Japan – fünf Jahre nach Fukushima

11.03.2016 09:07
Familie Heißwolf in Japan
Familie Heißwolf in Japan

Dr. Martin und Andrea Heißwolf und ihre Kinder haben als DMG-Mitarbeiter in Japan den verheerenden Tsunami und die daraus resultierende Nuklearkatastrophe von Fukushima miterlebt, vom nur 250 Kilometer entfernten Yokohama aus. Hier ihre Eindrücke aus dem heutigen Japan, fünf Jahre danach:

Fukushima – kein Ende in Sicht

Von Dr. Martin und Andrea Heißwolf:

Am 11. März 2016 jährt sich die Dreifachkatastrophe von Fukushima zum fünften Mal. Zwar hat die internationale Atomaufsichtsbehörde Entwarnung gegeben, aber von einer Rückkehr in die Normalität kann in der betroffenen Region keine Rede sein. Die Aufräumarbeiten gehen nur unter extremen Schwierigkeiten vor sich. Zwischenlager für den vielen stark radioaktiven Müll sind noch nicht einmal in Planung. An skurrilen Ideen fehlt es nicht, wie etwa die, ein Endlager unter dem Meeresboden zu bauen.

Japaner brauchen Hoffnung
Japaner brauchen Hoffnung

Obwohl drei Viertel der Japaner für einen Ausstieg aus der Kernenergie sind, gingen vier der 48 japanischen Atomreaktoren wieder ans Netz. Einer der prominentesten Atomkraftgegner Japans heute ist der damalige Ministerpräsident Naoto Kan, früher ein Befürworter. Bis heute ist nicht klar, was genau den Super-Gau von Fukushima wirklich ausgelöst hat, und es liegen keine objektiven Daten über das aktuelle Ausmaß der Katastrophe vor. Die Zahl der Kinder mit Schilddrüsenkrebs aus der Region Fukushima hat sich seither vervielfacht, Regierungssprecher jedoch lehnen einen Zusammenhang zum März 2011 ab.

2016 ist das Jahr, für das Ministerpräsident Shinzo Abe die Rückkehr aller Flüchtlinge in ihre Heimat versprochen hatte. Mit diesem Jahrestag schwindet für viele die letzte Hoffnung. Sie ahnen, dass sie vielleicht nie wieder zurück können. 225.000 Personen aus der verstrahlten Region leben als Flüchtlinge in anderen Landesteilen, etwa 120.000 aus der direkten Umgebung des Atomkraftwerks.

Japan ist eine kollektivistische Kultur. Der Verlust der Gemeinschaft vor Ort, der Sozialstruktur, die über Generation hinweg Stabilität und Geborgenheit gegeben hat, macht den Menschen zu schaffen. Für sie ist das schlimmer, als wir aus dem Westen nachempfinden können. Bis Dezember 2015 haben vermutlich 3.400 Menschen ihr Leben durch die Folgen der Katastrophe verloren, einige durch Strahlenschäden, die weitaus meisten jedoch durch Selbstmord. Im Spätjahr 2011 stieg die Selbstmordrate im Krisengebiet um circa 30 Prozent. Hauptmotiv war die Perspektivlosigkeit, vor allem bei Landwirten.

Der fünfte Jahrestag ist ein besonderer: Weil das erste Mal hier in Japan ehrlich über die Katastrophe geredet wird.

Ende Februar gab TEPCO, die Betreibergesellschaft des Atomkraftwerkes, zu, bereits Stunden nach der Tsunamiwelle gewusst zu haben, dass eine Kernschmelze lief. Drei damalige Leiter von TEPCO müssen sich jetzt vor Gericht verantworten. Der ehemalige Ministerpräsident Kan räumte ein, dass er von Anfang an die Evakuierung der rund 50 Millionen Einwohner des Großraums Tokio und die Erklärung des Kriegsrechts in Erwägung gezogen hatte: „Es ging um die Zukunft von Japan im Ganzen“, sagte er. „Die Evakuierung von 50 Millionen Menschen wäre wie das Verlieren eines Krieges gewesen.“ Zum Glück kam es nicht zu dieser Evakuierung, weil der Wind die radioaktive Wolke aufs Meer hinausgetrieben hat.

Wie Christen heute helfen ...

Kirchen und christliche Hilfsorganisationen setzen am wichtigsten Punkt an: Sie helfen, die Gemeinschaft neu aufzubauen. Sie senden Mitarbeiter und Missionare langfristig in die Gebiete an der nördlichen Ostküste, wo der Wiederaufbau läuft, und zu den Flüchtlingen aus Fukushima.

Unser Partner Asian Access ist eine dieser Organisationen. Dass ihre Missionare nach geleisteter humanitärer Hilfe nicht wieder abgereist, sondern bei den Menschen geblieben sind, gibt Japanern Hoffnung. Viele sind zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Und die, die diesen Schritt noch nicht gemacht haben, sehen den Unterschied an ihren gläubigen Landsleuten.

Tausende Einwohner der Stadt Ishinomaki, die 2011 von der Tsunamiwelle fast völlig zerstört worden ist, sind heute Christen. Der vorbildliche liebende Dienst der Christen, die sie bei Hilfsarbeiten trafen, veränderte ihr Leben. Für viele waren das die ersten Christen, die sie jemals getroffen haben. Liebe beginnt mit Zuhören. Darum geht es unserer Kollegin Janet Kunnecke von der DMG-Partnerorganisation SEND. Sie gibt Seelsorgeworkshops für Christen, die Traumatisierten helfen.

Ein wichtiger Aspekt der Nothilfe, die bis heute von der Hilfsorganisation CRASH (unterstützt von der DMG) geleistet wird, gilt den haupt- und ehrenamtlichen Helfern selbst, die sich seit 2011 für die Notleidenden eingesetzt haben. Nach Jahren des Gebens benötigen die japanischen kirchlichen Mitarbeiter und Pastoren Auszeiten, Seelsorge und Ermutigung, die CRASH ihnen ermöglicht.

Unser Einsatz in Japan

Wir (Familie Heißwolf) sind nicht direkt an der Hilfe im Katastrophengebiet beteiligt. Die jungen Japaner, denen wir an der Jüngerschafts- und Lebensschule SYME und an unserem Wohnort Yokohama dienen, sind nur indirekt von der Katastrophe betroffen. Unser ganzes Land trauert, selbstverständlich auch sie. Wir beobachten wachsenden Unmut auf die Regierung, Politikverdrossenheit, Gleichgültigkeit und Angst. Die Menschen schätzen jedoch, dass wir als Missionare immer noch – und nach der Katastrophe ganz bewusst – bei ihnen bleiben und unser Leben mit ihnen teilen. Wir sind als Christen nicht dazu berufen, über Missstände zu klagen, sondern Leidenden zu dienen. Das tun wir von Herzen.

Studenten und Dozenten der Lebensschule SYME, dritter oben von rechts ist Martin Heißwolf
Studenten und Dozenten der Lebensschule SYME

SYME ist eine Lebensschule mit Englischunterricht. Unser Konzept kommt an, weil junge, japanische Christen Englisch für ihren Beruf benötigen. Im Unterricht und gemeinsamen Leben bringen wir ihnen biblische Wahrheiten nahe. Fürs neue Semester haben wir elf Anmeldungen, bitte beten Sie mit, dass es 15 bis 20 Studierende werden. Es freut uns, dass alle Absolventen des vergangenen Jahrgangs eine weiterführende theologische Ausbildung beginnen wollen. Derzeit studieren neun unserer früheren SYME-Teilnehmer bei Wort des Lebens; fünf in New York, drei in Südkorea und einer in Ungarn. Bitte beten Sie für deren geistliches Wachstum und ihren weiteren Lebensweg.

Kürzlich fragte mich eine Studentin und Pastorentochter beim Mittagessen, was der Sinn des Lebens ist. Ich erinnerte sie an unseren Unterricht über die Zehn Gebote: „Gott ruft nach dir, er will dich. Die Freundschaft zu ihm ist der tiefste Sinn jedes Menschenlebens.“ Es folgte ein Moment Stille. „Dann muss ich meinem Leben also kein Ende setzen“, überlegte sie laut. „Nein! Jesus ist dein Retter. Er versöhnt dich mit Gott, das bedeutet Ostern!“ Die junge Frau hat die Jüngerschule inzwischen erfolgreich abgeschlossen und möchte jetzt Theologie studieren.

Japan in Zahlen:

  • 128 Millionen Einwohner
  • 0,5 % evangelikale Christen (leicht abnehmend)
  • 1 Missionar auf 64.000 Menschen (-34 % in 20 Jahren)
  • 1 Gemeinde pro 16.000 Personen
  • 70 % der Pastoren sind über 50 Jahre alt
  • 35 durchschnittliche Gottesdienstbesucher je Kirche
  • Nur 50 % Mitglieder gehen regelmäßig in den Gottesdienst
  • 560 Städte noch ohne Gemeinde

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