Nahost: Bibelkurs, Gemeinschaft und Heizung

09.01.2019 08:20
Eine Gemeinde im Nahen Osten ist uns zum Vorbild in Sachen Flüchtlingshilfe geworden
Gottesdienst mit 300 Geflüchteten

Eine Gemeinde im Orient ist uns Vorbild in der Flüchtlingshilfe

Die Nacht bricht an. Mit einem zerbeulten roten VW-Polo quälen wir uns durchs bunt beleuchtete Verkehrsgewühl einer orientalischen Millionenstadt. Vorbei an Juwelieren, leuchtendes Gold in den Auslagen, dutzenden kleinen Kleiderläden und unzähligen Cafés. So viele Menschen, Autos und Eindrücke; überall hupt es. Rechts den Berg hinauf fahren wir zu Robert und Laynes evangelikaler Freikirche, deren Innenhof bereits mit Autos und Menschen überfüllt ist. Die Leute grüßen sich fröhlich. „Die meisten sind Flüchtlinge aus dem Irak“, erklärt uns Robert, der seit 30 Jahren Mitarbeiter der DMG im Nahen Osten ist. Er führt uns unter dem leuchtenden Kreuz durchs Portal in den modernen, hohen Gemeindesaal, der vom Innenausbau her genauso gut irgendwo in Europa sein könnte.

Ein freundlicher Ältester nimmt uns in Empfang und führt uns zu freien Plätzen in der dritten Reihe. Gastfreundschaft wird hier im Nahen Osten großgeschrieben. Der adrette Musiker vor uns auf der Bühne greift in die Tasten seines Keyboards und beginnt, mit melodischem Bariton auf arabische Weise zu singen, die Texte sind vorne an die Leinwand projiziert. „Könnte ich nur Arabisch lesen“, denke ich. „Die Gemeinde singt Psalm 100“, erklärt uns Robert. „Jubelt dem Herrn zu, ihr Völker der Erde. Dient ihm voll Freude, kommt zu ihm mit fröhlichen Liedern.“ Kein Zweifel, das tut diese Versammlung von rund 300 christusgläubigen irakischen Geflüchteten und ein paar Dutzend Einheimischen heute Abend. Laut schallt die Stimme des Sängers aus den Boxen, kraftvoll stimmt die Gemeinde hinter uns mit ein. Frauen jauchzen laut, ein Senior vor uns hebt anbetend die Hände. Mir geht das Herz auf bei dem rhythmisch arabischen Lobpreis.

Heute ist ein amerikanischer Prediger zu Gast, der einfach und klar die Bibel auslegt. Es geht um Zweifel, verursacht durch negative Erfahrungen. Und negative Erfahrungen, die kennen seine Zuhörer an diesem Abend ganz sicher. Im Irak haben die meisten von ihnen noch der orthodoxen Kirche angehört. Sie sind aus vielen Gründen hierher ins Nachbarland geflohen, sie haben in den Kriegen und Unruhen der vergangenen Jahrzehnte alles verloren. Alles, bis auf ihre Hoffnung im Glauben, das wird an diesem Abend deutlich.

Jesus hat ihn am Kragen gepackt, erzählte ein Iraker

Nach dem Gottesdienst kommen wir mit Zacharias ins Gespräch, einem rauen, muskulösen Mann um die 30 aus Bagdad. Seine Geschichte verblüfft. „Vor ein paar Jahren hatte ich eine Vision“, erzählt uns der junge Mann. Jesus sei ihm von Angesicht zu Angesicht erschienen, habe ihn fest am Kragen gepackt und gesagt, er solle ihm folgen. „Seither lese ich die Bibel“, lächelt der Iraker. Zudem habe Jesus ihm in einer drastischen Prophetie gezeigt, wie weite Teile des Iraks völlig zerstört würden. „Ich hab das all meinen Freunden erzählt, aber niemand hat mir geglaubt“, sagt er. „Als der IS-Terror schließlich begann, meine Heimat wirklich in Chaos und Krieg versank und mein Vater getötet wurde, hatte ich genug“, erzählt der Iraker.

Zacharias floh über Umwege nach Griechenland. Dort hörte der junge Christ arabischsprachige Sendungen im Radio, die ihm das Evangelium näher erklärten. „Die gute Nachricht traf mitten in mein Herz“, schildert er seine Gefühle. „Ich weihte Jesus mein Leben.“ Jesus stillte die innere Sehnsucht von Zacharias und schenkte ihm einen seelischen Frieden wie nie zuvor. „Ich wollte, dass auch meine verwitwete Mutter und meine Geschwister in Bagdad Jesus kennenlernen. Sofort reiste ich zurück, um ihnen zu erzählen, wie Jesus mein Herz verändert hat“, strahlt uns der junge Mann im legeren Pullover und Basecap an.

Auch der Bruder des jungen Irakers hat eines Tages die Liebe Gottes in Christus ergriffen und folgt seither Jesus nach.

Sein jüngerer Bruder hatte Jahre zuvor durch eine Explosion vor seiner Schule ein Stück seines Gehirns verloren. Seitdem ist er teilweise gelähmt und hat oft heftige Kopfschmerzen, ansonsten hat er keine Beeinträchtigungen. Auch der Bruder hat eines Tages die Liebe Gottes in Christus ergriffen und folgt seither Jesus nach. Da die Lage im Irak immer hoffnungsloser wurde, sind die zwei eines Tages mit ihrer Mutter und einer Schwester ins Flugzeug gestiegen und hier im Nachbarland angekommen. „Wir meldeten uns als Flüchtlinge bei der UNO und warten seither auf ein Visum für irgendein westliches Land.“ Von den Christen der Gemeinde, in der wir uns befinden, sind sie herzlich aufgenommen worden: „Sie waren liebevoll und haben uns viel geholfen“, erklären die zwei jungen Männer. Zacharias und sein Bruder nehmen gerne an Jüngerschaftskursen und am Gemeindeleben teil. Vor zwei Monaten haben sich die Brüder taufen lassen. Und sie besuchen irakische Flüchtlingsfamilien, um Neuankömmlingen aus ihrer Heimat zu helfen.

Wir staunen an diesem Abend, wie Jesus mitten in tragischen, verzweifelten Situationen Menschen begegnet und zerbrochene Seelen zu neuem Leben erweckt. Auch die von Daoud, einem jungen, gebildeten Christen, der in Mossul aufgewachsen ist. Der 26-jährige spricht mit sanfter Stimme. Er ist Zahnarzt und träumt von einem neuen Leben in Kanada, wo seine Schwester Asyl erhalten hat. Als der Krieg seine Heimat erreichte, haben er und seine Eltern alles verloren. „Ich habe Schlimmes erlebt, mehrfach sind vor meinen Augen Menschen ermordet worden“, beschreibt er die Gründe ihrer Flucht. Auch hier im Nachbarland sieht er keine Zukunft. Als Iraker darf er nicht arbeiten und erhält keine staatliche Hilfe. Seit 2016 wartet er vergeblich auf die Antwort, ob Kanada ihnen Asyl gewährt. Ein Jahr hat er in einer Klinik gearbeitet, ohne Lohn. Inzwischen ist er wieder arbeitslos. Zum Glück habe er Ersparnisse, von denen er noch leben kann.

Schaufenster eines christlichen Buchladens im Nahen Osten
Schaufenster eines christlichen Buchladens im Nahen Osten

Was er den ganzen Tag tut, frage ich ihn. Daoud runzelt die Stirn: „Ich hab viel Zeit und lese auf dem Smartphone die Bibel.“ Kürzlich habe er einen Glaubensgrundkurs angefangen, um Gottes Wort besser zu verstehen. Bibellesen und die Gemeinschaft mit den Christen der Gemeinde sind das einzige, was ihm momentan bleibt. Dann lächelt er und meint: „Vielleicht werde ich ja in zehn Jahren zurückschauen und denken, dass heute die wichtigste Zeit in meinem Leben war, weil ich monatelang in Ruhe mit anderen die Bibel studieren konnte.“ Was sein Traum ist? „Einfach nur arbeiten und in Frieden leben“, sagt Daoud.

„Sie haben mir geholfen und den Glauben erklärt“

Die moderne Freikirche, in der wir uns an diesem Abend begegnen, schätzt er sehr: „Hier hab ich Christen gefunden, die mir viel vom Glauben erklärt haben. Ich war voller Fragen zur Bibel und über Jesus und dankbar für die guten Antworten.“ Zudem hat die arabische Gemeinde ihm und seiner Familie praktisch geholfen. Beispielsweise haben sie ihnen im Winter einen elektrischen Ofen geschenkt. Sie geben Lebensmittel, Kleider, Matratzen, Decken und Medizin aus. Ich frage einen der Ältesten nach Zahlen zu seiner Gemeinde. Bevor die Flüchtlingswelle begann hatten sie 70 Mitglieder und 120 Gottesdienstbesucher. Die Hälfte davon kümmert sich bis heute seelsorgerlich und praktisch um Geflüchtete. „In Spitzenzeiten waren es 600 Flüchtlinge, denen wir geholfen haben. Auf unserer Liste standen bis zu 140 Familien, die wir versorgten.“ Die Nothilfe dieser Gemeinde war auch möglich dank der Unterstützung durch die DMG und Spenden aus Deutschland.

Während wir reden, tischt die Gemeinde ein wunderbares Essen für alle auf: Reis und Fleisch, gebacken in riesigen Teigklösen, dazu Joghurt und eine gekühlte Cola für jeden. Wir setzen uns zu einem Ehepaar um die 50. Er war Professor in Bagdad, sie haben zwei Töchter. Im Irak lebten sie in einem Stadtviertel, wo sich Schiiten und Sunniten aufs Blut bekämpft haben. Eines Tages sei direkt vor seiner Haustüre ein Mann ermordet worden. „Die Mörder brachten ihn vor meinen Augen um, dann schauten sie mich an und sagten: ‚Vergiss uns wieder, was hier geschieht, hat mit dir als Christ nichts zu tun‘“, berichtet er traurig. Nach diesem Erlebnis habe er mit seiner Familie das erste Mal die Koffer gepackt und sei ins Kurdengebiet geflohen.

Im Gespräch mit einem älteren Professor aus dem Irak
Gespräch mit einem Geflüchteten

Als Araber seien er, seine Frau und ihre beiden Zwillingstöchter von den Kurden nie gut behandelt worden. Die Kinder hätten an der kurdischen Schule keine Chance gehabt, im Unterricht mitzukommen. Und auch ihm als Professor habe man das Leben schwer gemacht. „Einige Studenten wollten nicht lernen. Sie haben mir per E-Mail Morddrohungen geschickt, weil sie bessere Noten wollten.“ Frustriert packte die Familie erneut die Koffer und flog ins Nachbarland. Wie der junge Zahnarzt darf auch der Professor hier seit Jahren nicht arbeiten. Die Familie lebt von den Resten ihrer Ersparnisse und der Großzügigkeit der evangelikalen Gemeinde. Warum er als Katholisch-Orthodoxer in die protestantische Freikirche geht? „Wir gehören alle zur Gemeinde von Jesus“, strahlt mich seine Frau an. „Wir kommen gerne hierher.“ Sie hatten eine Wohnung in der Nähe gefunden und sind übers Internet auf die Gemeinde aufmerksam geworden. „Es sind nur neun Minuten zu Fuß, wir waren schon drei Tage nach unserer Ankunft im Land das erste Mal hier im Gottesdienst.“

Ein Leiter der Gemeinde spricht uns an. Wir fragen ihn, wie sie als einheimische Christen mit den weit über 1.000 Geflüchteten aus dem Irak klargekommen sind, denen ihre Gemeinde in den vergangenen Jahren geholfen hat. „Es war nicht einfach“, sagt er. „Einige unserer Mitarbeiter haben sich über die Grenzen ihrer Kraft eingesetzt. Aber es hat sich gelohnt“, strahlt er. „Viele Flüchtlinge haben ein neues Leben in der Nachfolge Jesu begonnen.“ Er würde jederzeit wieder die Türen seiner Gemeinde für Flüchtlinge öffnen. Inzwischen beruhige sich die Situation etwas. Viele seien weiter nach Australien, Kanada oder in die USA gereist, weil ihnen Asyl gewährt wurde. Es gebe natürlich Gemeindeglieder, die sich vernachlässigt und überfordert fühlten. Doch die meisten hätten eine solche Liebe zu Jesus und zu den Notleidenden und Verlorenen entwickelt, dass sie die Nachteile gerne in Kauf nehmen. „Es ist ja auch schön, wenn unsere Gemeinde plötzlich hunderte mehr Leute im Gottesdienst hat und die Stühle nicht reichen“, lächelt der Älteste.

Auf dem Weg nach Hause erzählt uns Robert seine eigenen Erfahrungen mit Flüchtlingen aus dem Irak. Er ist stolz auf seine Gemeinde, die so viel für die Fremden tut. Und dankbar für die Hilfe der DMG und vieler Spender aus Deutschland, die finanziell dazu beigetragen haben.

Theo Volland
Chefredakteur

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