„La Chaleur“ – die große Hitze!

06.04.2016 11:11

Hebamme Christina Krappe aus Mühlheim/Ruhr absolviert derzeit einen Kurzeinsatz im Benin. Hier beschreibt sie eindrucksvoll, wie sie mitten in Not und Niederlagen durch ein Psalmwort neuen Mut fand:

Auf dem Markt in der Stadt Parakou
Mitten in Afrika

Wenn Leid und Niederlagen überhand nehmen

Seit zwei Wochen hat „la Chaleur“ (die Hitze) mit aller Macht Einzug gehalten. Während ich diese Zeilen schreibe, zeigt das Thermometer 42 Grad im Schatten an. Praktisch bedeutet das: Dauerschwitzen, schlaflose Nächte mit feuchten Tüchern und Kühlakkus, die Ventilatoren im Dauergebrauch und zwei-, dreimal am Tag unter die Dusche. Auch die Afrikaner finden es viel zu heiß. Trotzdem hacken meine Haushaltshilfe Lydie und eine andere Frau seit Stunden draußen in der Sonne Brennholz, das sie dringend benötigen. Bei ihrem Anblick wird mir bewusst, dass ich auf höchstem Niveau jammere, mit all den Vorzügen, die ich hier bei aller Einfachheit noch genieße.

Christina Krappe mit einer afrikanischen Kollegin
Christina Krappe (l.)

Auch in der Klinik geht es momentan heiß her: Ich denke an einen Nabelschnurvorfall letzte Woche (die Nabelschnur rutscht vor den Kopf des Kindes und wird abgeklemmt, sodass das Kind nicht mehr mit Sauerstoff versorgt ist). Bei diesen Temperaturen auch noch unterm OP-Tuch zu stecken, um den Kopf des Babys zur Entlastung solange aus dem Becken herauszuschieben, bis der Operateur übernimmt, ist nicht angenehm. Aber die Hoffnung, dass Kind zu retten, ist stärker. Leider war es für dieses Baby zu spät …

Oder der Tag, an dem der Sterilisator im Operationssaal defekt war. Das bedeutete: keine sterilen Instrumente und somit auch keine Operationen mehr. Zwei Schwangere mussten wir in ein Stunden entferntes Krankenhaus verlegen, weil sie dringend einen Kaiserschnitt benötigten. Eine weitere Frau, die als Notfall in unsere Aufnahme getragen wurde, war bereits tot. Das sind Tage, die mich wirklich schaffen, zumal ich um die Möglichkeiten daheim in Deutschland weiß.

Ich denke an die unzähligen Frauen mit Blutarmut, häufig durch Mangelernährung. Fleisch ist hier oft Männern vorbehalten. Im Moment kämpfen wir aufgrund der Hitze zudem viel mit Fieber und Wundinfektionen. Bitte beten Sie, dass wir durch diese eigentlich so banalen Dinge keine weiteren Frauen und Kinder verlieren.

In meinem Posteingang entdeckte ich die Mail einer Fasteninitiative mit einer Übung zu Psalm 57.

Wüstenblume
Wüstenblume

Auch das Miteinander ist nicht immer einfach. Am Ende eines arbeitsintensiven Tages, an dem eigentlich alles gut geklappt hat, beklagte sich eine Kollegin während ich daneben stand bei einer anderen Kollegin über mich. Auf meine Nachfrage würdigte sie mich keines Blickes. Eine einzige verletzend Bemerkung ist nichts, was einen normalerweise umhaut. Doch für mich brachte es in diesem Moment das Fass zum Überlaufen. Mein erster Gedanke war: Ich schufte hier seit Monaten und werde noch nicht einmal mit etwas Anstand und Respekt behandelt, obwohl das von mir umgekehrt in hohem Maße erwartet wird. Auf dem Weg nach Hause habe ich geweint …

In meinem Zimmer schaute ich in meine E-Mails. Im Posteingang entdeckte ich die Mail einer Fasteninitiative mit einer Übung zu Psalm 57. Ich war jedoch so sehr mit meinem Schmerz beschäftigt, dass ich nicht offen war dafür. Am nächsten Tag hatte ich frei. Gott wusste, was ich brauchte: Als ich morgens die Tür öffnete, fiel mir ein Zettel vor die Füße – wieder Psalm 57! Eine Freundin hatte ihn für mich dort hingelegt.

Gott, sei mir gnädig und erbarme dich über mich, denn bei dir suche ich Schutz. Unter den Schatten deiner Flügel will ich mich flüchten, bis das Unglück vorüber ist. Ich rufe zu Gott, dem Höchsten, zu Gott, der meine Sache zu einem guten Ende führt.
 
Aus Psalm 57

Am Abend hatte ich noch kein Loblied auf den Lippen, aber ich war wieder ruhig und voll Zuversicht.

Daraufhin kniete ich mich im wahrsten Sinne des Wortes in den Bibeltext hinein. David, der Psalmschreiber, legt seine bedrängte Seele Gott in die Hand, seinem allmächtigen Freund. Ich tat es ihm gleich und betete den Psalm wieder und wieder laut. Dabei entdeckte ich immer neue Textstellen für mich. Es tat so gut, loszulassen, keine Stärke mehr demonstrieren zu müssen und mich durch die alten Bibelworte trösten zu lassen. Am Abend hatte ich noch kein Loblied auf den Lippen, aber ich war wieder ruhig und voll Zuversicht. Was auch immer ich hinnehmen muss. Egal, wie schlimm die Erfahrungen sind: Es ist Platz für mich unter Gottes Flügeln. Bei ihm bin ich geborgen. Jesus ist da! Und ich gehöre ihm, nicht den Umständen, nicht den anderen Menschen oder meiner Angst. Nur Jesus …

Alltag in Afrika
Alltagsszene

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