Der Tod eines Revolverhelden

09.08.2013 11:52

Wie Jesus einen Gangster zum Gemeindeleiter beruft

Beim Bau der neuen ev. Kirche in Ramada (Cícero 3.v.r.)
Beim Bau der neuen ev. Kirche in Ramada

Bericht von Thomaz und Mayra Litz, DMG-Mitarbeiter in Brasilien

Die Augen funkeln. Mit gekreuzten Armen hat sich ein stämmiger Mann im dunklen Hauseingang aufgebaut. Es ist totenstill. Der Familienvater ahnt, weshalb er solchen Besuch bekommt. Bei den letzten Wahlen hat er seine Stimme dem „falschen“ Politiker gegeben. Drohend schaut der Revolverheld den Familienvater an und fährt mit der Hand über seine Waffe. Dann dreht er sich um und verschwindet in der Dunkelheit.

Der 34-jährige Cícero war früher ein gefürchteter Bandit
Der 34-jährige Cícero

Dieser Bandit war der 34-jährige Cícero

Die meisten in seiner Gegend kannten ihn als unerschrockenen, loyalen und gnadenlosen Bodyguard des „Doktors“. Cícero war verschlossen und hart. Seine Frau Carluciana (30) bekam oft seinen Jähzorn zu spüren. Ihren drei Kindern Géssica (12), Gabriel (9) und Guilherme (5) begegnete Cícero respektvoll, doch ohne Zärtlichkeit. Er besaß Pistolen und Gewehre für den Eigenbedarf, und er versorgte als Waffenhändler die Umgebung damit.

Doch Cícero hatte sein hartes Leben satt. Die „Arbeit“ machte keine Freude. Zu sehr war er vom „Doktor“ und dessen korrupten Machenschaften enttäuscht. Nachts, wenn niemand es merkte, sah er insgeheim christliche Fernsehsendungen. Das Programm eines bekannten Evangelisten faszinierte ihn. Außerdem versuchte er, heimlich in der Bibel zu lesen. Doch er konnte ja kaum den eigenen Namen schreiben. Wie sollte er verstehen, was in der Bibel stand?

Carluciana bemerkte, dass ihr Mann Cícero nachts vor dem Fernseher saß. Was tat er da? Sie wollte ihn zur Rede stellen. Also stand sie eines Nachts auf und schlich sich ins Wohnzimmer. Als sie durch die Tür lugte, stockte ihr der Atem. Mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen kniete Cícero vor der Flimmerkiste und murmelte vor sich hin. Er öffnete seine Augen und ihr Blick traf sich. Da stand der stolze, bis dahin gewalttätige Mann auf, nahm seine Frau in den Arm und weinte bitterlich.

Anfangs versuchte Cícero noch, sein Interesse am christlichen Glauben geheim zu halten. Doch nach einigen Monaten bat er seine Frau, mit ihm in den Gottesdienst zu gehen. Carluciana kam aus dem Staunen nicht heraus.

Er bekannte sich öffentlich zu Jesus

Der neue Kontakt zu Christen sorgte für Diskussionsstoff in ihrer Ehe. Früher hatte Cícero seiner Frau jeglichen Kontakt mit der Gemeinde verboten, ja sogar mit Scheidung gedroht, falls sie sich nicht daran halten würde. Sie war trotzdem immer wieder in die Versammlungen gegangen. Seit Jahren hatte eine gläubige Frau sie heimlich in der persönlichen Jüngerschaft begleitet. Sie und ihre Kinder hatten sich bereits entschieden, Jesus nachzufolgen. Doch nie hätte sie den Mut gehabt, das ihrem Mann Cícero zu sagen. Zusammen mit Frauen der Gemeinde betete sie regelmäßig für ihn.

Schließlich war es soweit: Der frühere Bandit bekannte öffentlich, dass er jetzt Christ ist. Die meisten Menschen im Dorf glaubten ihm nicht. Viele spotteten und hänselten ihn: „Was, du möchtest ein Heiliger sein?“ Sie reizten seinen bekannten Jähzorn, ohne Erfolg, seine alten Kumpels verachteten ihn. Die eigenen Eltern und Verwandten zogen sich zurück. Es wurde einsam um Cícero.

Das Dorf Sao Pedro, wo Cícero heute eine christliche Gemeinde gründet
Das Dorf Sao Pedro, wo Cícero heute eine Gemeinde gründet

Cícero musste um sein Leben bangen

Eines Morgens kreuzte der „Doktor“ bei ihm auf. Cícero wusste, jetzt wird es ernst. Nach dem harten Gespräch war er arbeitslos und musste um sein Leben bangen. Er wusste einfach zu viel über die kriminellen Machenschaften seines früheren Arbeitgebers.

Die Wochen danach suchte Cícero Zuflucht in der Gemeinde. Die täglichen Gebete, das Hören auf Gottes Wort und die Gemeinschaft mit Christen halfen ihm. Überallhin nahm er sein Neues Testament mit, seinen kostbarsten Schatz, obwohl er nur einzelne Buchstaben entziffern konnte. Oft kniete er sich nieder, legte sein Haupt auf die Bibel und bat Gott, dass er sie verstehen könne. Das Wunder geschah: Mit der Zeit lernte Cícero lesen. Er war außer sich vor Freude. Inzwischen hat er Unterricht genommen und die ganze Bibel durchgelesen. Man sieht ihn täglich vor seinem Haus, in der Bibellese vertieft.

DMG-Mitarbeiter Thomaz Litz tauft eine junge Brasilianerin
Taufe in Brasilien

In seinem Dorf fand Cícero keine Arbeit. Nach viel Gebet kaufte er ein Motorrad, das er monatelang abbezahlen musste. Er setzte es als Taxi ein. Da er den Ruf hatte, mutig und zuverlässig zu sein, fand er viele Stammkunden. Die Leute fühlten sich in der Begleitung dieses starken Mannes auf den einsamen und gefährlichen Straßen sicher. Und Cícero nutzte die Taxifahrten, um seinen Passagieren von Gott zu erzählen.

Die Leitung einer Gemeinde übernommen

2012 absolviert er mit seiner Frau Carluciana eine einjährige Abendbibelschule. Der ehemalige Gangster entwickelte sich zum treuen Ehemann und liebevollen Vater, der seine Kinder in aller Öffentlichkeit umarmte und küsste – in dieser Gegend fast unfassbar. Er wurde zu einer wichtigen Säule der christlichen Gemeinde. Vor ihrem Haus trafen sich jeden Abend viele Menschen aus dem Dorf, um Gemeinschaft zu pflegen und Rat und Gebet zu suchen.

Im Mai 2013 ist die Familie ins vier Kilometer entfernte Dorf São Pedro umgezogen, wo sie die Leitung der kleinen Tochtergemeinde übernommen haben. Als Laienpastor müssen sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, Cícero mit seinem Motoradtaxi, Carluciana als Friseurin, Köchin und mit dem Verkauf von Handarbeiten. Ihre freie Zeit widmen sie der jungen Gemeinde mit fünf Mitgliedern und 20 regelmäßigen Besuchern. Und sie erzählen Jung und Alt von Jesus. Der Revolverheld ist Tod – doch der neue Mensch Cícero lebt!


Familie Thomaz und Mayra Litz, Mitarbeiter der DMG im Herzen Brasiliens
Familie Thomaz und Mayra Litz

Familie Thomaz und Mayra Litz ist im Sertão tätig, einer Halbwüste im Herzen Brasiliens, wo es nur wenige christliche Gemeinden gibt. Immer wieder fahren sie mit jungen brasilianischen Christen zu mehrwöchigen Einsätzen in entlegene Dörfer. Dann bieten sie Kinder- und Jugendstunden an, bauen Freundschaften auf und evangelisieren. Durch diese Arbeit sind bereits mehrere christliche Gemeinden entstanden.

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