Welt – Mission – Corona

10.06.2020 17:45

12 Thesen und 12 Hoffnungen[1]

Von DMG-Direktor Günther Beck

Coronaeinschränkungen und die Folgen für Menschen weltweit, Gemeinde und Mission
Coronaeinschränkungen und die Folgen für Menschen weltweit, Gemeinde und Mission

1.) Mission geht weiter, bis der Herr Jesus wiederkommt

Markus 13,10: „Allen Völkern muss zuerst das Evangelium verkündet werden.“ Das ganze 13. Kapitel des Markusevangeliums handelt von den letzten Dingen, dem Weltende, der Rückkehr des Herrn Jesus auf die Erde. Aber vorher, zuerst, MUSS die Botschaft von Jesus weitergegeben werden. Dieser Auftrag besteht zu allen Zeiten und unter allen Umständen, bei Religionsfreiheit, aber auch ohne diese. Die Formen der Verkündigung mögen sich radikal ändern, doch unser Grundauftrag bleibt derselbe. Da Sie diese Zeilen lesen, vermuten wir, Ihnen ist dieser Auftrag Gottes auch wichtig, und für diese Verbundenheit danken wir Ihnen.

2.) Wir brauchen Jesus nicht nur für die Seele, sondern für alles

Das Leid, das durch Coronapräventionsmaßnahmen ausgelöst wird, ist unvorstellbar. Schon vor Corona war Hunger[2] die häufigste Todesursache weltweit. Viele Menschen in anderen Ländern leben von der Hand in den Mund, sie ernähren sich durch Dienstleistungen, vom Schuheputzen über Rikschafahren zu Fremdenführen, die nur bei Durchführung bezahlt werden. Auch Betteln gehört zu diesen Einkommensarten. Durch Kontaktsperren fallen alle diese Einkünfte weg, laut UN betrifft das in Afrika die Hälfte aller Einkommen. Unsere Missionare haben sehr schnell reagiert und viele verteilen, unabhängig von ihrem üblichen Auftrag, Lebensmittelpakete. Die Unterscheidung zwischen „sozialer“ und „geistlicher“ Mission existierte schon immer nur in der Theorie. Nicht nur in Micha 6,8 werden Gerechtigkeit und Güte als Gottes Maßstab für unser Handeln bezeichnet. Der Mensch lebt „nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Matthäus 4,4). Gottes Heil gilt dem ganzen Menschen in seinen leiblichen, sozialen und ewigen Bedürfnissen. Christliche Aktivitäten werden als „nicht systemrelevant“ angesehen, wenn sie nur einen engen Bereich des Menschseins ansprechen.

Wir wünschen uns, dass Christen in Notlagen eingreifen, ohne dass sich Nothilfe verselbständigt oder zur Dauerlösung wird. Ressourcen der Menschen, denen wir helfen wollen, müssen erkannt und gefördert werden.

3.) Schuldfragen ändern nichts an unserem Auftrag

Sind die Präventionsmaßnahmen zu streng oder zu locker? Wo kommt das Virus her? Wer hat es verbreitet? Steckt ein heimliches internationales Komplott hinter dem allen?

Für die meisten von uns ist es müßig, Antworten auf diese Fragen zu suchen. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: „Herr, was willst du von mir in dieser Situation?“ In den aller­meisten Fällen wird Gottes Antwort lauten wie in These 1. Wir wissen, dass Gott der Herr der Geschichte bleibt. Unsere Aufgabe ist es, seinen Willen zu erkennen und zu tun.

Wir wünschen uns, dass Christen weniger Zeit damit verbringen, den Scheinfragen der Welt nachzugehen. Dass sie sich nicht von den Ängsten und Sorgen der Welt anstecken lassen, sondern im Gegenteil die Hoffnung des Evangeliums weitergeben.

Missionsleiter Günther Beck, DMG
Günther Beck

4.) Internet-Gottesdienste verstärken die Tendenz zu christlicher Konsumhaltung

Es ist schön, dass wir nicht ganz auf Gottesdienste verzichten müssen. Viele Gemeinden haben sehr schnell über Internet oder Telefon Gottesdienste angeboten. Was dabei fehlt, ist die gegenseitige Ermutigung, das biblische „einander“[3]. Allein durch meine sichtbare Anwesenheit im Gottesdienst ermutige ich andere, die sehen, dass ich auch da bin.
Statt persönlich dabei zu sein, schauen oder hören wir uns Gottesdienste an, die immer professioneller werden. Irgendwann besuchen wir dann nicht mehr die virtuellen Gottesdienste unserer Heimatgemeinden, weil wir merken, dass es andere gibt, die viel pfiffiger, kurzweiliger, tiefer oder was auch immer sind. Wir hören uns also immer bessere Gottesdienste an, und dann? Wem dienen wir dadurch? Zahlen, wie viele Menschen sich welches YouTube-Video angesehen haben, mögen von flüchtigem Interesse sein, das Wachstum des Reiches Gottes lässt sich daran nicht ablesen.
Wir wünschen uns, dass Christen sich in Person treffen, wann immer und wo immer möglich. Wenn das nicht geht, dann in Online-Gruppen, die klein genug sind, um echten Austausch zu ermöglichen.

5.) Große Versammlungen sind nur eine Form von Gemeinschaft

Abstandsvorgaben werden uns noch eine Weile begleiten. Auch große Gemeinderäume sind schnell voll, wenn man 1,5 bis 2 Meter Abstand halten oder 10 m² pro Person einrechnen muss. Das ist nicht schlimm. Alle Verheißungen für christliche Gemeinschaft gelten ab zwei Personen. Wenn es mehr sind, können noch mehr Gaben zur Entfaltung kommen, aber das Konzept ist nicht „je mehr, desto besser“, sondern „je hingegebener, desto besser“.

Wir wünschen uns für jeden Christen einen Freund, mit dem er sich täglich kurz über sein geist­liches Leben austauschen kann: Was hast du heute gelesen? Wofür bist du Gott dankbar, für wen kannst du heute ein Segen sein und wie? Was macht dir Mühe?

Wir wünschen uns Gruppen von Christen, die sich wöchentlich treffen – persönlich oder auf elektro­nischem Wege –, um sich auf dem Weg mit Jesus zu ermutigen.

Neue Schulformen für Missionarskinder
Neue Schulformen für Missionarskinder

6.) Unterricht geht auch online

Von regulärem Schulunterricht bis hin zu spezialisierten Seminaren haben wir innerhalb von Mona­ten gelernt, dezentral zu lehren und zu lernen. Muss das aufhören? Häufig kehren Missio­nare zurück, weil die Schulbildung ihrer Kinder im Einsatzland trotz der segensreichen Arbeit der Deutschen Fernschule schwierig ist. Auch wenn sie diese Zeiten in Deutschland zu ihrer eigenen Fortbildung nutzen, könnte Fernunterricht flexiblere Modelle erlauben.

Wir wünschen uns christliche Schulen in Deutschland, die auch dezentrale Klassen und Misch­formen anbieten, die einen flexiblen Wechsel von Präsenzunterricht auf online und umgekehrt ermöglichen.

7.) Neue Missionare findet man in Gemeinden

Mit hohem Aufwand und Kosten stellen Missionen ihre Arbeit auf christlichen Konferenzen vor. Dort werden Menschen, die offen sind für Gottes Führung, persönlich auf seinen weltweiten Auf­trag angesprochen. Ohne solche Konferenzen gibt es dennoch Offenheit für Gottes Führung und für persönliche Herausforderung. Missionen könnten einzelne Christen motivieren und schulen, den Missionsbefehl in ihren Netzwerken zu verbreiten.

Wir wünschen uns, dass Gemeinden und Gruppen von Christen wie in These 5 ihre Berufung zur Mission erkennen und Berufungen aussprechen.

8.) „Tracking-Apps“ erfordern natürliche Kontakte zur Evangelisation

Corona-Tracking-Apps sind in einigen Ländern schon Pflicht. Erhält eine Regierung Zugriff auf diese Daten, kann sie Bewegungs- und Begegnungsprofile der Bürger erstellen. In einem christenfeindlichen System können sie verwendet werden, um die Wege von Christen und ihre Kontakte mit anderen Menschen nachzuverfolgen.

Wenn also geistlicher Dienst in einem Land ohnehin verboten oder eingeschränkt ist, werden Begegnungen, die aus rein evangelistischem Anliegen entstehen, unmöglich oder gefährlich. Die „normalen“, alltäglichen Begegnungen durch Beruf, Hobby, Sport usw. bleiben erlaubt – und sind dann vielleicht die einzige Möglichkeit, von der Hoffnung zu reden, die wir in Jesus haben. Die Zeit, bis es so weit ist, dürfen wir nutzen, um dies einzuüben. Die Anzahl an „Berufsmissionaren“ mag schrumpfen, die an Zeugen für Jesus nicht. Als Missionswerk müssen wir das missionarische Potential von Christen fördern, die nicht im Hauptberuf „Missionare“ sind.

Wir wünschen uns, dass Christen weltweit lernen, die Hoffnung Jesu im Rahmen der natürlichen Kontakte, die sie durch ihre weltlichen Berufe haben, weiterzugeben.

9.) Flugreisen werden kritischer gesehen

Natur- und Klimaschutz sind uns wichtig: Einsätze werden daran angepasst!

Während der strengen Zeit der Coronakrise hat die Natur aufgeatmet. Dieser positive Effekt hat die Skepsis vor allem junger Menschen verstärkt, ob wir immer überallhin fliegen müssen. Gleichzeitig haben wir gelernt, dass wir vieles – mit offensichtlichen Abstrichen – ohne physische Präsenz erledi­gen können. Wir werden immer noch in die meisten Einsatzländer fliegen, um dort zu leben, zu kurzen Konferenzen aber nicht unbedingt.

Wir wünschen uns gerade im Kurzzeitbereich mehr Einsatzmöglichkeiten, die auch ohne Flüge interkulturelle Missionserfahrung ermöglichen. Dazu gehört Leben und Arbeiten in ethnisch geprägten Stadtteilen in Europa, aber auch Sprach- und Kulturstudien in Ländern wie der Türkei oder Nordafrika, die man mit Bahn, Bus und Fähre erreichen kann.

10.) Finanzielle Einbrüche erlauben die Rückkehr zu biblischen Prinzipien

Dass Geld keine Probleme löst, wissen wir schon lange, ebenso dass Mission nicht (mehr) von reich zu arm geht, sondern viel häufiger umgekehrt. Die Coronakrise hat das noch stärker verdeutlicht[4]. Das Gebet erhält einen neuen Stellenwert, wenn wir nicht weiter wissen. Schon jetzt sehen wir weltweit eine Zunahme von Gebetsinitiativen. Ebenso sollten wir noch stärker als bisher einheimische Missionsbewegungen wahrnehmen und von ihnen lernen, wie man auch ohne viel Geld die frohe Botschaft weitertragen kann. In der Regel geht das einher mit außer­ordent­licher Hingabe und Leidensbereitschaft.

Wir wünschen uns genau das: dass wir wohlstandsgewohnten – ja, verwöhnten – Christen wieder mit neuer Hingabe nach dem Willen Jesu fragen und ihm folgen, auch ohne viel­fältige materielle Ab­sicherungen. „Not lehrt beten“, sagt man und es kann nur heilsam sein für uns, wieder ganz bewusst von Gott zu erwarten, dass er unsere Bedürfnisse stillt.

Versöhnung ist unsere Kernkompetenz als Christen in einer unversöhnten Welt
Versöhnung ist unsere Kernkompetenz als Christen in einer unversöhnten Welt

11.) Versöhnung in einem fremdenfeindlichen Umfeld

Mit der Ausbreitung des Coronavirus beobachten wir wachsende Fremdenfeindlichkeit. Zunächst wurden bei uns Asiaten unter Generalverdacht gestellt, das Virus zu verbreiten. In einigen afrikanischen Ländern wuchs das Misstrauen zu Weißen. Angst führt oft zu Abschottung Fremden gegenüber und zu Kleinstaaten- oder Stammesdenken. Plötzlich werden alte Feindbilder reaktiviert und neue physische wie mentale Grenzen entstehen. Wie können Christen angesichts dieser Barrieren die gute Nachricht von Jesus Christus weitergeben?

Wir wünschen uns Jesus-Nachfolger, die bereit sind, die Grenzen der Vorurteile zu überwinden und die versöhnende Kraft des Evangeliums zu veranschaulichen, indem sie jeden Menschen als ein von Gott geliebtes Geschöpf und ihren Nächsten behandeln, den sie lieben wie sich selbst.

12.) Ihre These?

Gibt es etwas, das Sie ergänzen möchten? Sie machen ja auch Ihre Beobachtungen und denken betend nach.

Wir wünschen uns, dass wir gemeinsam dem Auftrag Jesu, die Frohe Botschaft bis an die Enden der Welt zu tragen, nachkommen – wie immer sich die äußeren Umstände gestalten mögen.

>> Schreiben Sie uns >>


Fußnoten:

(1) Diese Thesen sind aus Beobachtung, Gebet und Reflexion entstanden. Zur einfacheren Lesbarkeit verzichten wir auf die Nennung aller Geschlechter.

(2) Laut www.worldhunger.org etwa neun Millionen Tote pro Jahr durch Mangelernährung.

(3) Einander = einer den anderen“ (1. Thessalonicher 5,11: baut einander auf; Hebräer 10,24: einander anreizen zu guten Werken; 1. Petrus 4,8: dient einander; Galater 6,2: tragt einer des anderen Last …)

(4) Bislang waren die USA der größte Sponsor von evangelischer Mission weltweit, aufgrund der aktuellen Arbeitslosigkeit rechnet man dort mit einer Halbierung des Spendenaufkommens.

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