Unsere neuen Nachbarn willkommen heißen!

07.09.2015 12:13

Tausende Flüchtlinge kommen in unseren Städten an. Sie benötigen dringend Hilfe. In Sinsheim beispielsweise, wo die DMG ihre Basis hat, ist eine Messehalle zum Erstaufnahmelager für 1.400 neue Flüchtlinge umfunktioniert worden. Einige DMG-Mitarbeiter helfen dort konkret beim Verteilen von Essen und Übersetzen. Hier ein Kommentar von DMG-Direktor Dr. Detlef Blöcher, weshalb wir als DMG uns für unsere neuen Nachbarn einsetzen:

DMG-Direktor Blöcher bittet die christlichen Gemeinden in Deutschland, sich für Flüchtlinge zu engagieren
DMG-Direktor Blöcher bittet die christlichen Gemeinden in Deutschland, sich für Flüchtlinge zu engagieren

Gehen wir in die Flüchtlingsunterkünfte

Die einen irrten umher in wegloser Wüste, fernab von jeder bewohnten Gegend. Sie wurden gequält von Hunger und Durst und hatten alle Hoffnung aufgegeben. Sie schrien zum Herrn in ihrer Not, der rettete sie aus der Todesangst. Er brachte sie auf den richtigen Weg und ließ sie zu menschlichen Siedlungen finden. Nun sollen sie dem Herrn danken für seine Güte, ihn preisen für ihre wunderbare Rettung! Er hat den Verdurstenden zu trinken gegeben und den Hungernden reiche Nahrung verschafft.

Die Bibel, Psalm 107,4-9

Mit diesen eindrucksvollen Worten beschrieben Israeliten ihre Erfahrungen von Gottes Gericht und Flucht – und ähnliches erleben auch die Flüchtlinge heute. Beispielsweise Frau Alice:

„Ich komme aus Eritrea. In meiner Heimat ist extreme Not; die Regierung herrscht mit eiserner Hand; als Religion sind nur der Islam, die orthodoxe, katholische und lutherische Kirche erlaubt; alle anderen Gemeinden werden hart verfolgt. Deshalb musste ich notgedrungen meine Heimat verlassen. In einem kleinen Boot versuchten wir, das Mittelmeer zu überqueren: 30 Personen, eng zusammengepfercht, Muslime und Christen. Nach drei Tagen auf See fiel der Motor aus. Wir trieben hilflos auf dem Meer. Einige Leute an Bord wussten, dass ich singen und beten konnte. Wenn der Wind sehr stark wurde, die Wellen ins Boot schlugen und wir richtig Angst bekamen, forderten sie mich auf, vom Bug aus zu singen und zu beten, damit alle es hören konnten. Einige hielten mich dabei fest, damit ich bei dem heftigen Seegang nicht über Bord fiel. Durch Gottes Gnade fand uns nach einigen Tagen die Küstenwache. Auch damals stand ich gerade vorne im Boot; die Menschen drängten auf eine Seite, um schnell von Bord zu kommen. Da kenterte es und sank. Mein Fuß wurde im Boot eingeklemmt, und ich wurde mit in die Tiefe gerissen. Alles war schwarz. Ich wusste, dass ich gleich sterben würde. In meiner Angst rief ich den Namen Jesus aus. Da spürte ich, wie mein Fuß frei kam, und ich sah etwas Licht. Ich schwamm in diese Richtung, so fest ich konnte. So wurde ich gerettet. Ich weiß, dass es Gottes starker Arm war, der mich gerettet hat.“

Sie fliehen aus echter Not

Inzwischen ist Alice als Flüchtling anerkannt. Solche und ähnliche Geschichten hören wir immer wieder von Menschen, die in diesen Tagen nach Deutschland kommen. 220.000 Asylbewerber waren es im vergangenen Jahr (und viele weitere sind auf der Flucht umgekommen); in diesem Jahr werden 800.000 erwartet. Ihre Unterbringung, Versorgung und Integration stellt unsere Kommunen vor große Herausforderungen.

Diese Menschen fliehen vor dem Krieg in Syrien und im Jemen, der Verfolgung in Eritrea, Anarchie in Somalia, Hungersnot im Süd-Sudan, Elend in Mali … Sie wagen die gefährliche Reise, weil sie in ihrer Heimat keine Hoffnung mehr sehen. 60 Millionen Menschen sind auf der Flucht, schätzt die UNO. 86 % davon sind in ein benachbartes Entwicklungsland geflohen. Viele weitere flohen wegen Armut ins Ausland oder eine andere Region innerhalb ihes Landes.

In vielen Teilen Afrikas reicht die Ernte nicht aus, um die vielen Münder zu ernähren; darum zieht es junge Leute in die Städte, in der Hoffnung auf Arbeit, und sie landen meist in Slums. Viele gehen als Wanderarbeiter ins Ausland. Allein in Libyen lebten zwei Millionen afrikanische und ägyptische Gastarbeiter; nach dem Sturz Gaddafis herrscht dort Anarchie; mehrere Milizen führen gegeneinander Krieg. Die Gewalt richtet sich vor allem gegen christliche Afrikaner; die IS hat dort bereits etliche Christen enthauptet. Sie fliehen um ihr Leben, doch in ihrer Heimat gibt es weder Brot, noch Arbeit. Also geben sie sich in die Hände von Schlepperbanden, bezahlen 2.000 bis 20.000 Euro und wagen die gefährliche Überfahrt. Unzählige kommen dabei um: verdursten in der Wüste oder ertrinken im Meer. Manche Länder der EU machen die Schotten dicht. Dabei lehrt uns Gottes Wort deutlich:

Was die Bibel dazu sagt

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.“ 3. Mose 19,34.

Und Jesus ergänzt: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben … Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,34–40). Das Wort „Brüder“ meint hier zunächst Glaubensgeschwister, und sehr viele der afrikanischen Flüchtlinge, die in diesen Tagen unser Land erreichen, sind Christen.

Auch viele biblische Personen wurden aus ihrer Heimat vertrieben durch Naturkatastrophen (Noah, Lot), Hungersnot (Abraham, Sara, Isaak, Jakob, Naomi, Elia), Krieg (Israel, Lot, Nehemia, Esra, Daniel, Esther), Verfolgung (Joseph, David, Jakob, Elia, Maria und Josef, Jesus, Aquila und Priscilla, Petrus, Johannes) oder durch eigene Schuld (Adam und Eva, Kain, Jakob, Mose). Und Gottes Geschichte ging mit ihnen weiter; sie wurden zum Segen für Unzählige.

Gottes Liebe praktisch leben

Es gibt viele wunderbare Möglichkeit, Flüchtlingen Gottes Liebe praktisch zu zeigen: Wir können sie besuchen und willkommen heißen, uns Zeit nehmen für sie, zuhören, ihnen unsere Freundschaft anbieten, beim Einleben und Deutschlernen helfen und, und, und (die offiziellen Deutsch- und Integrationskurse beginnen erst nach der Anerkennung als Flüchtling, und das kann dauern; vorher herrscht Langeweile). Wir können sie bei Behördengängen und Arztbesuchen begleiten. Sie verstehen nicht unser Verwaltungssystem, unsere Werte und Gesetze. Die Ungewissheit nagt, ob sie bleiben dürfen – die ständige Angst vor der Abschiebung. Der Stress im Wohnheim, mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen auf engstem Raum zusammenzuleben …

In der Begegnung mit Flüchtlingen gibt es natürlich auch etliche kulturelle Missverständnisse und Enttäuschungen. Viele Flüchtlinge sind traumatisiert und reagieren heftig; etliche sind Opfer von Schlepperbanden geworden, haben sich möglicherweise tief verschuldet, um es bis nach Europa zu schaffen, und müssen diese schnellstmöglich bezahlen. Deutschland ist inzwischen zu einem der Zentren des internationalen Menschenhandels und der Zwangsprostitution geworden. Unter den Flüchtlingen sind natürlich Gute und Böse, Selbstlose und Egoisten, Sünder und Gerechte. Lauter Menschen, die Gottes Liebe, Fürsorge und Neuschaffen bedürfen.

Als Christen sind wir überzeugt, dass jeder Mensch zum Bild Gottes geschaffen und darum unendlich wertvoll ist. Wir nehmen diese Personen ernst, achten ihre Lebensweise, Erfahrung, Religion, Überzeugungen. Wir versuchen, sie zu verstehen und ihnen zu helfen. Auch viele unserer Eltern und Großeltern haben Flucht und Vertreibung erlebt und waren dankbar, eine neue Heimat zu finden.

In vielen christlichen Gemeinden erlebe ich große Hilfsbereitschaft und guten Willen, jedoch auch viel Unsicherheit und Hilflosigkeit, wie die Hilfe für Flüchtlinge und Einwanderer praktisch werden kann. An einigen Orten bildet sich ein kommunaler Arbeitskreis Asyl, bei dem viele Christen mitarbeiten und konkret helfen; gemeinsam geht es leichter – und Christen haben dort viel einzubringen.

Wie können wir als Christen dieser Not begegnen?

  1. Beten wir für unsere neuen Nachbarn, für die Ursachen von Vertreibung und für Menschen auf der Flucht.
  2. Gehen wir in die Flüchtlingsunterkünfte, machen wir uns ein Bild von der Lage und helfen, wo erforderlich.
  3. Ein freundliches Lächeln, wenn wir jemandem auf der Straße begegnen.
  4. Praktische Hilfe, wenn sie nach dem Weg fragen, sich beim Arzt oder auf einem Amt nicht ausdrücken können.
  5. Informieren über das Asylverfahren und staatliche Hilfen. Der Orientdienst und AMIN bietet ein wertvolles Info-Heft mit praktischen Tipps und Kontaktadressen an, ebenso das diakonische Werk.
  6. Gastfreundschaft zeigen, die Menschen in ihren Unterkünften besuchen und sie zu uns einladen.
  7. Freundschaft schenken und bei der Integration helfen.
  8. Praktische Hilfe; gebrauchte Kleidung, Möbel, Fahrrad und Wohnung anbieten …
  9. Zu Gemeindeveranstaltungen und in Sportvereinen einladen.
  10. Kontakt zur regionalen AMIN-Gruppe aufbauen, damit wir voneinander lernen.
  11. Auch wir als DMG helfen durch Information, Motivation, Coaching und praktische Hilfe. Unsere Missionare und Mitarbeiter sind gewohnt, Menschen anderer Lebensweise zu verstehen und in anderen Kulturen zu kommunizieren. Helfen Sie uns helfen.
  12. Viele Flüchtlinge kommen als reife Christen mit eindrucksvollem Gottvertrauen – welch große Bereicherung für unsere Gemeinden. Wie können wir sie willkommen heißen, ihnen beim Einleben helfen? Beispielsweise in unseren Gottesdiensten Übersetzung nach Englisch, Französisch, Arabisch anbieten. Sie bereichern unseren Gottesdienst durch Gebet, Liedbeitrag, Erfahrungsbericht. Oder unsere Gemeinderäumen für einen muttersprachlichen Gottesdienst anbieten.
  13. Andere Flüchtlingen kommen aus Regionen, in denen das Evangelium völlig unbekannt ist: Pioniermission vor der Haustür. Die Enden der Erde kommen zu uns – und jeder Mensch versteht die Sprache der Liebe.

Wollen wir diese Chance nutzen, Gefäße der großartigen Liebe von Jesus zu sein?

Dr. Detlef Blöcher


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