Peru: Den Schatz gehoben, die Perle gefunden

27.06.2017 15:05
Evangelische Christen in Peru freuen sich an ihrer Freiheit in Christus
Evangelische Christen in Peru freuen sich an ihrer Freiheit in Christus

Unsere Missionare Dorothee und Siegfried Reuter beschreiben, wie die Christen einer kleinen evangelischen Gemeinde in Peru das Lutherjubiläum feiern:

Wir schreiben den 13. November. In einer Kirche der Vorstadt sind alle Bänke bis auf den letzten Platz besetzt. Eine eigentümliche Spannung mischt sich ins Gemurmel der Anwesenden. Dann schreitet Dr. Martin zur Kirchentür herein. Nach kurzer Eingangsliturgie und Gebet tritt der hohe Gast nicht wie erwartet ans Pult, sondern geht zum Seiteneingang der kleinen Kirche. Er rollt ein Pergament auf und heftet es an die Tür. Mit tiefer, fester Stimme liest er dem gemeinen Volk vor, ein aktuelles Ablassschreibens, das vom Hauptportal der Stadtkirche stammt:

Ablassschreiben vom Portal der Stadtkirche Arequipas – aktuell und echt
Aktuelles Ablassschreiben

„Jubileo extraordinario de la misericordia, indulgencia plenaria …“ Für die der Schriftsprache Unkundigen wird übersetzt: „Außergewöhnliches Jubeljahr der Barmherzigkeit, verbunden mit völliger Vergebung bisheriger Sünden und dem Freispruch von allen zeitlichen Strafen im Fegefeuer. Der vollständige Ablaß wird ausschließlich nur beim Durchschreiten der ‚Pforte der Barmherzigkeit‘, dem Haupteingang der Stadtkirche gewährt. Nur unter Einhaltung der Bedingungen, die da wie folgt lauten:

1. Getauft in der Katholischen Kirche und nicht exkommuniziert. 2. Sich im Gnadenstand wissen und als Zeichen aufrichtiger Buße in keiner Todsünde zu leben. 3. Ausgenommen die Neigungen zu geringfügigen Sünden. 4. Es muss beim Priester die Beichte abgelegt werden. Der Ablass hat nur Gültigkeit, wenn die Beichte 20 Tage vor oder nach Durchschreiten der Pforte der Barmherzigkeit erfolgt. 5. Pflicht ist die Teilnahme an der Messe und heiligen Kommunion am selben Tag oder zumindest zwei Tage vor oder nach Durchschreiten der ‚Gnadenpforte‘. 6. Es gilt, das Glaubensbekenntnis zu sprechen, gefolgt von einem kurzen Innehalten, um ernsthaft der Barmherzigkeit Gottes zu gedenken. Dann Fürbitte zu tun für den Papst und seine Belange zugunsten von Kirche und Welt.

Es wird darauf hingewiesen, dass der völlige Freispruch von allen zeitlichen Strafen im Fegefeuer nur einmal am Tag erhalten werden kann und entweder Gültigkeit hat für einen selbst, einen Angehörigen, Freund oder gläubigen Verstorbenen …

Dorothee und Siegfried Reuter betreuen die Kinderhilfe Arequipa der DMG
Dorothee und Siegfried Reuter (DMG)

Es wird angeraten, das Gebet in der Seitenkapelle ‚Heiliges Sakrament‘ der Stadtkirche zu tun. Es kann ein Vaterunser, ein Ave-Maria oder beliebiges Gebet als Ausdruck von Gottesfurcht und christlicher Hingabe sein. Es wird darauf hingewiesen, dass der völlige Freispruch von allen zeitlichen Strafen im Fegefeuer nur einmal am Tag erhalten werden kann und entweder Gültigkeit hat für einen selbst, einen Angehörigen, Freund oder gläubigen Verstorbenen, ungeachtet dessen, ob sie einem persönlich bekannt sind oder nicht. Beim wiederholten Durchschreiten der ‚Gnadenpforte‘ ist nicht nötig, erneut zu beichten, um Ablass zu erhalten, sofern das im Zeitabstand von 40 Tagen geschieht, wie unter Bedingung vier erläutert. Es bleibt jedoch unerlässlich, dabei die Bedingungen fünf und sechs zu wiederholen, um vollen Ablass zu erhalten.“

Dr. Martin hält kurz inne, unterbrochen vom Getöse einer Hundemeute auf der Straße. Dann erklärt er, dass sieben Tage später, am 20. November 2016 selbiges Ablassschreiben verfällt. Zeitgleich läßt der Papst die „Gnadenpforte“ vom Petersdom in Rom für weitere 25 Jahre ins Schloss fallen. Jetzt macht sich unter den Zuhörern Unruhe breit. „Und dann?“, ruft jemand dazwischen.

Die traditionelle Kirche macht Menschen den Zugang zu Gott oft schwer ...

Die evangelische Vorstadtgemeinde in Arequipa hatte zum „Jahrestag der Bibel“ in Gedenken an die Reformation eingeladen. Das Anspiel dokumentiert die Gegenwart in Peru. Hier wird nach 500 Jahren keine „theologische Rolle rückwärts“ von Dr. Martin beklatscht. Viele wissen seit ihrer Kindheit, dass Barmherzigkeit nur nach einer gut einstudierten Choreographie zu haben ist. Immer gemäß dem vorgegebenen Rhythmus; und gefälligst nicht aus der Reihe tanzen. Barmherzigkeit für 40 Tage, maximal, und dann wieder von vorne. Wenn es hoch kommt zu Sonderkonditionen für ein Jahr, dann wieder der alte Trott mit beschwertem Gewissen und der Frage im Herzen, warum es nie reicht. Wie beim Schlussverkauf. Heute Gnade zum Schnäppchenpreis, Morgen schon ist das Angebot wieder aus dem Fenster.

Viele in Peru wissen seit ihrer Kindheit, dass Barmherzigkeit nur nach einer gut einstudierten Choreographie zu haben ist. Immer gemäß dem vorgegebenen Rhythmus; und gefälligst nicht aus der Reihe tanzen. Barmherzigkeit für 40 Tage, maximal, dann wieder von vorne …

Bis in die 1960er-Jahre war die Bibel nicht fürs peruanische Volk zugänglich
Beim Bibellesen

Unvergessen, dass die Bibel bis 1964 unantastbar und unter Strafe für den Normalbürger nur hinter Glas zu sehen war. Christus allein sei Dank, dass heute jeder sie lesen kann! Keine Umwege mehr zum Heil über den Pilgerpfad zur Madonna von Chapi, der Schutzpatronin Arequipas. Kein Kniefall mehr vor Devotionalien oder den Haaren Johannes Pauls II. Keine Warteschleifen und kein Feilschen mehr.

Der Preis, den Christus mit seinem Leben bezahlt hat, war hoch genug. An diesem Abend haben sich 40 Junge Leute zur „Bibellese im Kontext“ eingeschrieben. Sie haben den Schatz gehoben, die Perle gefunden. Unter Leitung von Pastor Edison treffen sie sich nun, um diese frohe Botschaft weiter unter die Lupe zu nehmen.

Durch die Kinderhilfe Arequipa lernen bereits Kinder und Jugendliche das Buch der Bücher kennen
Durch die Kinderhilfe Arequipa lernen bereits Kinder und Jugendliche das Buch der Bücher kennen

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