Hilferuf aus dem Kongo: 800.000 auf der Flucht!

30.10.2019 11:30
Es bewegt, was Pastor Jean-Pierre Kokole (im Bild mit Missionarin Kerstin Weiß) bei seinem Besuch der DMG berichtete
Pastor Kokole (mit Missionarin Kerstin Weiß) berichtet vom Flüchtlingselend in seiner Heimat

Mörderbanden, Massenvergewaltigungen, zerstörte Dörfer

B u n i a / S i n s h e i m (tv). „Die Gewalt in den Regionen Djugu und Ituri ist eskaliert; die Menschen hungern, Hunderttausende benötigen Nahrung, Wasser, Medikamente und eine Bleibe. Uns droht eine Hungersnot.“ Vor mir sitzt der langjährige Kirchenpräsident der CECA20-Kirche (Evangelische Gemeinschaft im Zentrum Afrikas), Pastor Jean-Pierre Kokole aus Bunia. Der sonst ruhige, humorvolle 60-Jährige hat Tränen in den Augen, weil sich während seiner Deutschlandreise die Nachrichten aus seiner Heimat im Ostkongo überschlagen.

Pastor Kokole hat die vergangenen acht Jahre bis Mai 2019 die CECA20-Kirche mit beinahe 2.000 Ortsgemeinden geleitet. Sie sind verteilt auf zwölf Kirchenbezirke. Zu ihr gehören mehr als 100 medizinische Einrichtungen, darunter 13 Krankenhäuser, sowie 1.000 Kindergärten, Grund-, Mittel- und Berufsschulen, vier Hochschulen und Universitäten. Sie zählt bis zu zwei Millionen Gottesdienstbesucher; genau lässt sich das nicht sagen, weil zehn der zwölf Distrikte momentan von Kampfhandlungen und einer riesigen Flüchtlingswelle betroffen sind. Besonders schlimm ist es in der Provinz Ituri (3,6 Millionen Einwohner). Dort sollen inzwischen 800.000 Flüchtlinge Schutz gesucht haben, schätzen Hilfsorganisationen.

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Projektnummer: „P50409 Nothilfe Kongo“ aufs

Wir danken Ihnen ganz herzlich!

Auf oft gefährlichen Wegen bringen Mitarbeiter der Kirche Hilfsgüter ans Ziel
Nothilfe für entlegene Dörfer

Der geistliche Leiter aus Afrika erzählt, dass Mörderbanden vom Westufer des Albertsees bis Djugu ihr tödliches Geschäft betreiben – wahrscheinlich angestachelt von Ölkonzernen, auch aus Europa. Eigentlich ist die Krisenregion die, in der die CECA20-Kirche am stärksten vertreten ist, sie hatte dort 105 Gemeinden mit 147 Pastoren und Vikaren. Viele Flüchtlinge gehören zu Kokoles Kirche. Was dort genau geschieht? Die Konzerne vermuten riesige Erdölvorkommen in der Provinz und destabilisieren sie bewusst von Ruanda und Uganda aus, um sich den größtmöglichen Teil dieses profitablen Kuchens zu sichern. Scheinbar lohnt sich das für die Auftraggeber, auch wenn deswegen unsägliches Leid über die Bevölkerung hereinbricht. Derzeit fördern sie nicht Öl, sondern Vertreibung und Völkermord.

Sie zünden Hütten an, treiben alle zusammen, die nicht schnell genug in den Busch entkommen, und schlachten sie ab.

Milizen, von solchen Auftraggebern mit modernsten Waffen ausgestattet, fallen nachts über die Dörfer her und gehen äußerst brutal zu Werke. „Sie zünden Hütten an, treiben Männer, Frauen und Kinder zusammen, die nicht schnell genug in den Busch entkommen konnten, und schlachten sie ab.“ Der Kirchenleiter findet nur stockend Worte, um die Gräuel zu beschreiben. „Diese Bewaffneten treibt die pure Mordlust“, sagt er. „Sie hacken Menschen mit Macheten bei lebendigem Leib die Gliedmaßen ab, am Schluss erst den Kopf.“ Hass, sinnloses Leiden, äußerste Brutalität. Als Kokole das Wort „Massenvergewaltigungen“ in den Mund nimmt, gehen auch mir für einen Moment die Fragen aus – zu nah rückt das Leid …

Die Mörderbanden stacheln durch ihre Überfälle ortsansässige Stämme gegeneinander auf, sodass sie aufeinander losgehen. Eine ganze Region versinkt im Chaos. Unzählige haben sich zu Fuß ins Umland von Bunia gerettet. Die Einwohnerzahl der Stadt und ihres Umlandes, bisher rund 650.000, ist inzwischen enorm angestiegen. Nachts kann man Schüsse aus den nur wenige Kilometer entfernten Bergen hören, so nah sind die Kämpfe herangerückt. Gemeinden der CECA20-Kirche haben in einem Gürtel um Bunia herum zehntausende Notleidende aufgenommen und versorgen sie so gut es geht mit ihren persönlichen Vorräten.

Ein Mitarbeiter der CECA-20-Kirche spendet Geflüchteten Trost aus der Bibel.

Die Hilfesuchenden übernachten in Kirchen, Schulen und bei Familien. Doch die Versorgungslage ist furchtbar. Es gibt kaum noch Essen und Trinkwasser. Masern, Polio, Malaria, Atemwegsinfekte und andere Krankheiten grassieren, auch Ebola und Aids. Die Menschen hungern. Dabei ist Regenzeit; die Ernte wäre reif! Die Gegend um Djugu, wo die meisten herkommen, ist die Kornkammer im Osten des Kongo. Von hier aus wird Bunia normalerweise mit Nahrung versorgt. Jetzt verrotten Bohnen, Gemüse und Reis auf den Feldern, weil die Dörfer entvölkert sind. So breitet sich Hunger auch auf die Nachbargebiete aus.

Eine Frau aus einem Flüchtlingscamp entschied wegen Hungers: „Ich geh heim in mein Dorf und ernte.“ Sie wurde getötet.

„Uns erwartet eine Hungersnot“, befürchtet der afrikanische Theologe. Selbst die großen Hilfsorganisationen zeigen sich überfordert und geben keine Nahrung mehr aus. Menschen verzweifeln. Pastor Kokole erzählt von einer Frau aus einem Flüchtlingslager, die aus Hunger entschieden hat: „In meinem Dorf gibt es Nahrung im Überfluss – ich geh jetzt heim und ernte.“ Sie wurde von Terroristen getötet, wie so viele in diesen Tagen. Er berichtet von Freunden, die umgebracht wurden: ein Pastor mit seiner Tochter; Studienkollegen; ein Direktor und mehrere Lehrer kirchlicher Schulen. „Mich erfasst tiefe Trauer, wenn ich daran denke“, sagt er. „Unsere Leute sterben keinen normalen Tod, die Mörder kommen und zerstückeln ihre Opfer bei lebendigem Leib!“ Per WhatsApp hat er eben erfahren, dass ein Ehepaar, das er als Pastor getraut hat, umgebracht worden ist.

Wieder strömen tausende Flüchtlinge in die Stadt Bunia
Wieder strömen tausende Flüchtlinge in die Stadt Bunia

Besonders berührt ihn die Not der vielen geschändeten Frauen. „Sie wagen es nicht, ihren Männern zu erzählen, was passiert ist. Die würden sie sofort verlassen.“ Vergewaltigung ist immer noch ein Tabu. Betroffene bleiben alleine mit ihrem Schmerz, das Thema liegt wie ein Schatten über dem ganzen Land. Kirchliche Seelsorger versuchen zu helfen. Das Erste ist immer, die Frau in die nächste Klinik zu bringen, weil Medikamente gegen Aids nur in den ersten Tagen wirken. Der zweite Schritt ist, dass ihnen Krankenhausseelsorger aus der Isolation heraus helfen und sich kompetent um sie kümmern. Kokoles Kirche bildet die Seelsorger aus. „Und wir reden in unseren Ortskirchen über das Thema.“ Es macht dankbar, wie seine Kirche trotz ihrer prekären Situation hilft.

In den Flüchtlingscamps in Bunia
In den Flüchtlingscamps in Bunia

Die CECA20 hat massiv unter den Angriffen auf die Region Djugu gelitten. Kirchen und Schulen sind niedergebrannt, kirchliche Krankenhäuser mussten evakuiert werden. Dennoch kümmert sie sich um Notleidende. Ortsgemeinden informieren die Mutterkirche, wenn sie Flüchtlinge aufgenommen haben, was sie benötigen. Dann wird zum Spenden von Reis, Bohnen, Kleidern und Schulheften aufgerufen und diese dorthin verbracht – oft auf gefährlichen Wegen. „Wir helfen allen“, betont Kokole, „egal welcher Stamm und welche Religion“.

Die Kirche setzt Zeichen der Hoffnung, mitten im Elend

Eine Gemeinde hat kürzlich 36 Schwangere aufgenommen. Jede Gruppe in der Kirche – Älteste, Chöre, Frauen- und Jugend – hat einen Teil der Frauen versorgt. Mitten in Not schenkt Gott Zeichen der Hoffnung. Die Probleme treiben die Menschen in die Kirchen, erklärt Pastor Kokole. Die Christenheit im Kongo wächst. In einer Gemeinde kamen 800 neue Gläubige in den Taufunterricht, 300 davon ließen sich an einem Tag taufen. „Unser Pastor wusste nicht mehr, wie er mit den vielen Leuten im Taufunterricht umgehen sollte“, schmunzelt der afrikanische Kirchenleiter.

Besonders wichtig ist ihm, dass Kinder auf der Flucht weiterhin Zugang zu Schrift und Bildung haben. Sein Verband legt einen Schwerpunkt auf Unterricht für Flüchtlingskinder und die Ausbildung neuer Lehrer. Sobald eine Klasse in einem Dorf zu groß wird, dürfen sie eine neue eröffnen. Wird ein weiteres Klassenzimmer benötigt, besorgt die Kirche das teure Wellblechdach – gebaut wird das Haus von den Dorfbewohnern.

Wir dürfen uns nicht dem Geist der Rache verschreiben“, betont der Theologe. „Wir brauchen euer Gebet!“

Interessant die Reaktion des sympathischen Afrikaners auf die Frage, wie er angesichts von so viel Brutalität noch glauben kann? „Diese Dinge sind in der Bibel vorhergesagt“, erklärt er mir. „Wir wissen, dass die Leute sich gegenseitig hassen werden und die Liebe erkaltet.“ Die CECA20 hält an Jesus Christus und seiner Liebe fest: „Wir dürfen uns nicht dem Geist der Rache verschreiben“, betont der Theologe. Sie leben Vergebung in einer Situation, in der das an sich schon ein Wunder ist. „Wir brauchen euer Gebet“, bittet Pastor Kokole die Christen in Europa. „Und Spenden für Lebensmittel, um Flüchtlinge zu versorgen.“

Von Theo Volland,
Chefredakteur der DMG

Sie können die CECA20 unterstützen:

Als DMG sind wir dankbar für 40 Jahre Partnerschaft mit der Kirche im Kongo über unsere Missionare Toni Stenger, Arzt Dr. Jean Marcus und Kerstin Weiß, die heute dort zur Kirchenleitung gehört. Wir wollen die CECA20 und andere Partnerwerke finanziell in die Lage versetzen, Hungernde im Kongo zu versorgen und akut Not lindern. Helfen Sie uns?

Projektnummer: P50409 Nothilfe Kongo

Missionarin Kerstin Weiß schreibt:

Kongo Wie unsere Partnerkirche hilft!

DMG-Missionarin Kerstin Weiß im Kongo mit einem Kind
Kerstin Weiß mit einem Kind

Erschöpfung, Hunger und Durst zeichnen ihre Gesichter: Mit stierem Blick bewegt sich eine Gruppe Menschen auf ein Dorf in der Region Bunia zu. Einige humpeln, manche weisen verkrustete Wunden auf, ihre wenige Habe auf dem Kopf, die kleinen Kinder auf den Rücken gebunden. Mit ihren Gedanken sind sie bei Menschen, die bei dem bewaffneten Überfall auf ihr Dorf getötet worden sind. Am Ortsrand fragen sie nach der Kirche. Sie werden zu einer CECA20-Gemeinde gewiesen, einer Kirche im Ostkongo, mit der die DMG seit 40 Jahren partnerschaftlich verbunden ist. Sie treffen auf einen freundlichen Pastor, der ihnen Wasser zu trinken anbietet. Die müden Leute setzen sich auf Bastmatten oder den Boden. Dann erzählen sie vom Überfall auf ihr Dorf, von Schüssen, Gemetzel, Vergewaltigungen, brennenden Hütten und ihrer Flucht in den Busch, wo sie sich tagelang verborgen hielten. Sie waren zu Fuß unterwegs, drei Tage und Nächte im Freien. Immer in Angst, doch noch den Bewaffneten in die Hände zu fallen.

Inzwischen haben der Pastor und seine Frau all ihre Vorräte zusammengerafft und kochen Reis und Bohnen. Er schickt zwei seiner Kinder los, um die Ältesten zu rufen und gemeinsam zu beraten, wie sie helfen können. Die ersten Nächte wird die Gruppe in der kleinen Kirche untergebracht; Gemeindeglieder versorgen sie mit Essen. Die Menschen dieser Region wissen, wie es Flüchtlingen geht. Die meisten haben schon Ähnliches erlebt. Sie hören zu, verstehen, trösten und beten mit den Neuankömmlingen. Ein kleiner Anfang, all das Furchtbare zu verarbeiten.

Schwangere und Mütter mit Kleinkindern werden bei Gemeindeältesten einquartiert, ein paar im Schulhaus. Nach wenigen Wochen werden Christen den Binnenflüchtlingen ein Stück ihres Landes anbieten, damit sie sich Hirse, Erdnüsse, Mais, Maniok und Gemüse anbauen können. Das gemeinsame Arbeiten auf dem Feld lenkt von dunklen Gedanken ab und sie beginnen, sich und ihre Kinder wieder selbst zu versorgen.

Manche kommen bei Verwandten unter. Dann wächst die Hausgemeinschaft über Nacht aufs Drei- oder Vierfache an – was ein großes Maß an Opferbereitschaft abverlangt: Raum, Essen, Betten, Kleidung, alles miteinander zu teilen. Den Gastgebern bleibt kaum noch Geld, um Schule, Essen und Medizin ihrer eigenen Kinder zu bezahlen.

DMG-Missionarin Kerstin Weiß mit geflüchteten Männern
DMG-Missionarin Kerstin Weiß mit geflüchteten Männern

Die Pastoren und Diakone der CECA20-Kirche spenden Trost, ermutigen, stärken und laden in Gottesdienste ein. Nach dem Verteilen von Hilfsgütern halten sie Andachten: Die Menschen sollen erfahren, dass es Jesus Christus ist, der hinter den Zuwendungen steht. Oft zieht Gottes Friede ins Herz der Bedürftigen ein. Wenn sie Monate oder Jahre später in ihre Heimat zurückkehren, bitten manche die Kirche, einen Pastor mit in ihr Heimatdorf zu senden und eine Gemeinde zu gründen. So wächst die Kirche inmitten von Not.

Von Kerstin Weiß,
DMG-Missionarin im Kongo

(Spenden für Lebensunterhalt Kerstin Weiß, Projektnummer: P10828 Weiß)
(Spenden für Geflüchtete und Hungerhilfe: P50409 Nothilfe Kongo)

Verzweifelt suchen Menschen aus der Region Djugu Hilfe
Verzweifelte suchen Hilfe

Hinweis: Die meisten Fotos in dieser Seite stammen aus der Kongohilfe von vergangenem Jahr. Das Titelbild oben entstand beim Besuch von Pastor Kokole Ende Oktober 2019.

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