Venezuela: Der heimliche Tsunami

30.10.2018 15:43
Flüchtlingskinder aus Venezuela in Ecuador
Flüchtlingskinder aus Venezuela in Ecuador

2,3 Millionen Menschen auf der Flucht – Bitte um Gebet!

Im August waren 2,3 Millionen Venezolaner auf der Flucht – aus dem ehemals reichsten Land Lateinamerikas! Die Nachricht über diese Flüchtlingswelle wird in Europa leider kaum wahrgenommen. An der ecuadorianischen Grenze beispielsweise werden täglich bis zu 4.200 Flüchtlinge registriert. Laut den Vereinten Nationen leiden 1,3 Millionen der Flüchtlinge aus Venezuela teilweise massiv an Unterernährung, ein unhaltbarer Zustand. Hier berichten Mitarbeiter des christlichen Missions- und Hilfswerkes DMG aus den Nachbarländern Venezuelas:

Kolumbien: „Sie haben praktisch nichts!“

Ursula Bartel aus Bogotá

Tausende Flüchtlinge aus Venezuela kommen nach Kolumbien – viele zu Fuß. Wer einen Pass hat, erreicht über eine Brücke die Grenzstadt Cúcuta, die anderen schwimmen illegal über den Fluss. Eine Freundin leitet eine Organisation zur Hilfe von Kindern in Not, sie kümmern sich inzwischen um 700 Babys venezolanischer Frauen, die schwanger über die Grenze kamen. Im Landesinneren müssen die Flüchtlinge das Bergland überqueren, wo es bitterkalt ist. Ausgemergelt kommen sie hier in Bogotá an und haben praktisch nichts. Sie leben in Elendsvierteln auf engstem Raum, weil sie keine Miete bezahlen können, und kämpfen ums Überleben.

Ursula Bartel berichtet aus Bogotá
Ursula Bartel
Flüchtlingsfamilie
Flüchtlingsfamilie

Mit einer Gruppe unserer Gemeinde besuche ich eine Seniorin. Die junge Frau, die die ältere Dame pflegt, ist Venezolanerin. Ein Mann aus Venezuela passt während unserer Gottesdienste gegen Entlohnung auf die Autos auf. In Gaststätten bedienen immer mehr Venezolaner. Sie arbeiten für die Hälfte des landesüblichen Lohnes. Das Geschäft mit Prostitution durch venezolanische Frauen wächst besorgniserregend. Wer am Busbahnhof aussteigt, wird sofort von Flüchtlingen umringt. Viele Einheimische haben Angst, die Stimmung reicht von Unmut bis zu offener Feindseligkeit.

Miriam ist Kolumbianerin, mit einem Venezolaner verheiratet, sie haben zwei erwachsene Kinder. Im April kam sie zurück nach Kolumbien, weil die Lage in Venezuela unerträglich wurde. Die Geldentwertung ist so krass, dass niemand mehr etwas kaufen kann. Banken schließen, so verlor auch Miriams Tochter, eine leitende Bankangestellte, ihre Arbeit. Die Geschäfte sind leer, man bekommt kaum noch das Lebensnotwendige; Fleisch und Milchprodukte fehlen. Babys werden krank und sterben, Erwachsene leiden Mangel. Der kranke Pastor einer Baptistengemeinde in Venezuela bat um ein Medikament, das er dort nicht mehr kaufen konnte. Man sandte es ihm zu, doch die Hilfe kam zu spät – der Pastor ist gestorben!

Ecuador: Eine junge Freiwillige verteilt Lebensmittel

Horst und Sigrid Rosiak aus Quito

Seit Mitte September absolviert die 18-jährige Djamila aus Stuttgart, vermittelt über die DMG, ihren Freiwilligendienst bei „Pan de Vida“ (Brot des Lebens), einer Organisation, die seit vielen Jahren Bedürftige in Quito unterstützt. „Pan de Vida“ hilft Straßenkindern, alleinstehenden Müttern und ihren Kindern, Heimatlosen und Familien, die unter die Armutsgrenze fallen. Sie geben die Liebe von Jesus praktisch an die Bedürftigsten weiter. Waren es in der Vergangenheit hauptsächlich Einheimische, die sich für Hilfe meldeten, hat sich die Lage drastisch verändert.

Djamila hilft in ihrem Freiwilligendienst mit der DMG Flüchtlingen aus Venezuela
Djamila

Wegen der katastrophalen Situation ihn ihrer Heimat, versuchen mehr und mehr Venezolaner in anderen Ländern Geld zu verdienen, um ihre zurückgebliebenen Familien zu unterstützen. Im erdölreichsten Land der Welt herrscht Hunger, medizinische Versorgung und Schulbildung gibt es kaum noch. Eine Million Venezolaner sollen mittlerweile nach Ecuador eingereist sein, es kommt zu Engpässen in der Versorgung. Bei „Pan de Vida“ merken das die Mitarbeiter, weil die Teilnehmerzahl an den Mahlzeiten rasant steigt. Vergangenen Sonntag standen statt der erwarteten 150 plötzlich 280 Menschen vor der Tür und baten um eine warme Mahlzeit!

Lebensmittelhilfe und Hoffnung für Geflüchtete

Es gibt arme Ecuadorianer, die nicht wollen, dass ihnen ihre Plätze von Venezolanern streitig gemacht werden, ein Phänomen, das in den meisten Ländern, die Venezolaner aufgenommen haben, erkennbar ist. Viele Flüchtlinge verfügen über Ausbildung oder Studium, doch sie finden hierzulande keine Arbeit in ihren Berufen. Sie halten sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser und nehmen Einheimischen die Arbeit weg. Das sorgt für Missstimmung!

Vielleicht sind „Pan de Vida“ und der Einsatz von Djamila und anderer engagierter Christen in Ecuador nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber bestimmt sind sie auch eine großartige Möglichkeit, venezolanische Flüchtlinge mit der Liebe Gottes bekanntzumachen. Und das lohnt sich!

Djamila erzählt:

Brasilien: Vom Elend in den Flüchtlingsunterkünften

Stefanie Rauscher aus Belém

Durch die vielen bettelnden Frauen, die in unserer Stadt plötzlich mit ihren Kindern am Straßenrand saßen, und über Zeitungsberichte bin ich auf die Flüchtlinge aus Venezuela aufmerksam geworden. Der Besuch in einer der drei Flüchtlingsunterkünfte, zusammen mit einer amerikanischen Missionarin, hat mir die Augen geöffnet. Als Unterkunft dient ihnen ein abbruchreifes Gebäude in einem Viertel mit vielen Drogenumschlagsplätzen. Eigentümerin ist eine Bordellbesitzerin.

Stefanie Rauscher berichtet über ein Flüchtlingscamp in Belem
Stefanie Rauscher

Sie nimmt zehn Real (2,50 Euro) pro Tag von jedem Flüchtling und 30 Real (7 Euro) von einer Flüchtlingsfamilie, der Staat bezahlt nichts. Es wohnen um die 70 Personen in ihrem Haus, die Hälfte Kinder und Jugendliche. Sie alle teilen sich eine Toilette. In einer Ecke der Küche stapeln sich Plastiksäcke mit Kleidern, daneben sitzen drei ältere Frauen und eine junge Mutter, die ihr wenige Wochen altes Baby im Arm hält. Lebensmittel und Essensreste sind in der gesamten Küche verteilt. Unser Besuch lockt viele in den Raum, in der Erwartung, etwas Essbares zu ergattern.

Die Unterhaltung läuft schwerer als erwartet, denn nur einzelne Flüchtlinge verstehen bruchstückhaft Portugiesisch. Auch mit unserem Spanisch kommen wir nicht allzuweit. Die Mehrzahl der Bewohner dieses Hauses gehört dem indigenen Stamm der Warao an. Noch während wir bei ihnen sind, entbrennt ein lautstarker Streit. Ein Mann schlägt auf eine Frau ein und jagt sie aus dem Haus. Es gibt Schaulustige, doch keiner der Anwesenden schreitet ein. Für die Bewohner dieses Hauses ein gewohntes Szenario.

Die brasilianische Regierung hat mit der eigenen Wirtschaftskrise zu kämpfen und ist mit der Flüchtlingssituation mehr als überfordert. Frauen aus Venezuela versuchen ihre Familien durch Betteln am Leben zu halten. Die meisten Kinder leiden aufgrund der mangelnden Hygiene an sichtbaren Hautkrankheiten. Zwei der drei Unterkünfte befinden sich in Stadtvierteln, in welchen Drogenhandel und Prostitution an der Tagesordnung sind, eine hohe Gefahr für die Familien mit ihren Kindern.

Peru: Geflüchtete werden ausgebeutet und ignoriert

Matthias Kullen aus Arequipa

Ich habe engeren Kontakt zu einem unverheirateten Flüchtlingspaar aus Venezuela, die im Februar hier in Arequipa angekommen sind. Ich habe sie kennengelernt, weil sie mitspielen wollten in der Fußballgruppe meiner Kirche. Leider haben sich die meisten Peruaner danach aus der Gruppe zurückgezogen, viele Leute ärgern sich über die Einwanderer.

Matthias Kullen berichtet von Gemeinden, die wegschauen, statt zu helfen
Matthias Kullen

Mehrmals haben Carlos und Maria (Namen geändert) schon ihre Arbeit gewechselt. Sie werden ausgenutzt und verdienen weniger als den peruanischen Mindestlohn. Carlos arbeitete einige Monate in einer Autowaschanlage, jetzt in einem Restaurant, von zehn bis 23 Uhr; Maria von sechs bis 16 Uhr in einer Bäckerei und anschließend bis 23 Uhr in einem Lokal. Ihr einziger freier Tag ist Mittwoch. Einen Lohn schicken sie ihren Familien in Venezuela, den anderen brauchen sie für Miete, Lebensunterhalt und Behördengänge. Vor einigen Monaten waren sie in Geldnot, weil ihr Lohn nicht rechtzeitig kam. Ich habe ihnen Geld geliehen, das sie auf Heller und Pfennig zurückbezahlten, und besuche sie regelmäßig.

Zwei weitere Bekannte haben zunächst in einer Autowaschanlage gearbeitet, dann einen Straßengrill angefangen. Sie teilen sich ein Zimmer, das machen viele, um Kosten zu sparen. Auf Straßen, Kreuzungen, vor Einkaufszentren, auf dem Plaza de Armas und in der Fußgängerzone findet man überall Venezolaner, die Süßigkeiten oder Arepas (Sandwichs) verkaufen. Täglichen sollen 700 Venezolaner in Lima eine Arbeitserlaubnis beantragen, erzählt mir eine Bekannte, die in dem zuständigen Amt tätig ist. Manche Beamte sind korrupt und nehmen Schmiergeld für die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen.

Die Flüchtlinge sind ihrer Wurzeln entrissen und offen für viele Einflüsse, auch fürs Evangelium. Leider beobachte ich, dass viele Gemeinden in Arequipa die Not der Venezolaner ignorieren. Die Einwanderer bilden eine Parallelgesellschaft und bleiben unter sich. Bitte beten Sie, dass sich die peruanische Kirche öffnet und der Not der Geflüchteten annimmt. Als DMG-Mitarbeiter möchte ich in dieser Hinsicht ein Vorbild sein.


Venezuela – die Fakten:

Simon Bohn hat Fakten rund um Venezuela gesammelt
Simon Bohn

Simon Bohn, Personalleiter Amerika der DMG

2017 waren nach Angaben der UN-Flüchtlingskommission 71,44 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Im Fokus der europäischen Berichterstattung stehen Länder wie Syrien, Irak und die Rohingyas aus Myanmar. Über die dramatischen Ereignisse in Venezuela und dessen Nachbarländern wird kaum berichtet. Dabei waren im August 2,3 der 31,5 Millionen Einwohner Venezuelas auf der Flucht.

An der ecuadorianischen Grenze werden täglich bis zu 4.200 Flüchtlinge registriert. Menschenrechtsorganisationen gehen von mehr als einer Million Flüchtlingen in Kolumbien aus! Francisco Quintana, Direktor des „Center for Justice and International Low“ schätzt, dass der Exodus aus Venezuela bis Ende des Jahres auf vier Millionen wächst. Kolumbien ist durch den Frieden mit der Terrororganisation FARC gespalten. Es gab 7,7 Millionen Binnenflüchtlinge. Viele Kolumbianer sind nach Venezuela geflohen und flüchten nun zurück. Kämpfer starten von Venezuela aus Anschläge. Tausende Flüchtlinge arbeiten im Drogenanbau, und die Drogenmafia destabilisiert das Land.

In Peru sollen 411.000 Flüchtlinge aus Venezuela eingereist sein. Innenminister Mauro Medina betont, dass es darüber hinaus noch viele illegale Einwanderer gibt. In Brasilien sind es 460.000. Hier kam es bereits zu gewaltsamen Übergriffen. Ein Zeltcamp wurde von aufgebrachten Anwohnern niedergebrannt. Die Vereinten Nationen fürchten um die Stabilität im Norden, der wirtschaftlich schwächsten Region Brasiliens. Ist das Land noch in der Lage, die Menschen zu versorgen? Die Regierung bringt Flüchtlinge in den reicheren Süden, doch Korruption, Machtkämpfe, hohe Inflation und Instabilität in der Politik verhindern effektive Hilfe.

Auf politischer Ebene versuchen die Verantwortlichen der Nachbarländer, die Regierung Venezuelas zu einer Veränderung der katastrophalen Lage zu zwingen. Doch davon lässt sich Venezuelas Präsident nicht beeindrucken, er gibt Kritikern und der Opposition die Schuld an den Schwierigkeiten.

Sie stehen in vielen Ländern vor verschlossenen Türen, Flüchtlinge aus Venezuela
Sie stehen in vielen Ländern vor verschlossenen Türen, Flüchtlinge aus Venezuela

Wie kam es zu der verheerenden Situation?

Die Zusammenhänge sind komplex und können aus der Ferne nur schwer beurteilt werden. Hauptursache für die Flucht ist eine enorme Teuerung durch eine Hyperinflation in den vergangenen Jahren. Die Folgen sind leere Regale in den Läden und Korruption. Nach einer Studie dreier Universitäten haben die Menschen in Venezuela 2017 im Schnitt elf Kilogramm abgenommen. Von 6.000 Befragten gaben zwei Drittel an, dass sie in den zurückliegenden Monaten Hunger gelitten haben. Hoffnungslosigkeit treibt Menschen in die Flucht. Viele versuchen, im Ausland Geld in fester Währung zu verdienen und an Verwandte zu Hause zu senden.

Das Regime von Präsident Maduro nimmt totalitäre Züge an. Die Opposition wird unterdrückt und verfolgt, Demonstrationen werden teilweise mit Gewalt niedergeschlagen. Argentinien, Kolumbien, Chile, Paraguay und Peru wollen beim Internationalen Strafgerichtshof (ICC) eine Voruntersuchung zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Venezuela einleiten. Amnesty International dokumentiert, wie vor allem junge Männer von Sicherheitskräften ohne Gerichtsverfahren hingerichtet werden.

In Chile habe ich kürzlich zwei gläubige Frauen aus Venezuela getroffen, eine war erst vier Wochen zuvor dorthin geflohen. Sie sagten, dass die Situation in ihrer Heimat schlimmer sei, als es die Weltpresse berichtet. Die meisten Landwirte wurden enteignet, sodass praktisch nichts mehr produziert wird und die Menschen sogar auf dem Land hungern. Die Frauen kamen zu dem Schluss, dass Gott die christliche Gemeinde in Venezuela läutern möchte. Sie sind sicher, Gott hat einen Plan und wird sich über das Land und die Flüchtlinge von dort erbarmen.

Bitte betet für Venezuela

Uns als DMG berührt das Leid der Menschen aus Venezuela tief, wie es unsere Mitarbeiter aus den Nachbarländern schildern. Wir bitten eindringlich, auf das Elend der Millionen Geflüchteten aus Venezuela aufmerksam zu machen und für sie zu beten. Herzlichen Dank.

Stichwort für Spende:
P50411 Flüchtlinge Südamerika

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