Thema Schwangerschaftssabbruch in China

02.06.2014 10:45

Wie sich die Ein-Kind-Politik auf das Leben einer jungen Christin, ihre Familie und Umgebung auswirkt

AUS DEM TAGEBUCH EINER SOZIALARBEITERIN VOR ORT

3. November 2013

Schwangere in China haben es nicht einfach, die Gesellschaft übt gewaltigen Druck auf sie aus
Schwangere in China haben es schwer

Eine bekannte Gemeindeleiterin fragte mich, ob ich mich um eine ihrer Freundinnen kümmern könne. Diese hatte wenige Tage zuvor festgestellt, dass sie schwanger ist – zum zweiten Mal. Durch die Ein-Kind-Politik weiß jeder in China, was in diesem Fall zu tun ist: Abtreiben. An Bussen, Plakatwänden, im Radio, überall wird für Abtreibung geworben: Sie sei billig, schmerzlos und man könne am nächsten Tag wieder arbeiten gehen.

Xiao Mei jedoch ist Christin. Völlig verzweifelt erzählt sie mir von ihrem Gewissenskonflikt: Ihre Glaubensgeschwister bitten sie, das Kind auszutragen. Töten widerspricht Gottes Geboten. Ihre Schwiegermutter, mit der sie, ihr Mann und ihr fünfjähriger Sohn zusammenleben, ist ebenfalls Christin. Doch sie hält dagegen: „Du wärst schön blöd, dieses Kind zu bekommen. Zähle nicht auf meine Unterstützung!“

Bekommt sie das Kind, verstößt sie in China gegen das Gesetz (nur wenn beide Ehepartner Einzelkinder sind oder aus einer ethnischen Minderheit stammen dürfen sie ein zweites Kind haben). Wenn sie das Kind trotzdem austrägt, hat das schwere Konsequenzen zur Folge: Sie und ihr Mann würden ihre Jobs verlieren, da sie beide beim Staat arbeiten. Von Beamten wird erwartet, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und sich von Gesetzesbrechern öffentlich distanzieren. Das Kind würde keinen „Hukou“ erhalten, kein Wohnrecht in unserer Stadt und keinen Anspruch auf Schulbildung. Man müsste später Bestechungsgelder zahlen, damit es zur Schule gehen kann – oder eine Strafe für die Geburt des Kindes zahlen – zurzeit sind das mehr als 20.000 Euro.

Selbst wenn sie das Baby austragen und zur Adoption freigeben würde, wären sie ihre Jobs los. Und keiner würde sie verstehen, geschweige denn ermutigen, diesen Schritt zu tun.

Oder sie müssten sich offiziell scheiden lassen. Dann darf jeder ein Kind behalten. Das ist mittlerweile gängige Praxis in solchen Fällen. Allerdings ist es sehr offensichtlich, wenn nur wenige Monate nach der Scheidung das zweite Baby geboren wird. Alle ihre Freunde haben ihr von einer Scheidung abgeraten, ich auch.

Xiao Mei fragt mich, was Christen aus dem Westen denken, ob eine Abtreibung erlaubt sei. Ich antworte ihr, dass wir von der Bibel her wissen, was Gott für uns möchte: Dass schon die kleinsten Embryonen im Bauch einer Mutter lebendige Geschöpfe Gottes sind und wir eine Schwangerschaft deshalb nicht abbrechen. Schon jetzt hat Gott einen Plan für das Leben dieses Babys. Wird sie sich für ihr Kind entscheiden?

4. November 2013

Ich erfahre, dass sie sich für das Kind entschieden haben. Halleluja!

11. November 2013

Xiao Mei ruft an und fragt, ob sie direkt nach der Arbeit zu mir kommen könne. Und ich solle bitte Stillschweigen über ihre Situation bewahren, da es sie den Job kosten könne. Als sie kommt, bestätige ich ihr, wie sehr ich mich über ihre Entscheidung freue, das Baby zu behalten. Da bricht es plötzlich aus ihr heraus: Es sei so viel Schmerz in ihr. Was soll sie nur tun? Sie könne sich ein paar Monate lang krankschreiben lassen, in ihre Heimatstadt zurückkehren und dort heimlich entbinden. Aber danach? Wenn sie mit ihrem Mann und zwei Kindern gesehen werde, könne jeder sie anzeigen.

Sie weint. Schluchzend sagt sie, dass sie auch Angst davor hat, Vollzeitmama zu werden. Sie liebt ihren Beruf und ist 36 Jahre alt. Wenn sie aus dem Staatsdienst ausscheidet, wer würde sie noch anstellen? Ich antworte, dass ich fest daran glaube, dass Gott ihre Situation sieht und ihren Glauben dadurch stärken möchte. Dass ihr Vertrauen in Gott noch stärker, noch tiefer wird. Und falls sie ihre Arbeitsstelle verlieren sollte, dass Gott ihr dann noch etwas Besseres schenken wird. Vielleicht nicht nach weltlichen Maßstäben …

Es lastet großer Druck auf ihr. Die Schwiegermutter jammert, dass sie ihren Lebensstandard verliere, weil ihre Kinder so dumm seien, das Baby auszutragen. Wir beten lange miteinander, vor allem um Weisheit, Vertrauen und Mut.

11 November 2013, abends

Xiao Mei ruft an: Ihr Schwiegervater sei völlig ausgerastet, als er von der Schwangerschaft und ihrer Entscheidung, das Baby zu behalten, erfahren hat. Wütend habe er gedroht, am nächsten Tag zu Xiao Meis Abteilungsleiter zu gehen und sie anzuzeigen. Dies würde die sofortige Kündigung bedeuten.

12. November 2013

Heute hat Xiao Mei ihr Baby abgetrieben. Tiefer Schmerz erfüllt mein Herz. Der Druck auf sie war einfach zu groß …

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