Chaos in Kopf und Herz

05.06.2018 12:22
Familie Auer, DMG. Foto: Sandra Versteegen-Charmant, CharmantArt Photography
Familie Auer, DMG

Wir, Familie Jens und Cornelia Auer, waren von 2005 bis 2017 an der Bourofaye Christian School, einer internationalen Schule für Missionarskinder im Senegal (Westafrika) tätig. Zunächst arbeiteten wir dort als Hauseltern, in den vergangenen Jahren waren wir Direktoren der Schule. Der folgende Brief, den ich als Mama meinen drei Teenagerjungs geschrieben habe, spiegelt meine ehrlichen Gefühle der vergangenen Monate des Wiedereinstiegs in Deutschland wider:

Für Lucas, Tom und Finn

Meine lieben Jungs,
seit einem knappen Jahr sind wir wieder in Deutschland: Am 17.07.2017 mussten wir uns nach zwölf Jahren Afrika von „unserem“ Internat und dem schönen Land Senegal verabschieden. Das war schwer! Ich weiß noch gut, wie still die Fahrt zum Flughafen war. Und immer wieder musste jemand seine Heulnase putzen. Was haben wir wohl für ein Bild abgegeben, als wir in Dakar ankamen … :)

Ja, es war alles andere als einfach, neu zu beginnen. Es ist nach wie vor alles andere als einfach! Man hat uns vorgewarnt, dass so ein Reentry (Wiedereinstieg) Zeit erfordert, und dass ein Hauptkennzeichen dieser Zeit „Chaos“ ist. Dass jeder von uns mit sich beschäftigt sein würde und man kaum den Blick füreinander habe. Die Warnungen stimmten alle! Und wir sind immer noch mittendrin.

Es heißt: Für jedes Jahr im Ausland muss man bei der Rückkehr zwei Monate Zeit fürs vollständige Ankommen rechnen – das kann dann noch ein Weilchen dauern bei uns. „Wiedereinstieg“ ist ja auch ein total falscher Begriff für euch. Es setzt voraus, dass man vorher „drin“ war, was bei euch, meinen Jungs, ja gar nicht der Fall war. Ihr habt eure Heimat im Senegal und alles, was euch vertraut, lieb und wichtig war, verlassen, um einen kompletten Neubeginn zu wagen. Das ist in vielerlei Hinsicht schwierig.

Von euch wird viel verlangt, ständig gibt es Erwartungen an euch, die ihr oft kaum erfüllen könnt, oder nicht wisst, wie ihr sie erfüllen sollt.

Auch wir Eltern hatten es nicht leicht. Für uns war es zwar ein „Wiedereinstieg“ in ein Leben in Deutschland. Aber an einem uns unbekannten Ort, wo wir niemanden kannten und sich dann eben doch alles neu anfühlte. Gleichzeitig haben wir es natürlich immer wieder mit dem Bekannten verglichen. Es ist verzwickt! Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass es in letzter Zeit öfters kracht bei uns. Wir werden selten richtig laut miteinander, sind aber schnell gereizt, haben eine dünne Haut, wenig Geduld und Barmherzigkeit und finden es schwer, den anderen höher zu achten als uns selbst. Die häufige Missstimmung tut weh und oft wissen wir Eltern nicht, wie wir am besten damit umgehen sollen.

Anmerkung:

Von August 2018 an werden die DMG-Missionare Jens und Cornelia Auer an der internationalen theologischen Ausbildungsstätte Cornerstone (Niederlande) neue Missionare praxisbezogen ausbilden. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit werden das Unterrichten praxisbezogener Fächer und die persönliche Begleitung von Studenten. Jens wird zudem im praktischen Bereich und Cornelia im Büro mitarbeiten.

Ehrlich gesagt wäre ich froh, wenn diese Phase nicht noch ewig anhält! Und das wird sie natürlich auch nicht. Wir werden hier immer mehr Fuß fassen. Ihr werdet hier Freunde finden. Ihr werdet mehr zu tun haben, als nur zu Hause rumzuhocken und zu zocken (reimt sich sogar… :-) ). Wir werden uns mehr und mehr zu Hause fühlen hier …

Was wir am meisten brauchen, ist Geduld; mit uns selbst und miteinander. Und Wertschätzung. Dem anderen Gutes tun, aber auch zutrauen, dass er es gut mit mir meint, selbst wenn ich es nicht auf Anhieb erkenne. In dem Zusammenhang haben wir in meiner elterlichen Familie den Begriff „Vorschussvertrauen“ geprägt: Ich schenke dir Vertrauen, noch bevor du mir beweisen kannst, dass du es wert bist. Einfach weil du du bist. Weil du mein Sohn bist, weil du mein Bruder bist, weil ihr meine Eltern seid. Ich vertraue darauf, dass du es grundsätzlich gut mit mir meinst und nur das Beste für mich willst. Meint ihr, wir können das ganz neu einüben?

Mir geht im Moment sehr die Geschichte vom Verlorenen Sohn nach. Als ich sie mit dir, Lucas, kürzlich las, fiel mir wieder diese unbändige Liebe auf, die der Vater für seinen Sohn hat. Wie er ihn richtig mit Liebe überschüttet, noch bevor der überhaupt ein Wort (der Entschuldigung) herausbringt. Eben bedingungslos. Riesenfreude, dass der Sohn überhaupt zurückkam. Als ob all das Vorangegangene keine Bedeutung hat. Wahnsinn! Solche Liebe werden wir Eltern nie „hinbekommen“ – das kann euch nur Gott schenken. Aber ich will gerne lernen, euch wenigstens ansatzweise so zu begegnen. Das fällt mir im Moment oft schwer – und das tut mir sehr leid.

Familie Auer, DMG. Foto: Sandra Versteegen-Charmant, CharmantArt Photography
Familie Auer, DMG

Deswegen ist es umso wichtiger, dass ihr die Ursprungsquelle dieser Liebe non-stop anzapft, nämlich Gott, Jesus, den Heiligen Geist. Holt euch das, was ihr so dringend braucht von dem, der es im Übermaß hat und gerne gibt. Verbringt Zeit mit Jesus – da müssen gar keine großen Worte gesprochen werden –, lasst euch einfach beschenken von seiner Gegenwart. Genießt ihn als Freund, der immer da ist, von dem ihr nie wegmüsst, bei dem man nicht zuerst auf gute Internetverbindung warten muss :-) , der euch durch und durch kennt und versteht. Er weiß, was in euren Herzen vor sich geht, und zwar ganz tief drinnen.

Gebt euch NIEMALS mit weniger zufrieden. Hängt euer Herz nicht an andere Menschen oder an Dinge oder an Screens oder Erinnerungen an eine schöne Vergangenheit – all das kann schön sein und hilfreich und wertvoll, aber es wird niemals ersetzen, was Gott euch hier und jetzt schenken möchte: Seine liebevolle, heilende, friedenstiftende Gegenwart, die euch wirklich erfüllt. Heißt das, dass alles dadurch von jetzt auf nachher besser und einfacher wird? Ihr kennt die Antwort nur zu gut.

Wir haben euch sehr lieb und freuen uns so an euch! Ihr seid die wertvollsten Schätze, die Gott uns anvertraut hat.

Gestern wurde ich auf einen tollen Text in einer Zeitschrift aufmerksam, in dem es darum geht, dass wir uns kein leichtes Leben wünschen sollten. Weil wir doch wissen, dass man durch schwere Zeiten am meisten lernt und Jesus näher kommt. Ich glaube, man muss da aufpassen. Es geht nicht darum, dass wir uns schwere Zeiten wünschen sollten – und dass ihr im Moment durch eine wirklich schwierige Zeit müsst, ist kein Spaß, am liebsten würden wir euch das ersparen! Von euch wird viel verlangt, ständig gibt es Erwartungen an euch, die ihr oft kaum erfüllen könnt, oder nicht wisst, wie ihr sie erfüllen sollt. Manchmal tut ihr euch schwer mit dem Deutschen, mit Insider-Witzen, mit dem, was gerade „in“ und „cool“ ist. Jeder will was von euch und oft fühlt ihr euch anders und unverstanden. Ihr seid zerrissen zwischen hier und jetzt und dem, was war. Das führt zu Einsamkeit!

Aber trotzdem das Schwere auszuhalten und zu erleben, wie Jesus die Lasten stemmt, das wünsche ich euch so sehr. Er, der in uns ist und uns liebt, lässt uns logischerweise nicht gerade dann im Stich, wenn’s schwierig wird. Er trägt! Ich bete für euch, dass Jesus euren Alltag umkrempelt. Wenn ihr es noch nicht erlebt, dann betet darum. Er WIRD dieses Gebet erhören. Ich bin schon gespannt, wie.

Wir haben euch sehr lieb und freuen uns so an euch! Ihr seid die wertvollsten Schätze, die Gott uns anvertraut hat. Was für ein Geschenk, jeder einzelne von euch! Und wie toll, dass sich unsere Liebe nicht zwischen euch aufteilen muss, sondern genau gleich auf alle drei verteilt werden kann – so macht das Gott :)  Hängt euch an IHN, verbringt Zeit mit IHM, hört auf IHN, redet mit IHM, vertraut IHM alles an, was euch beschäftigt, genießt SEINE Gegenwart und – wenn’s dran ist – macht mutige Schritte mit IHM!


Stichwort für Spende:
P10013, Fam. Auer

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