelände an. Schwarze und Weiße durften nicht zusammen an den Strand oder ins Restaurant und nicht im selben Zugabteil fahren. Es war schwer zu verkraften.

Die DMG-Missionare Ulli und Heide Lehmann heute
... und heute

Wie seid ihr damit umgegangen?

Wir arbeiteten ja als Weiße unter Dunkelhäutigen. Manchmal hat uns die Sicherheitspolizei kontrolliert, doch wir hatten nie ernste Probleme, weil wir uns nicht politisch engagierten. Uns ging es ja um die Veränderung von Menschenherzen durch Jesus Christus. Umgekehrt mussten wir uns bei Hausbesuchen öfter anhören, wir sollten doch lieber zu „unserer“ weißen Regierung gehen, damit die sich bekehre. Als Ausländer waren wir jedoch meist akzeptiert, denn wir repräsentierten nicht die Unterdrücker.

Ulli Lehmann bei einer Freizeit mit Jugendlichen aus den Townships
Ulli Lehmann bei einer Freizeit mit Jugendlichen aus den Townships

Was hat sich für euch verändert, als 1994 das Ende der Apartheid kam?

Eigentlich nicht viel, weil wir in positivem Sinn „farbenblind“ sind und auch unsere Kinder so erzogen. Gott sieht das Herz der Menschen an, das wollen wir auch. Südafrika allerdings hat sich sehr verändert. Es ist im wahrsten Sinn des Wortes weltoffen geworden. Toleranz wird groß geschrieben, alles geht und ist akzeptiert. Wir sind froh, dass die Rassentrennung abgeschafft wurde. Leider sind seither auch Pornographie, Abtreibung und Homosexualität alltäglich geworden.

Wie schätzt ihr die heutige Umbruchsituation in Südafrika ein?

Das Land hat einen neuen Präsidenten, der vorige musste abdanken. Man spürt einen kollektiven Hoffnungsschimmer, der ja mit Nelson Mandela (1918–2013) wunderbar angefangen hat, aber durch Korruption und anderes wieder verloren gegangen war. Vielen ist klargeworden, wie wichtig es ist, für unseren Präsidenten und die Regierung zu beten.

Gemeinsam mit dem damaligen Missionsleiter Bruno Herm (Mitte) sowie Gerhard und Hannelore Nehls (r.)
Mit Gerhard und Hannelore Nehls (r.)

Wir sind dankbar für religiöse Freiheit in Südafrika, wir können Jesus offen und klar verkündigen. Man kommt leicht ins Gespräch.

Wie ist die Situation der Christen?

Wir sind dankbar für religiöse Freiheit in Südafrika, wir können Jesus offen und klar verkündigen. Man kommt leicht ins Gespräch. Neue Gemeinden entstehen und alte kämpfen ums Überleben. Musikangebote ziehen junge Leute in die Kirchen. Es gibt große Gebetstage: für die Regierung, für Regen oder dass Väter ihre Verantwortung wahrnehmen ... Gott ist noch spürbar auf dem Plan. Allerdings gibt es auch antichristliche Bewegungen, die Jesus und alle biblischen Maßstäbe aus Schulen und öffentlichen Einrichtungen verbannen wollen.

Wie hat sich eure Arbeit im Lauf der Jahre verändert?

Nach 20 Jahren Mission unter Unerreichten – zwölf Jahre in Kapstadt, acht in Johannesburg – war es an der Zeit für eine Veränderung, auch im Interesse unserer Ehe und Familie. Wir arbeiteten einige Jahre in einem Kinderheim mit. Dann hörten wir, dass viele Mütter aus armen Familien ihre Babys aussetzten. Wir arbeiteten im Babyheim „Door of Hope“ in der Innenstadt mit. Von 1999 bis 2006 nahmen wir insgesamt 16 Babys ein paar Monate bei uns auf, um ihnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, bis Adoptiveltern für sie gefunden waren. Gleichzeitig engagierte ich mich in einer jungen Gemeinde im Inderviertel Lenasia. Die Predigten, Bibelstunden, Hausbesuche und Jugendarbeit machten viel Freude.

Im Gespräch mit Kapmalaien
Im Gespräch mit Kapmalaien

Was tut ihr heute, als Rentner?

2003 folgten wir einem Ruf nach Stellenbosch, um Studierende aus aller Welt zu begleiten und ihnen ein Stück Zuhause zu geben – das tun wir bis heute. Einige dieser jungen Leute kommen aus Ländern, wo Mission fast unmöglich ist. Manche sind in den vergangenen Jahren als Christen in ihre Heimat zurückgekehrt, das macht uns froh und dankbar. Spannend sind auch die Diskussionen bei Bibelarbeiten, weil jeder die Bibel mit seiner eigenen kulturellen Brille liest! Selbst in Ehevorbereitungsgesprächen setzen wir uns mit vielerlei Traditionen auseinander und suchen gemeinsam den biblischen Weg.

Welche Aspekte eurer Arbeit machen am meisten Spaß?

Gemeinsame Feiern, wenn Studenten den Abschluss in der Tasche haben, Geburtstage und Abschiede. Wir lachen viel beim Billard, Tischtennis und Wanderungen. Ich muss mich fit halten, um nicht untergebuttert zu werden. Die Gemeinschaft in unserem Hauskreis für Studierende und der lebendige Austausch; bei uns herrscht eine offene und herzliche Atmosphäre. Am schönsten ist es, wenn wir hören, wie Ehemalige in ihrer Heimat einen Hauskreis anfangen und sich so um andere kümmern, wie wir uns um sie bemüht haben.

Die gemeinsame Arbeit mit Gerhard und Hannelore Nehls bleibt unvergessen. Wir haben so viel von ihnen gelernt und mit ihnen erlebt.

Euer schönstes Erlebnis in Südafrika?

Die gemeinsame Arbeit mit unseren DMG-Kollegen Gerhard und Hannelore Nehls bleibt unvergessen. Wir haben so viel von ihnen gelernt und mit ihnen erlebt. Und wir freuen uns sehr an unseren fünf Kindern und vier tollen Schwiegerkindern, sie gehen alle mit Jesus und machen auch unseren 17 Enkeln Jesus lieb. Viele Freunde in Deutschland haben für unsere Kinder jahrelang treu gebetet. DANKE!

Was war das Schwerste?

Die Jahre ohne ein gutes, verbindliches Mitarbeiterteam. Und in Johannesburg hatten wir eine schwere Ehekrise. Jesus hat geholfen, dass es gut wurde und blieb, vor allem durch die Versetzung nach Stellenbosch in eine Arbeit, die wir gemeinsam mit Freude tun.

Ihr seid eh mit die fröhlichsten Missionare. Was hält euch bis heute so fröhlich im Dienst?

Mein Taufspruch: „Die Freude am Herrn ist eure Stärke!“ (Nehemia 8,10). In Zeiten der Not richten wir den Blick auf IHN! Sein Friede regiert in uns, selbst wenn es Fragezeichen in Bezug auf die Zukunft gibt. Wir halten uns an Gottes Verheißungen fest und leben danach.

„Christliche Jugendarbeit war mein Ding“
Christliche Jugendarbeit

Wie hat sich die DMG aus Sicht von euch Missionaren verändert?

Unsere 42,2 Jahre mit der DMG waren durchgehend glücklich. Wir schätzen die jahrelange treue Begleitung, nie fühlten wir uns verlassen oder hinterfragt. Es war immer ein offenes, herzliches Verhältnis, selbst wenn es Schwierigkeiten und Veränderungen gab. Wir beten, dass in allen Neuerungen das Persönliche nie verloren geht und die Zusammenarbeit offen und harmonisch bleibt. Jetzt gilt es, andere geistlich zu motivieren, wenn auch aus Altersgründen nicht mehr direkt mit der DMG. Die herzliche Verbundenheit bleibt.

Was möchtet ihr jungen Christen in Deutschland sagen?

Habt Ausdauer in eurer Beziehung zu Jesus! Es kommen viele Versuchungen auf euch zu. Ich bin in meinem Leben manchen echten Marathon gelaufen. Ohne Ausdauer kommt ein Läufer nicht ans Ziel. Es gibt Zeiten, da will man aufgeben, ist kaputt, hat wenig Zuspruch und will nur noch liegen, schlafen, essen und alles vergessen. Dann heißt es: Ich mache langsam weiter, behalte das Ziel vor Augen, gebe nicht auf, sondern überwinde meine Schwachheit. Langes, gutes und hartes Training hilft, ein Überwinder zu werden …

Missionar Ulli Lehmann im Hauskreis mit Studierenden aus aller Welt
Missionar Ulli Lehmann im Hauskreis mit Studierenden aus aller Welt

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