Warum wir am Flüchtlingsthema dranbleiben müssen

11.11.2015 11:54

Ein Kommentar von DMG-Direktor Dr. Detlef Blöcher:

Unterdrückt nicht die Fremden, die bei euch im Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger lieben wie sich selbst. Denkt daran, dass auch ihr in Ägypten Fremde gewesen seid. Ich bin der Herr, euer Gott! (Die Bibel, 3. Mose 19,33 f.)

In diesen Wochen strömen unzählige Flüchtlinge nach Deutschland – allein im Oktober waren es wohl 250.000 Menschen – und ich bin tief beeindruckt über die immense Hilfsbereitschaft vieler Mitbürger. Andere haben Angst und fragen sich: Werden wir das noch schaffen? Wie sollen wir uns als Christen dazu stellen? Das obige Bibelwort hilft:

DMG-Direktor Blöcher bittet die Christen in Deutschland, sich weiter für Flüchtlinge zu engagieren
DMG-Direktor Blöcher bittet die Christen in Deutschland, sich weiter für Flüchtlinge zu engagieren

1) Weil es in 3. Mose steht

Der Text steht im 3. Buch Mose, das heißt zwischen 2. Mose und 4. Mose. 2. Mose erzählt von Mose selbst, dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten bis zum Bau der Stiftshütte. Dabei heißt es vom Auszug: „… und viel fremdes Volk zog mit ihnen“ (2.Mo 12,38). Viele semitische Völker nutzten also ebenfalls die Gelegenheit, mit den Hebräern aus Ägypten zu fliehen. Israel fand sich in den folgenden Jahren in der Wüstenzeit in einer immensen Missionsaufgabe wieder.

Dann zieht Gott in die Stiftshütte ein, und es stellt sich die Frage: Wie können Menschen leben, wenn Gott in ihrer direkten Nachbarschaft wohnt? Das ist das Thema des 3. Buches Mose. Dreimal heißt es dort: „Ihr sollt heilig sein, denn ich [Gott] bin heilig!“ (11,45; 19,2; 20,26). Heilig bedeutet hier, Gott zur Verfügung zu stehen. Dafür gibt Gott ihnen viele klare Anweisungen: 1. Opfervorschriften – sie sind inzwischen in Jesus erfüllt. 2. Speise- und Reinheitsgebote – sie hat Jesus aufgehoben (Mk 7,19). 3. Ethische Anweisungen – sie hat Jesus nicht nur bestätigt, sondern oft sogar noch verschärft: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist …Ich aber sage euch …“ (Mt 5,22+28 +32+34+39+44).

Das 4. Buch Mose umfasst dann die folgenden 39 Jahre in der Wüste und das 5. Buch Mose die große Ansprache von Mose am Ende seines Lebens, bevor Israel ohne ihn ins verheißene Land zog.

Die (inhaltliche) Mitte von 3. Mose ist Kapitel 19. Es beginnt wieder mit den Worten: „Ihr [Volk Gottes] sollt heilig sein, denn ich [Gott] bin heilig“ (19,2). Dann folgen zahlreiche Einzelanweisungen zu verschiedenen Lebensbereichen, darunter auch das ganz bekannte Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (3.Mo 19,18): der ganze Alltag soll Gott zur Verfügung stehen (das heißt das Wort „heilig“), soll Gottes einzigartiges Wesen widerspiegeln. Und dazu gehört auch das wichtige Wort über die Fremden (33f). Es ist somit auch für uns heute verbindlich.

2) „Du sollst nicht unterdrücken“

Du sollst die Fremden nicht unterdrücken, benachteiligen oder geringschätzen. Das hebräische Wort „’ger“ bezeichnet dabei einen längerfristig in der Nachbarschaft wohnenden Ausländer, nicht einen Durchreisenden oder Touristen. Dass Ausländer im Volk Israel Zuflucht suchten, war bereits Realität in der Wüstenzeit, und der genannte Auftrag damit von immenser Aktualität.

Viele Flüchtlinge sind in den letzten Monaten nach Deutschland gekommen. Ich denke an O., der vor Boko Haram aus Nigeria geflohen ist, oder an den Iraner F. (Pilot, Christ), der seit zwei Jahren in Heidelberg auf seine Anerkennung wartet, und W. aus Eritrea, der auf der Flucht eine ganze Woche lang nichts zu essen hatte.

Etliche Eritreer, Syrer, Iraker, Iraner und Westafrikaner sind Christen; sie brauchen ganz besonders unsere Hilfe und Solidarität.

Etliche Eritreer, Syrer, Iraker, Iraner und Westafrikaner sind Christen; sie brauchen ganz besonders unsere Hilfe und Solidarität. Selbst in Deutschland werden viele von ihnen in den Gemeinschaftsunterkünften von radikalen Muslimen drangsaliert und bedroht. Da gilt das Wort von Jesus: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben … ein Fremder … und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet … Was ihr getan habt einem von diesen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,35f.). Ganz viel Gelegenheit haben wir heute dazu! Übersehen wir diese Nächsten? Gottes Wort fordert aber noch mehr:

Mit Menschen ins Gespräch kommen, zur Integration beitragen
Mit Menschen ins Gespräch kommen, zur Integration beitragen

3) „Du sollst ihn lieben wie dich selbst“

Die meisten Menschen gönnen sich gerne etwas Gutes; sie sorgen besonders für sich und ihre Angehörigen. Dieses Gute macht die Bibel zum Maßstab für unsere Fürsorge für Fremde. Wir sollen sie lieben, ja jeden Einzelnen, selbst einen Feind (Mt 5,44). Und dieses Wort von der Nächstenliebe wird im Neuen Testament besonders häufig zitiert.

Andere Flüchtlinge sind Muslime und dem islamischen Terror entkommen. Viele sind tief schockiert von der Grausamkeit, die im Namen ihrer Religion verübt wird. In ihrer Heimat hatten sie nie Gelegenheit, frei zu denken und kritisch zu hinterfragen. Jetzt brechen Fragen auf: Warum nehmen die (in ihren Augen „ungläubigen“) Europäer sie auf, während ihre reichen Cousins in Saudi Arabien sie herzlos abweisen. Die meisten Muslime sind in ihrer Heimat nie einem Christen begegnet, sie hatten nie einen Nachfolger von Jesus zum Freund, haben nie das Evangelium im Alltag erlebt. In ihrer Heimat sind Kirchen und die Verkündigung des Evangeliums im Allgemeinen stark eingeschränkt. Hier in Europa haben wir alle Freiheit, ihnen die Liebe von Jesus zu bezeugen. Was für eine einzigartige Gelegenheit!

Mehr als 30 DMG-Missionare arbeiten inzwischen unter Flüchtlingen oder fördern Migranten.

Die meisten muslimischen Flüchtlinge sind friedliebend, freundlich und außerordentlich gastfrei. Viele Syrer sind hochgebildet, wollen hart arbeiten, in Frieden leben und schätzen die persönliche Freiheit in unserem Land.

In ähnlichem Zusammenhang erzählte Jesus das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,25ff). Ein Pharisäer hatte Jesus gefragt, wem er Gutes tun müsse und wo dies seine Grenze finde. Da erzählte Jesus die Geschichte von dem Wanderer, der von Straßenräubern halbtot geschlagen wurde. Viele Passanten gingen aus Angst vorbei. Nur ein Samariter, ein Ausländer, der in Israel echt verachtet war, half praktisch und ließ sich das auch noch viel kosten. Der abschließende Kommentar von Jesus lautete: „Geh hin und tu das gleiche“ (selbst gegenüber denen, die dich verachten mögen) – das hat politische Kraft. (Es schließt die notwendigen Korrekturen an unserer aktuellen Asylpraxis mit ein: die Verfahren müssen immens beschleunigt und falsche [finanzielle] Anreize abgebaut werden. Zudem gibt es auch viele weitere Notleidende und Einsame in unserer Nachbarschaft, die wir ebenfalls nicht vergessen dürfen.)

Mehr als 20 DMG-Missionare arbeiten in Deutschland unter Flüchtlingen oder fördern Migranten. Die meisten anderen DMG-Mitarbeiter sind im Ausland tätig, viele in Herkunftsländern von Flüchtlingen. Sie schenken dort Hoffnung und setzen sich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse ein. Damit wirken die Missionare gegen die Perspektivlosigkeit, die viele Menschen zur Flucht zwingt. Somit liegt es auch in unserem eigentlichen Interesse, Mission großzügig zu unterstützen, um die Ursachen für Flucht und Migration abzubauen.

Christliche Literatur für alle Nationen
Christliche Literatur für alle Nationen

4) „Ihr wart auch Flüchtlinge“

Gottes Wort erinnert an Adam, Noah, Abraham, Jakob, Josef, Mose, David, Hesekiel, Jeremia, Nehemia, Daniel, Jesus, die Apostel, die frühe Gemeinde … Fast alle biblischen Personen waren Flüchtlinge, und die meisten biblischen Bücher sind aus einer Situation von Flucht und Vertreibung heraus entstanden.

Die Botschaft der Bibel lautet: Durch alles menschliche Chaos hindurch handelt Gott. Er schafft Rettung und Heil durch Gericht und Gnade, er macht Heilsgeschichte. In der Unterdrückung in Ägypten lässt er Israel zu einem Volk heranwachsen; in der babylonischen Gefangenschaft entwickelt sich die jüdische Theologie, entstehen die Synagogen und das Pharisäertum.

Und auch in Deutschland haben wir viel Erfahrung mit der Integration von Flüchtlingen: Ab 1945 kamen 13 Millionen aus den deutschen Ostgebieten, in den 1950-igern 3 Mio. Republikflüchtlinge nach Westdeutschland, in den 60-igern 6 Mio. Gastarbeiter aus der Türkei, Marokko, Algerien Spanien, Jugoslawien, Italien, Griechenland (und wir hatten uns nicht um ihre Integration bemüht). In den 70-iger Jahren kamen Hunderttausende Russlanddeutsche, in den 80-igern zahllose Bootsflüchtlinge aus Vietnam und Kambodscha, 1990 zig Spätaussiedler aus Jugoslawien, Rumänien und Polen; 1993–95 rund 1 Mio. Flüchtlinge aus Bosnien und dem Kosovo … Ja, wir haben bereits viel Erfahrung, und als eines der reichsten Länder auch die Mittel dazu. Die Integration so vieler Flüchtlinge wird eine kolossale Aufgabe sein, größer noch als die Wiedervereinigung, doch es ist eine lohnende Aufgabe, die unsere europäischen Werte von Menschlichkeit und sozialer Verantwortung verkörpert – gerade auch unsere christlichen Werte.

5) „Ich bin der Herr, dein Gott“

Mit diesen abschließenden Worten bekräftigt Gott seine Aussage, wie ernst ihm die Worte über Fremde und Nächstenliebe sind. Schlägt unser Herz, wo Gottes Herz schlägt? Leben wir nach seinen Weisungen? Hier in der DMG-Website finden Sie etliche Praxistipps, ebenso in unserem neuen Fokus-Flyer „Flüchtlingen helfen“. Holen Sie sich Ideen, wie wir gemeinsam unseren neuen Nachbarn mit Gottes Liebe begegnen können. Oft sind es die kleinen Gesten, auf die es ankommt ...


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