Weihnachten extrem

13.12.2019 10:12
Kinder in Kenia beim Krippenspiel
Kinder in Kenia beim Krippenspiel

Wie Missionare in aller Welt das Christfest erleben

Geschmückte Tannbäume, Weihnachtsmusik, Schnee und duftende Plätzchen kommen uns in den Sinn, wenn wir an Weihnachten denken. Kaum vorstellbar, die Feiertage bei Sonne, 40 Grad im Schatten, mit anderen Traditionen zu feiern – laut, bunt und stressig?! Hier eine Sammlung, was unsere Missionare und Freiwilligen an Weihnachten aus ihren Einsatzländern geschrieben haben:

Nepal: Auf zur Adventsparty!

„Shaantmaya raat, shaantmaya raat“ (Stille Nacht, heilige Nacht) tönt es in einer Stadt in Nepal aus den Lautsprechern. Kurz vor Weihnachten versammelt sich die ganze Gemeinde auf einem Platz. Tagsüber herrscht dort Verkehr und Trubel. Jetzt ist es dunkel, ein Lagerfeuer flackert. Die Tanzgruppe der Kirche in farbenfrohen Gewändern macht sich bereit. Sie starten mit lauter Musik und rhythmischem Nepali-Tanz und sorgen mächtig für Stimmung beim „Carol Singing“. Kein Wunder, dass die Anwohner neugierig aus den Fenstern schauen. Motorradfahrer bleiben stehen und bestaunen das Spektakel. Dann hält der Pastor eine feurige Andacht. Die Weihnachtsparty ist einfach nur schön und sie wirkt: Am 25. Dezember kommen viele zum vierstündigen Gottesdienst, wieder mit Gesang, Tanz und Festessen. Auch wenn uns vom Sitzen auf dem Boden alles wehtut: Wer kann schon sagen, dass er Weihnachten mit 1.600 anderen Gästen gefeiert hat?

Tschechien: Das goldene Schwein

In der Tschechischen Republik gibt es erstaunlich viele abergläubische Elemente in den Weihnachtsritualen, die Glück bringen sollen. Beispielsweise wird den Kindern gesagt, dass sie ein goldenes Schwein sehen, wenn sie am 24. Dezember den ganzen Tag nichts essen – ein Ding der Unmöglichkeit angesichts der vielen leckeren Plätzchen. Abends reflektieren die Eltern mit einem Spiegel einen Lichtfleck an die Wand: das Schweinchen für die Kleinen. Jetzt gibt es Geschenke. Die bringt dann aber doch der Ježíšek; der kleine Jesus.

Ecuador: Warten aufs Müllauto

Die Weihnachtsaktion am Müllplatz
Weihnachtsaktion am Müllplatz

Advent in Quito, der Hauptstadt von Ecuador: Gloria und ihre Kinder müssen früh raus. Sie wollen unter den Ersten in der Schlange am Müllplatz sein, wenn die Lastwagen mit Abfall heranrollen. Jaime, ihr Ältester, schaut erwartungsvoll: „Wenn wir Glück haben, finden wir etwas zu essen“, denkt er. Die kleine Familie erwartet zu Weihnachten nichts Idyllisches, schon gar keinen vollen Esstisch. Hunderte Menschen warten mit ihnen auf etwas Essbares. Sie leben davon. Christen aus Ecuador, eine Hilfsorganisation und wir Missionare kommen jedes Jahr an die Müllkippe, um Ärmste zu beschenken. Wir verschenken Essen, Kleidung und Spielzeug und bieten kostenlos medizinische Hilfe an. Dann gibt es eine Andacht, damit die Liebe Gottes gerade zu Weihnachten weitergegeben wird und der Hunger, der die Menschen an diesen bitteren Ort treibt, gestillt werden kann.

Südfrankreich: Dankbarkeit gelernt

Hier lerne ich Dankbarkeit: für meine Familie, Bildung, mein Leben. Nicht jedes Einwandererkind aus Nordafrika, das wir betreuen, hat ein eigenes Zimmer, kann essen so viel es will oder hat Geschwister und Eltern, die bei den Hausaufgaben helfen. Vor Weihnachten haben wir mit den Kindern Plätzchen gebacken, Crêpes gegessen und im Puppenspiel Weihnachten nacherzählt. Viele Kinder aus Marokko und Algerien haben die biblische Geschichte das erste Mal gehört. Was für ein Privileg, die Worte aus dem Lukasevangelium schon seit meiner Kindheit auswendig zu kennen. Mehr noch, diesen Gott zu kennen, der die Einwandererkinder so sehr liebt, dass er Mensch für sie geworden ist.

Philippinen: Feier am Strand

Mit einer Tasse Glühwein und Lebkuchen sitze ich auf dem Sofa und schaue einen Weihnachtsklassiker im Fernsehen. Draußen fällt Schnee. Plötzlich lautes Piepen. Der Wecker! Guten Morgen auf den Philippinen! Ich habe nur geträumt von Weihnachten in Deutschland. Bei 31 Grad kämpfe ich mich aus dem Bett und schwitze jetzt schon. Heute bereiten wir die Weihnachtsfeier vor. Am Strand! Advent hat hier schon im September begonnen. Alles ist mit Lichterketten und Plastiktannenbäumen geschmückt, überall laufen kitschige Weihnachtslieder. Die katholische Kirche posaunt ab dem 16. Dezember jeden Morgen um drei Uhr lautstark über Lautsprecher Weihnachtsmusik und eine Messe in die Nacht hinaus. Und Geschenke? Die werden auf den Philippinen nicht vor anderen ausgepackt, das macht jeder für sich alleine. Es könnte ja sein, dass ein Geschenk nicht den Erwartungen entspricht.

Heiligabend am Strand
Heiligabend am Strand

Malawi: „Was tu ich hier eigentlich?“

Noch ist es dunkel, leichter Nieselregen fällt, ein Bergdorf in Malawi, Strohhütten. Es gibt weder Strom, noch fließend Wasser, dafür ist es richtig kalt, das Feuerholz nass und ich bekomme es einfach nicht zum Brennen. Was tu ich hier eigentlich? Ich denke an Weihnachten: Zu was hat sich unser Herr erniedrigt? Krippe statt Himmel, Fischer statt Engel und Windeln statt Lichtglanz. Auch wenn der Umzug in ein einfaches Afrikadorf kaum mit dem vergleichbar ist, was Jesus erlebt hat – es gibt Parallelen: Welche Überwindung es beispielsweise kostet, sich übers stinkende Toilettenloch zu hocken, aus dem die Fliegen schwirren. Nun lebe ich also in Malawi, stammle auf dem Niveau einer Dreijährigen und werde von allen korrigiert. Warum halte ich hier aus? Weil Gott die Dorfbewohner liebt! Daran erinnert er mich beim Feuermachen.

Costa Rica: Warten auf Heiligabend

Tamales, kleine gekochte Weihnachtspäckchen :)
Gekochte Weihnachtspäckchen :)

Wir können es kaum erwarten. Da sind wir wohl schon ganz Costa-Ricaner. Unsere Nachbarn fangen bereits im Oktober damit an, ihre Häuser zu dekorieren. An Heiligabend sitzen die Leute bei Reis, Hühnchen, grünen Bohnen und Paprika zusammen. Und sie genießen leckere Tamales, das typische Weihnachtsessen aus Costa Rica in Mittelamerika. Es erinnert an ein Geschenkpäckchen. Tamales sind Maisklöße, liebevoll in Bananenblätter eingepackt, mit Schnur umwickelt, damit sie nicht auseinanderfallen. Sie werden in heißem Wasser aufgekocht und schmecken super!

Äthiopien: Erst im Januar

Während in Europa die Weihnachtsdekoration herausgekramt, Plätzchen vertilgt und das neue Jahr begrüßt werden, ist in Äthiopien am Horn von Afrika nichts von alldem zu spüren. Das liegt am koptischen Kalender: Die Geburt von Jesus wird im Januar gefeiert. Das typisch westliche Weihnachten gibt es hier nicht. Ehrlich gesagt bin ich froh, dem europäischen Drumherum auszuweichen. Da rückt das Eigentliche in den Mittelpunkt: Jesus kommt, um uns mit Gott zu versöhnen. Doch ganz muss ich auf heimelige Weihnachten nicht verzichten. Ein Paket mit Lebkuchen, Spekulatius und Marzipan kam für mich aus dem Schwabenland. Es ist schon lustig, bei 24 Grad Weihnachtsleckereien zu genießen. Meinen afrikanischen Freunden haben die Süßwaren auch geschmeckt.

Polen: Stroh unterm Teller

Beim polnischen Weihnachtsessen wird unter die Tischdecke Stroh gelegt, als Hinweis auf die Krippe. Traditionell servieren unsere Freunde zwölf verschiedene, fleischlose Gerichte – ein immenser Aufwand. Die Leckereien erinnern an die Zahl der Apostel von Jesus. Vor dem Essen erhält jeder eine Oblate und geht damit von Gast zu Gast. Jeder darf ein Stück abbrechen. Dazu wünschen sie sich wortreich Segen. Das Essen selbst beginnt mit rotem Borschtsch; eine Rote Bete-Suppe mit Teigtäschchen, die mit Pilzen gefüllt sind. Auf dem Tisch ist auch ein leeres Gedeck für den unerwarteten Gast, für Jesus!

Brasilien: Wo Arme ihre Not vergessen

Eine Tradition im südamerikanischen Brasilien gefällt mir besonders: Anfang Dezember werden im ganzen Land Lebensmittel gesammelt und verteilt. Wer hat, erinnert sich an mittellose Nachbarn und beschenkt sie mit Mehl, Zucker, Reis und Bohnen. Als Dekoration hängt jeder einen grünen Zweig ins Zimmer, winterlich mit Watteschnee bestäubt. Kurz vor Heiligabend ziehen singend Gruppen durch die Straßen. Sie bringen eine kleine Marienstatue mit Jesuskind und stellen sie in einem Wohnhaus auf. Am nächsten Tag tragen sie die Statue ins nächste Haus. Zum Fest leisten sich die meisten Brasilianer neue Kleider. Am 24. Dezember sind alle unterwegs und besuchen Freunde. Überall gibt es leckeres Essen. Laute, lustige Musik erfüllt die Straßen. Weihnachten in Brasilien ist ein fröhliches Fest. Für ein paar Tage vergessen selbst die Ärmsten ihre Not.

Italien: Grund ewiger Freude!

Als wäre die geheimnisvolle Atmosphäre nie bis nach Italien gelangt: Hier gibt es weder Adventskranz noch Lieder, keine Plätzchen noch Tannenduft. Einsam blinkt ein Sternchen an einem vereinzelten Haus. Okay, am Wochenende gab es einem Weihnachtsmarkt in unserem Bergdorf. Der beschränkte sich allerdings auf zehn winzige Stände. Den Duft nach gebrannten Mandeln und Punsch suchte ich vergeblich. Wie soll man da in Weihnachtsstimmung kommen? Ich verdrücke die eine oder andere Heimwehträne. Plötzlich wird mir klar: Jesus wurde vor 2.000 Jahren nicht in eine Welt voller duftender Zimtsterne hineingeboren. Er war fremd in einer lieblosen Umgebung. Er kam, um uns Leben und Frieden zu schenken, was für ein Grund zur Freude!

Angola: Das ganze Jahr Beleuchtung

Ist das ein Zeichen? Oder hat man einfach vergessen die Dekoration von den Straßenlaternen abzunehmen? In den Hauptstraßen von Luena in Angola liegt der Staub zentimeterdick, wie brauner Schnee – darüber erstrahlt das ganze Jahr die Weihnachtsbeleuchtung. Nachts, natürlich nur, wenn es Strom gibt, werden die bunten Lichter angeschaltet. Da die Deko das ganze Jahr hängt, nimmt sie außer uns Neulingen keiner mehr wahr. Ich finde es trotzdem großartig, immer an die Liebe von Jesus Christus und seine Geburt erinnert zu werden.

Christbaum im Nahen Osten
Christbaum in Nahost

Nordfrankreich: Gemütlicher als erwartet

Ich weiß nicht, wie ich mir Advent in Frankreich vorgestellt habe, aber definitiv nicht so … weihnachtlich! Ich hab’ nicht erwartet, dass es so gemütlich wird. Im christlichen Café haben wir einiges besonders gemacht. Aus dem Adventskalender kamen immer zwei Geschenke: eines für den Gast und eine Figur für unseren Dekobaum, der das Café überschirmte. Jede Figur stellte einen Teil der Weihnachtsgeschichte dar: Tag für Tag kamen neue Figuren wie Maria, Joseph und die Hirten zusammen. Wir erzählten Gästen die Geschichten dazu. Nach einem solchen Moment sprach mich eine junge Frau an – wertvoll, weil ich mir Kontakte zu jungen Franzosen wünsche. An den Adventssonntagen fanden Gottesdienste im Café statt, wir haben die Räume geschmückt, es war ein Traum.

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