Wenn Gott Geschichte schreibt

05.11.2014 11:05

25 Jahre Mauerfall: Vier DMG-Missionare berichten

Thailand-Missionarin Heidrun Böhm erzählt, wie sie als junge Apothekerin in der DDR die Wende erlebte
Heidrun Böhm, Thailand
Thomas und Mirjam Hieber sind seit 2006 Mitarbeiter der DMG in Berlin. Wie geht man dort mit dem Thema 25 Jahre Mauerfall um?
Ehepaar Hieber, Berlin
Kathleen Quellmalz hatte als junge Frau einen Traum von Kindern in Tansania – danach war sie sich trotz des Reiseverbootes der DDR sicher, dass sie Missionarin dort würde
K. Quellmalz, Tansania

Plötzlich konnte ich „in alle Welt gehen“

Thailand-Missionarin Heidrun Böhm erzählt, wie sie als junge Apothekerin in der DDR die Wende erlebte
1992 war ich erstmals in Thailand

Von Heidrun Böhm

Mein Name ist Heidrun Böhm. Ich bin Jahrgang 1959 und als erstes von drei Kindern in einem christlichen Elternhaus im Osten Deutschlands rund acht Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt aufgewachsen. In der Schule und während meines Pharmazie-Studiums in Greifswald hörte ich oft, dass es keinen Gott gibt. Manchmal war ich verunsichert und fragte mich, was wahr ist. Auf einer „Rüste“ der Gnadauer Studentenarbeit fand ich die Antwort: meine Suche nach der Wahrheit fand bei Jesus ihr Ziel. Tiefer Friede erfüllte mein Herz, als ich mein Leben in seine Hände legte. Nach dem Abschluss meines Studiums 1982 arbeitete ich als Apothekerin und engagierte mich stark in meiner Gemeinde, vor allem in der Jugendarbeit.

Dann – in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 – geschah das Unfassbare: Die Mauer fiel, und wir konnten zum allerersten Mal unsere nähere Umgebung kennenlernen, Verwandte besuchen und einen Reisepass beantragen! Was für ein Geschenk von Gott. Der gesamte Alltag veränderte sich. Plötzlich stand die Frage im Raum, ob ich mich als Apothekerin selbständig machen sollte.

Beim Beten wurde mir klar, dass dies nicht mein Weg ist. Der große Bankkredit hätte mich für Gottes Führung unfrei gemacht. Dankbar machte mich, dass ich meinen Arbeitsplatz in der Apotheke behalten und abends weiterhin intensiv in der Gemeinde mitarbeiten konnte. Mir war schon zu DDR-Zeiten wichtig, Kontakte zu Christen in Osteuropa (die Länder, die wir schon vor der Wende bereisen durften) zu pflegen. Auch der Kontakt zur Gnadauer Studentenarbeit (heute SMD) riss nie ab. Von zwei verschiedenen Leuten erhielt ich damals etwa zur selben Zeit eine Einladung an die „Akademie für Weltmission“ in Korntal, verbunden mit dem Hinweis: „Schau mal, ob das nicht etwas für dich ist.“

Berichte von Missionaren hatten mich immer schon interessiert, und das Programm der Akademie sprach mich sehr an. Also nahm ich allen Mut zusammen und fragte im März 1991 meinen Apotheken-Chef, ob er mich zehn Wochen unbezahlt freistellen würde. Er erbat sich Bedenkzeit. Als ich am gleichen Abend mit zitternden Knien noch einmal zu ihm ging, in dem Wissen, dass ich vielleicht mit einer Kündigung rechnen muss, kam alles ganz anders. Mein guter Chef gab mir nicht nur zehn Wochen frei, sondern auch noch 300 DM mit auf den Weg. Das zeigte mir, dass unser Herr auch heute noch derselbe ist, er kann Menschenherzen bewegen!

Heidrun Böhm arbeitet in einem Rollstuhlprojekt mit: Mittellose Behinderte erhalten kostenlos Rollstühle und Prothesen
Heidrun Böhm im Rollstuhlprojekt

In Korntal lernte ich Missionare näher kennen und stellte ihnen alle meine Fragen. Eine lud mich nach Thailand ein. Mein Chef gab mir noch einmal drei Monate frei, und so konnte ich am 3. Oktober 1992, dem zweiten Jahrestag der Wiedervereinigung, mit ihr ins Flugzeug steigen und zu Ehepaar Janzen (DMG) nach Thailand reisen – eine Reise, die vor dem 9. November 1989 kaum denkbar gewesen wäre. In Thailand zeigte Jesus mir, dass sein Missionsauftrag noch immer nicht erfüllt ist und legte mir die Menschen dort aufs Herz. Hier gibt es noch ganze Volksgruppen und Gegenden, die nie eine Chance hatten, die gute Nachricht zu hören.

Ich fragte Gott, was ich dazu beitragen könne? Denn nun hatte ich meinen Reisepass und war in der Lage, „in alle Welt zu gehen“. Missionare durch intensives Gebet, Kontakthalten und Geben zu unterstützen, gehörten von nun an zu meinem Alltag. Freunde und Gemeinden fragten mich an, von meiner Reise nach Thailand und was ich dort erlebt hatte zu berichten. Traurig machte mich dann allerdings, wie oft ich hören musste: „Nicht jeder kann gehen, wir sind doch selbst Missionsland.“ Das stimmte schon, doch aus dem Osten Deutschlands waren Anfang der Neunziger-Jahre ja noch kaum Christen in andere Länder ausgesandt worden, und ich hatte z.B. Leute aus einen Bergstamm kennengelernt, die die Bibel noch gar nicht in ihrer Sprache hatten, wo es noch überhaupt keine Gemeinde gab, sondern nur einen einzigen Gläubigen. Ich fragte mich, was wäre aus meinem Leben geworden, wenn ich nie von Gott und Jesus gehört hätte? Wenn es keine Gemeinden, Freizeiten und christlichen Lieder, Bücher und Filme in Deutsch gäbe?

Durch weitere Freistellungen für Bibelschule und zum Sprachelernen in England sowie eine wachsende Unterstützung durch meine liebe Familie, Freunde und Gemeinde ermutigte Gott mich, diesen Weg weiterzugehen. Ende 1995 begann meine Vorbereitungszeit bei der DMG, und dank eines großen Unterstützerkreises, was für mich ebenfalls ein Wunder ist, konnte ich Anfang 1997 nach Thailand ausreisen, wo ich seitdem in der Studentenarbeit und in einem Rollstuhlprojekt mitarbeite.

Der Fall der Mauer war ein Wunder Gottes vor unseren Augen. Mögen wir als Deutsche das nie vergessen!


Gedanken zu 25 Jahre Mauerfall

Thomas und Mirjam Hieber haben die vergangenen Jahre Flüchtlingen und Migranten in Berlin geholfen. Demnächst wechseln sie in eine solche Aufgabe nach Hamburg.
Thomas und Mirjam Hieber in Berlin

Von Thomas und Mirjam Hieber

Nach Berlin wollte ich nie! Die Stadt war mir zu groß, unüberschaubar und unberechenbar, und ich hatte keinen Bezug zu diesem geschichtsträchtigen Ort. Weder hatte ich vor der Wiedervereinigung die geteilte Stadt besucht, noch konnte ich mir vorstellen, wie es den Menschen im Osten der Metropole früher ergangen ist. Dazu kam, dass meine Familie und ich die Jahre nach der Wiedervereinigung als Missionare in Kenia gelebt haben. Berlin, wo die Wende am 9. November 1989 mit dem Mauerfall ihren sichtbaren Höhepunkt fand, war mir fremd.

2006 zogen wir als DMG-Mitarbeiter nach Berlin, um Migranten praktisch und seelsorgerlich zu helfen. Anfangs wurde ich mit einer Stadt konfrontiert, die noch am Finden ihrer Identität war. Pastoren, Leiter und Gemeindeglieder erzählten mir ihre Erlebnisse vom Abend des 9. November 1989, als sie an der Mauer die Menschen aus dem Ostteil der Stadt willkommen geheißen hatten. Ich hörte von Menschen, die mit Kerzen und Gebeten vor der Zionskirche (Prenzlauer Berg) Mahnwachen abgehalten und für eine friedliche Revolution gebetet hatten. Freude, Dankbarkeit, Tränen und Erleichterung kamen in fast jedem Gespräch durch, das bewegt auch mich bis heute.

Eine Geschichte bewegte mich besonders: Bei einer Dankveranstaltung zum Jahrestag der Wiedervereinigung erzählte eine Koreanische Christin, wie sie oft nahe der Mauer am Brandenburger Tor ihre Hände in den Himmel erhoben hatte, um für die Wiedervereinigung Deutschlands zu beten. Ich war beschämt, hatte ich doch als Deutscher nicht ein einziges Mal für die Wiedervereinigung unseres Landes gebetet. Und hier war eine Schwester aus Korea, einem Land, das selbst bis heute geteilt ist, und berichtete, wie sie den Mauerfall als Geschenk Gottes und Gebetserhörung erlebt hatte.

Seitdem habe ich einige Dankveranstaltungen in Berlin mit vorbereitet. Als Netzwerk „Gemeinsam für Berlin“ feiern wir den Tag der Wiedervereinigung bewusst seit Jahren mit interkulturellen Gottesdiensten, einer Prozession entlang der Mauergedenkstädte Bernauer Straße, Gebeten am Mauerstreifen sowie Berichten von Zeitzeugen. Uns ist es wichtig, an diesem öffentlichen Platz Gott zu loben und ihm die Ehre zu geben für das Wunder der Wiedervereinigung. Ganz nebenbei hören viele Touristen und Besucher der Gedenkstätte unsere Loblieder und Gebete …

Übrigens haben wir das Anliegen der koreanischen Christin im vergangenen Jahr als Thema unseres Dankgottesdienstes aufgegriffen und als Berliner Christen zusammen mit koreanischen Glaubensgeschwistern für die Wiedervereinigung Koreas gebetet.

Ich bin dankbar für unsere Zeit in Berlin, dass wir in einer wiedervereinten Stadt leben durften. Wenn ich mit dem Auto über die Bösebrücke an der Bornholmer Straße fahre – die Stelle, an der am Abend des 9. November 1989 die ersten Ostdeutschen in den Westteil der Stadt gelangt sind – erinnere ich mich gerne an den einsamen Trompeter auf der Mauer am Brandenburger Tor, der damals vor 25 Jahren sein „Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen“ in den Berliner Nachthimmel geblasen hat. Und dann bete ich still zu Gott, dass er unserem Land und Berlin gnädig ist.

Hiebers gestalteten christliche Dankfeiern zur Wiedervereinigung mit, Foto: 3. Oktober 2014
Hiebers gestalteten christliche Dankfeiern zur Wiedervereinigung mit, Foto: 3. Oktober 2014

Bis vor kurzem arbeitete ich für das Netzwerk „Gemeinsam für Berlin“ und war Interkultureller Berater und Leiter des Forums für Interkulturelle Beziehungen in Berlin. Zu meinen Aufgaben gehörte das Vorbereiten interkultureller Veranstaltungen, z.B. auch von „Danken, Feiern, Beten“ am Tag der Deutschen Einheit. Ich war Brückenbauer zwischen Leitern, Christen und Gemeinden mit Migrationshintergrund und deutschen Gemeinden mit Schwerpunkt Vernetzung der Flüchtlings und Asylarbeit zwischen Christen und Gemeinden aus unserem Netzwerk und der bereits seit langem etablierten Arbeit von „Asyl in der Kirche“ und anderen Partnern. Demnächst ziehen wir nach Hamburg, wo wir in eine ähnliche Arbeit einsteigen und Flüchtlingen und Neubürgern praktisch und seelsorgerlich helfen werden.

 


Ich träumte von Kindern in Tansania

Kathleen Quellmalz hatte als junge Frau einen Traum von Kindern in Tansania – danach war sie sich trotz des Reiseverbootes der DDR sicher, dass sie Missionarin dort würde
Gott sprach ganz deutlich zu mir

Von Kathleen Quellmalz

Wer hätte 1982 daran gedacht, dass sieben Jahre später die Mauer fallen würde?! Wohl kaum einer. Doch Gott wusste es. Denn es war in diesem Jahr, als Gott zum ersten Mal zu mir sprach, dass ich eines Tages nach Tansania gehen werde. Und das, obwohl eine Reise in dieses Land zu diesem Zeitpunkt für DDR-Bürger kaum möglich war.

Geboren und aufgewachsen bin ich in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt). Meine Familie gehörte der Ev.-lutherischen Landeskirche an. Als Kind lernte ich Gott und die Bibel kennen durch Kindergottesdienst und Christenlehre. Doch es war auf einer Konfirmandenrüstzeit im Februar 1982, wo Jesus mich durch sein Wort ganz persönlich ansprach und ich mich entschied, ihm zu vertrauen und zu folgen.

Diese Entscheidung hatte Folgen: Ich trat aus dem sozialistischen Jugendverband FDJ aus und verweigerte die Jugendweihe. Dafür begann ich, aktiv in unserer Kirchengemeinde mitzuarbeiten. Außerdem bewegten mich die Fragen, was Gottes Wille für meine Zukunft war und welchen Beruf ich erlernen sollte. Dann hatte ich einen Traum:

Ich saß unter einem großen Baum, und um mich herum waren viele Kinder. Ich las ihnen aus der Bibel vor. Es waren afrikanische Kinder. Plötzlich war ich hellwach. Der Traum ging mir nach. Später erklärte mir unsere Jugendleiterin, dass Gott sich uns auch in Träumen und Visionen offenbaren kann. Dabei muss der Betroffene nicht sofort alles verstehen. Sie ermutige mich, meinen Weg weiterhin mit Jesus zu gehen. Dass tat ich.

Nach gut eineinhalb Jahren erwachte ich eines Morgens mit einer Art Ohrwurm; das Wort „Suaheli“ ging mir immer wieder durch den Kopf. Ich hatte keine Ahnung, woher das Wort kam, noch was es bedeutete. Später am Tag sah ich Meyers Lexikon bei uns im Regal. Ich schaute nach. Tatsächlich, es gab eine Erklärung für dieses fremde Wort. Suaheli war die Sprache der Völker Ostafrikas.

Wieder verging Zeit. Am 6. Januar 1986 sprach Gott ein weiteres Mal zu mir. Er legte mir aufs Herz, abends in die Bibelstunde unserer Gemeinde zu gehen. Warum? Ich versuchte den Gedanken zu verdrängen, denn ich hatte andere Pläne. Doch ich bekam keinen Frieden darüber. Also machte ich mich abends auf den Weg.

Ein westdeutsches Auto stand auf unserem Pfarrhof. Besuch? Ich setzte mich in die letzte Reihe. Unser Pfarrer betrat mit dem Gast den Raum, einem Pfarrer aus Westdeutschland. Nach kurzer Vorstellung bat unser Pfarrer den Gast, uns von seiner letzten Reise zu berichten. Seine Reise ging nach Tansania. Jetzt war mir klar, warum Gott mich hier hatte haben wollen.

Drei Mal hat Gott zu mir gesprochen. Afrika, Suaheli und Tansania. Aber Afrika war weit weg und viele Länder für DDR-Bürger unerreichbar. Wie sollte ich nach Tansania kommen? Ich machte gerade meine Ausbildung zur Gemeindepädagogin als das Wendejahr anbrach. Zunächst mit den friedlichen Montagsdemonstrationen und gefüllten Kirchen. Dann kam die Nacht zum 9. November 1989. Es geschah, was keiner geglaubt hatte: Die Mauer fiel!

Dann kam die Nacht zum 9. November 1989. Es geschah, was keiner geglaubt hatte: Die Mauer fiel!

Die nächsten Tage vergingen in einem Rausch aus Euphorie, Jubel, Unglauben und noch nicht richtig fassen können, was geschehen war. Dann wurde mir mit einem Male klar: Kathleen, theoretisch könntest du jetzt in ein Reisebüro gehen und ein Ticket für Tansania buchen. In wenigen Monaten würde meine Ausbildung enden. Ich war hin und her gerissen. Ein Gespräch mit einem Seelsorger half mir in der Entscheidung. Der Weg war frei, aber ich sollte auf Gottes Zeitpunkt warten.

Beruhigt ging ich in den Gemeindedienst. Nach zwei Jahren war der Zeitpunkt gekommen. Ich spürte, dass Gott auf eine Antwort meinerseits wartete. Doch ich hatte Angst. Angst vor der großen Welt. Angst vor dem Schritt ins Unbekannte. Angst, es meiner Familie mitzuteilen. War Tansania wirklich Gottes Wille und Berufung für mich?

Nach einer Zeit des inneren Ringens, sprach Gott noch einmal zu mir. Ich bekam eine Spruchkarte, auf der stand: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“ (Römer 11,29). Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Ich begann, mich nach Missionswerken umzuschauen, die in Tansania arbeiten. So stieß ich auf die DMG. Mit meinem alten Wartburg fuhr ich damals das erste Mal in deren Zentrale, den Buchenauerhof bei Heidelberg. Kurz darauf gab ich meine Bewerbung ab und reichte meine Kündigung ein. Nach einem halben Jahr Sprachstudium in England begann meine Vorbereitungszeit bei der DMG, und am 27. September 1995 stieg ich ins Flugzeug: in meiner Hand das Flugticket mit Ziel: Daressalaam, Tansania.

Jetzt sind es genau 19 Jahre, dass ich in Tansania bin. Das afrikanische Land ist mir zum Zuhause geworden. 1997 begannen wir mit einer Arbeit unter Straßenkindern. Wir hatten kein Haus, aber einen großen Baum, unter dem wir uns trafen … genau wie ich es 1982 in meinem Traum gesehen hatte.

Anmerkung der Redaktion:
Inzwischen versorgt der Verein „Safina“ (Die Arche), den Kathleen Quellmalz leitet, mit 30 Mitarbeitern hunderte obdachlose Kinder und Jugendliche in den Städten Dodoma, Singida und Iringa. In acht Häusern haben sie 46 Kinder in Pflegefamilien aufgenommen, andere werden wieder bei ihren Eltern eingegliedert und erhalten, mitfinanziert von der DMG, Unterstützung für Schule und Ausbildung.

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