Brasilien: Wahlen im Sertão

23.05.2014 15:32

Brasilien ist aufgrund der WM derzeit in aller Munde – und auf unserem Kontinent steht Europawahl an. Es ist interessant, wie die DMG-Mitarbeiter Thomaz und Mayra Litz Wahlen in ihrer entlegenen Region erleben. Ein wahrer Augenöffner:

Dorf in der Halbwüste Sertão im Nordosten Brasiliens
Dorf in der Halbwüste Sertão im Nordosten Brasiliens

Wenn in Nordostbrasilien eine politische Wahl stattfindet

Thomaz und Mayra Litz sind DMG-Mitarbeiter in Brasilien
Ehepaar Litz mit Freunden

Die Halbwüste Sertão im Nordosten Brasiliens ist zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland. In den vergangenen Jahren hat es besonders wenig geregnet. Wegen der schwierigen klimatischen, sozialen und politischen Verhältnisse leiden die Menschen der abgelegenen Dörfer dort unter Not und Hoffnungslosigkeit. Wie ist es, wenn im Sertão eine politische Wahl stattfindet?

Von Thomaz und Mayra Litz (Foto), DMG-Mitarbeiter in Brasilien

Trotz offizieller Demokratie gibt es hier praktisch keine freien Wahlen. Wenige reiche Familien haben das gesamte Land unter sich aufgeteilt; diese Clans kontrollieren auch Politik, Wirtschaft, Gesundheitswesen und Bildung. Während einer Wahlkampagne befestigen sie an jedem Haus ein Poster vom „richtigen Politiker“. Wer dieses Poster hängen lässt, kann Land günstig pachten, erhält Geldgeschenke und manchmal auch eine Arbeitstelle im öffentlichen Dienst. Reißt jemand das Plakat ab, droht nächtlicher Besuch eines Schlägertrupps. Nach den Wahlen regiert der neue Bürgermeister natürlich ausschließlich im Interesse der Großfamilie und ihrer Wähler.

Gottesdienst einer kleinen Gemeinde im Sertão
Eine kleinen Gemeinde im Sertão

In diesem Umfeld leiten wir eine junge christliche Gemeinde. In den vergangenen Jahren haben sich 120 Personen in dem Dorf für den Glauben an Jesus entschieden – eine gute Wahl. Jeder Neue in unserer kleinen ev. Kirche wird von einem Mitchristen persönlich in den ersten Schritten im Glauben begleitet. In diesem persönlichen Schulungsprogramm werden auch die Probleme im Dorf angesprochen: Missbrauch von Kindern, Gewalt gegen Frauen, Alkoholsucht, Arbeitslosigkeit, Probleme im Schul- und Gesundheitswesen und natürlich: Korruption und Wahlen. Einige Gemeindeglieder wurden aktiv und gründeten Gesprächskreise über Kindererziehung, andere richteten eine Vorschule ein und gaben Nachhilfeunterricht.

Viele Menschen im Dorf hörten zum ersten Mal das Wort Demokratie, auch Wahlprogramme kannten sie nicht.

Im Gespräch mit den Dorfbewohnern
Gespräch mit Dorfbewohnern

Vor den letzten Wahlen bot ich meinerseits einen Gesprächskreis über Politik, Wahlen und christliche Werte an. Viele Menschen im Dorf hörten zum ersten Mal das Wort Demokratie, auch von Wahlprogrammen hatten sie noch nie gehört. Pflichten gegenüber den Großfamilien und Politikern kannten sie, aber ihre Rechte als Wähler nicht.

Anfangs gaben sich die Politikerfamilien unbeeindruckt. Dann bemerkten sie kleine Veränderungen. Manche Mitglieder unserer Gemeinde wollten keine Poster mehr an ihrem Haus befestigen lassen. Die meisten nahmen auch keine Geldgeschenke mehr an. Stattdessen wagten sie es, politische Forderungen zu stellen und ein klares Wahlprogramm zu fordern. Auf einmal waren die Christen das zentrale Thema der Wahlkampagne.

Informationsveranstaltungen nur unter Polizeischutz

Zu Gast bei einem älteren Ehepaar im Sertão
Zu Gast bei einem älteren Ehepaar

Massiver Druck wurde auf unsere kleine Gemeinde und auf uns als Pastorenfamilie ausgeübt. Drohungen, Schikane und Polizeibesuche vor und nach den Gottesdiensten waren an der Tagesordnung. Es gipfelte in dem Versuch, unser Kirchengebäude per Richterspruch schließen zu lassen. Während der gesamten Wahlkampagne trafen sich die Christen täglich zum Gespräch und Gebet. Regelmäßige Gebetsnächte wurden zum Höhepunkt unseres Gemeindelebens.

Wegen ihres Muts fand unsere Gemeinde viele geheime Bewunderer in der Dorfbevölkerung. Das weckte die Aufmerksamkeit anderer Dörfern. Ich als Pastor wurde in Schulen, Kirchen und Radiosendungen eingeladen, um über Politik und Wahlen zu reden. Teilweise konnten diese Veranstaltungen nur unter Polizeischutz und in Anwesenheit der Staatsanwaltschaft durchgeführt werden.

Die Vision unserer Arbeit

Im Sertão gibt es noch Tausende Dörfer mit einer ähnlichen Prägung. In mindestens 5.000 davon gibt es noch keine lebendige christliche Gemeinde, oft sogar keinen einzigen gläubigen Christen. Deshalb legen wir den Schwerpunkt unserer Arbeit auf die Gründung christlicher Gemeinden und ganzheitliche theologische Ausbildung. So lernen Menschen die gute Nachricht von Jesus Christus kennen. Wir sind uns jedoch auch sicher, dass durch die Botschaft der Bibel zudem die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Missstände im Sertão verändert werden.

Hintergrundinformationen

Thomaz Litz ist Deutsch-Brasilianer, studierter Jurist und Theologe; seine Frau Mayra ist Brasilianerin und hat Architektur studiert. Sie sind Mitarbeiter der DMG, einem christlichen Hilfs- und Missionswerk mit Heimatzentrale auf dem Buchenauerhof bei Sinsheim. Ehepaar Litz wird von christlichen Gemeinden in Deutschland unterstützt. Wie sie sind über die DMG rund 350 Mitarbeiter in 80 Ländern in den unterschiedlichsten kirchlichen und sozialen Projekten und Aufgaben tätig.

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