Nachruf: Wir trauern um Ärztin Elisabeth Zuelsdorf

20.11.2018 10:00

Wie Gottes Liebe Elisabeths Patienten erreicht hat

„Was, Sie haben abgestillt?“, fragte Ärztin Elisabeth auf Arabisch die junge Mutter aus dem umkämpften Jemen. Die dunkelhäutige Schönheit hielt ihren zwei Monate alten Säugling im Arm. Es war nur Wochen vor Elisabeth Zuelsdorfs überraschendem Tod, als ich sie in ihrer Praxis im Nahen Osten besucht und ihre aufopferungsvolle Arbeit vor Ort erlebt habe. Ihr Team behandelt Geflüchtete wie diese Mutter und ihr Kind kostenlos. Elisabeths Praxis gehört zu einer ev. Freikirche in einer Großstadt im Nahen Osten. Sie haben neben der Gemeinde zwei Behandlungsräume für Ärzte, eine Apotheke und ein Wartezimmer und behandeln an einem Vormittag rund 30 Patienten. Mit Elisabeth haben sie eine wunderbare Ärztin verloren.

Elisabeth Zuelsdorf (* 8. Februar 1954; † 19. November 2018)
Elisabeth Zuelsdorf

* 8. Februar 1954
† 19. November 2018

Elisabeth erklärte in ihrem Arztzimmer der jungen Jemenitin, wo sie Babynahrung kaufen konnte und dass sie diese auf keinen Fall aus Sparsamkeit strecken dürfe, weil es dem Baby schadet. „Babynahrung ist teuer – Muttermilch wäre kostenlos“, gab Elisabeth zu Bedenken. „Aber viele Frauen meinen, es besser zu wissen, und stillen einfach ab. Dann erwarten sie von uns, dass wir ihnen kostenlos Babynahrung ausgeben.“ Manches in ihrer Arbeit war frustrierend …

Im Zimmer nebenan kümmerte sich ein Arzt um die Männer. „Unsere Patienten kommen mit allem Möglichen“, sagte der junge Araber in Weiß mit Stethoskop um den Hals. „Viele sind einfach nur erkältet oder haben chronische Krankheiten wie Diabetes und benötigen Medizin; andere kommen verletzt aus dem Krieg und wir behandeln ihre Wunden nach. Neben der medizinischen Hilfe und Medikamenten haben Elisabeth und ihre Kollegen den Menschen auch professionelle Traumaseelsorge angeboten.

Elisabeth in ihrer Praxis im Nahen Osten
Elisabeth in ihrer Praxis im Nahen Osten

„Flüchtlinge aus Syrien, Irak und dem Jemen sowie Gastarbeiter aus Nachbarländern und Bedürftige aus unserem Land kommen in die Behandlung. Viele im Nahen Osten können sich weder eine Krankenversicherung noch Medizin leisten. Manche kommen heimlich, weil sie sich ihrer Armut schämen“, sagte Elisabeth. „Wir bieten Qualität, sind wegen unseres Glaubens freundlich und unsere Behandlung, notwendige Medikamente und christliche Literatur sind frei. Das spricht sich herum“, erklärte sie und zeigte mir die Apotheke, in der gerade zwei Mitarbeiterinnen Medikamente an Patienten ausgaben.

„Am schlimmsten für mich als Ärztin ist, wenn ich jemandem nicht helfen kann“, sagte Elisabeth, nachdem sie der Jemenitin auf Arabisch im Wartezimmer noch Anweisungen in Hygiene und für den Umgang mit ihrem Neugeborenen gegeben hatte. „Kürzlich suchte ein Mann mit Hirntumor hier Behandlung. Es war zu spät, wir hatten keine Chance – sowas tut weh.“

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebräer 13,14)

Elisabeth ist am 8. Februar 1954 in Berlin zur Welt gekommen. „1971 erkannte ich während einer Zeltmission, dass mir eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus fehlte“, beschrieb sie ihre Hinwendung zum Glauben, während sie mich in die Räume ihrer Kirche neben der Praxis führte. „Ich habe Gott mein Leben anvertraut.“ Doch das hielt nicht lange. Als junge Krankenschwester ist Elisabeth in Abhängigkeit von Medikamenten geraten, an die sie während ihrer Ausbildung leicht herankam. Ein Entzug und die Unterbrechung ihrer Ausbildung folgten. „Durch die Not habe ich mich auf den Glauben besonnen und Jesus um Hilfe gebeten. Er hat mich durchgebracht“, erzählte sie.

Sie erzählte fröhlich aus ihrem Leben
Fröhlich erzählte Elisabeth

Später ist Elisabeth an der Freien Universität Berlin angenommen worden und hat Medizin studiert. In der Landeskirchlichen Gemeinschaft Eben-Ezer in Lichterfelde hat sie ihr geistliches Zuhause gefunden. Die Gemeinde machte der jungen Ärztin Mut, sich bei der DMG zu bewerben, was sie 1985 tat. Elisabeth sah sich berufen, „Menschen, die Opfer von Armut, Hunger und Krankheit sind, an Leib, Seele und Geist zu helfen.“ Das hat sie in Simbabwe, in den Emiraten und schließlich im Nahen Osten getan, wo sie seit fünf Jahren Geflüchtete medizinisch versorgt hat.

Wir standen vor dem Rednerpult der großen arabischen Gemeinde, zu der Elisabeths Praxis gehört. Über dem Altar auf Arabisch das Bibelwort 1. Könige 9,3: „Der Herr sprach: Ich habe dein Flehen gehört, das du vor mich gebracht hast, und habe dieses Haus geheiligt … und meine Augen und mein Herz sollen da sein allezeit.“ Wenn ich heute an diesen Moment denke, wird mir bewusst: Gottes Herz war wirklich in dieser Kirche. Auch wegen Elisabeth! Sie kümmerte sich liebevoll um Menschen aus Krisengebieten und beschenkte sie mit Medizin, Fürsorge und Hoffnung. Ihr Tod hat uns alle überrascht. Sie ist mitten aus dem Leben heraus friedlich in ihrem Bett entschlafen.

Wir trauern tief mit Elisabeths Angehörigen und Freunden – und sind zugleich überaus dankbar für ihr Leben und ihren Glauben. Elisabeth hat ein großartiges Erbe hinterlassen: Viele an Leib und Seele geheilte Menschen, die ihren Einsatz nicht vergessen werden.

Theo Volland
Chefredakteur

Elisabeth Zuelsdorf half Menschen aus Kriegsgebieten in Nahost
Elisabeth Zuelsdorf half Menschen aus Kriegsgebieten in Nahost

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