Portugal: Was ist der Lohn?

29.08.2018 08:35
Amrei Wehmeyer in Portugal
Amrei Wehmeyer in Portugal

Amrey Wehmeyer betreut seelsorgerlich Gemeindemitarbeiter und Missionare mit ihren Familien im Member-Care-Zentrum in Lourinhã (Westportugal). Sie schickte uns folgende eindrucksvolle Geschichte:

Thomas und Stefan waren Schulkameraden bis zu ihrem 16. Lebensjahr. Anfangs waren sie beste Freunde, Stefan hatte sich sogar von Thomas mit in die Kinderstunde der Gemeinde einladen lassen. Geschichten von Jesus begeisterten Stefan. Er entschied bereits als Teenager, dass er Pastor werden und Gott voll und ganz dienen wollte.

Ein Zimmer im Seelsorgezentrum von Amrei Wehmeyer in Portugal

Leider schlug Thomas im Lauf der Jahre eine ganz andere Richtung ein. Thomas hatte in der Gemeinde Gitarre spielen gelernt und war ein guter Sänger. Der Musiklehrer entdeckte sein Talent und ermutigte ihn, eine Band zu gründen. Die wurde erfolgreich, so hatte er keine Zeit mehr für die Jugendgruppe. Stefans und Thomas’ Wege trennten sich endgültig, als Thomas mit 16 die Schule verließ und mit seiner Band Karriere machte.

Hin und wieder kaufte sich Stefan eine Musik-CD von Thomas’ Band, doch ihre Schlagzeilen wegen exzessiver Gelage, Alkohol und Drogen machten ihn traurig. Stefan wollte nichts damit zu tun haben, er widmete sich ganz dem Studium der Theologie. Als Pastor heiratete er Jutta, eine Jugendreferentin. Sie fanden ihren Platz in einer Gemeinde, die unter Stefans unermüdlichem Einsatz aufblühte.

Der verlorene Sohn

Bibelkreis, Gebetsstunde, Hauskreise, Religionsunterricht, Ehekurse, Freizeiten und andere Veranstaltungen forderten Stefans ganze Kraft. Manchmal hörte er Juttas Klagen, dass er zu wenig Zeit für die Familie hatte. „Das ist der Preis, wenn wir Gott dienen“, beruhigte er sein schlechtes Gewissen. Bereits mit Anfang 40 war Stefan körperlich, seelisch und geistlich müde. Erwartungsvoll fuhr er zu einer Tagung für Gemeindeerneuerung.

Auf der Rückfahrt im Zug kam Stefan sich noch leerer vor. Er musste noch die Predigt für Sonntag vorbereiten und wollte gerade seinen Laptop öffnen, als ihn jemand ansprach: „Hallo Stefan, was für eine Überraschung!“ Er traute seinen Augen nicht: „Bist du das, Thomas?“ Der ausgemergelte Körper und tiefliegende Augen waren eindeutige Spuren von Thomas’ ausschweifendem Lebensstil. Doch seine Augen strahlten und er lachte fröhlich. Stefan wurde neugierig und Thomas sprudelte nur so heraus mit seiner Geschichte.

Er hatte Karriere als Musiker gemacht, doch seine Drogenexzesse ließen ihn im Laufe der Jahre verzweifeln. Nach dem vergeblichen Versuch, sich mit einer Überdosis das Leben zu nehmen, kam er in Entzug. Dort lag eine Bibel aus. Die Geschichte des Verlorenen Sohns aus Lukas 15 kam Thomas wie seine eigene vor. Er entschied, zu Jesus zurückzukehren. In der Klinik schrieb er einen Brief an seine Mutter und bat sie um Vergebung. Jetzt war er auf dem Weg nach Hause, wo die Mutter ihn erwartete.

Der ältere Bruder wurde zornig und wollte nicht ins Haus hineingehen. Da kam sein Vater heraus und redete ihm gut zu.

Kaum hatte Thomas seine Geschichte beendet, musste er aussteigen. Die zwei Männer tauschten noch schnell ihre Handynummern aus. „Komm mich besuchen, dann feiern wir, was Gott in meinem Leben getan hat“, lächelte Thomas zum Abschied. „Ja, mal sehen wann ich Zeit dazu habe“, erwiderte Stefan in Gedanken versunken.

Als Thomas aus dem Zug war, dankte Stefan Gott im Stillen für diese Inspiration zu seiner Predigt. Er öffnete das Bibelprogramm auf seinem Laptop und las in Lukas 15 die bekannte Geschichte vom Verlorenen Sohn nach: „Denn mein Sohn war tot und ist ins Leben zurückgekehrt. Er war verloren und ist wiedergefunden worden. Dann begannen sie zu feiern.“ Müde legte Stefan den Laptop zur Seite. „Warum ist mir nicht nach Feiern zumute? Sollte ich mich nicht über Thomas freuen?“ Er schloss die Augen und dachte: „Herr, was ist los?“ Plötzlich hatte er das Gefühl, dass Gott zu ihm sprach. Das hatte Stefan lange nicht mehr gespürt, er las weiter in der Bibel und dachte nach.

Schon lange wusste er nicht mehr, was sich eigentlich in seiner Familie abspielte. Wenn Jutta ihm erzählte, was sie mit den Kindern und Freunden erlebte, hörte er geduldig aber nicht sehr anteilnehmend zu. Oft kam er sich wie ein Fremder im eigenen Haus vor. Am Liebsten war es ihm, die Kinder schliefen schon, wenn er heimkam. Er las Lukas 15,27 f.: „‚Dein Bruder ist zurückgekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat.‘

Stefan konnte den älteren Bruder verstehen! Ein Festessen für den Verräter? Er erkannte die Parallelen zu seinem eigenen Leben. Sein Dienst für Jesus war ihm Last; ein mühsames Schuften, oft sinnlos. Er versuchte, nach Gottes Wort zu leben und sein Bestes zu geben. Was war der Lohn? Nur Müdigkeit? Viele Freunde hatte er seit Jahren nicht mehr getroffen, weil er immer der Gemeinde den ersten Platz gab. Was hatte er nun davon? Nur mühevolles Dienen. Wo war die Freude geblieben?

Thomas war glücklich! Dem schien es besser zu gehen als ihm. Hatte Thomas nicht schon immer im Rampenlicht gestanden? Er wurde von allen verehrt. Und er, Stefan? Keiner interessierte sich für ihn. Thomas hatte den Glauben über den Haufen geworfen, seinen Herrn verleugnet, ja, sogar seine musikalische Gabe, die Gott ihm geschenkt hatte, verschwendet. Nun wollte er, dass Stefan sich mit ihm freute?

Gottes Liebe

„‚Aber Kind‘, sagte der Vater zu ihm, du bist doch immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir‘“, las er weiter. Plötzlich dämmerte es Stefan: Es ging Gott gar nicht um Thomas, es ging ihm um ihn, Stefan! Gott sah ihn nicht als Diener, sondern als geliebtes Kind, obwohl er frustriert, freudlos und wütend auf Gott war. Gott suchte Gemeinschaft mit ihm, nicht zuerst Stefans Dienst, sondern seine Liebe! Er musste sich Freude und Liebe nicht verdienen – Stefan musste ganz neu lernen, sich einfach von Gott lieben zu lassen.

Dort im Zug kamen Stefan die Tränen. Der Verlorene Sohn berührte sein Herz. Plötzlich konnte er nicht mehr anders, als sich mit Thomas zu freuen. Nicht nur sein Glaubensbruder Thomas – auch er, Stefan, war tot und verloren. Gottes Liebe hat sie beide wiedergefunden und zurück in Gottes Gegenwart geführt, ins wahre Leben, in Gottes Gemeinschaft. Jetzt konnte er von Herzen mit Thomas feiern.

Member-Care-Zentrum in Lourinhã
Member-Care-Zentrum

Christen wie Thomas und Stefan begegnen mir in meiner Seelsorgearbeit ständig. Und manchmal komme ich mir selbst wie eine verlorene Tochter vor.

Wie oft in meinem Leben bin ich schon dem himmlischen Vater davongelaufen, habe mich von ihm abgewandt und nur mein eigenes Vergnügen gesucht? Wenn ich das erkenne, will ich schnell zu ihm zurücklaufen, weil er mit offenen Armen auf mich wartet.

Auf der anderen Seite verrennen wir Christen uns manchmal so in unseren Dienst für Jesus, dass wir nicht mehr mit ihm unterwegs sind, sondern nur noch für ihn. Dann gibt er ganz spezifische Antworten, wie es der Vater mit seinem älteren Sohn tut. Da ist Buße erforderlich, weil ich seine Liebe nicht angenommen, sondern versucht habe, sie mir zu „verdienen“. Was für einen wunderbaren, liebenden Vater haben wir doch! Seine Liebe gibt es geschenkt, ohne Vorbedingung. Bei Jesus dürfen wir immer wieder neu anfangen.

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