„Endstation

oder Turnaround?

Gedanken nach einem Besuch im Patchwork Center (Schwerin)

Im „Patchwork Center“ treffen sich Menschen, so wie sie sind. Sie können wachsen, aufgebaut und „raised“ werden aus dem, was sie bisher erlebt haben. Aufsehen lernen. Zu Jesus, von dem hier über Jahrzehnte niemand sprach, aber der heute Hoffnung anbietet. Hoffnung im Plattenbau-Viertel.

D ie Bahn rollt mit der üblichen Verzögerung in Richtung Reiseziel. „Grund dafür ist die verspätete Bereitstellung des Zuges.“ Jetzt werden die möglichen Anschlussverbindungen angesagt. Für mich neu: Der Zugchef spricht hier nicht von der Deutschen Bahn, sondern von der „Ostdeutschen Eisenbahn“. Das heißt für mich: Schwerin, ich bin bald da. Jetzt noch die S-Bahn bis zur Endstation – ich steige aus.

 

Raise me up...

Der Schnee auf dem Weg zu meiner Unterkunft knistert unter meinen Füßen. Eine Krähe fliegt dicht über meinen Kopf. Sie knistert auch – mit einer Mülltüte, die sie irgendwo aufgesammelt hat. Möwen segeln zwischen den Plattenbauten, die hier das Stadtbild prägen. Das Meer kann nicht weit sein. Zum nächsten See sind es nur zehn Minuten zu Fuß. Zehn Minuten Kontrast zwischen Natur-Idylle und großen, grauen oder bunt bemalten Plattenbauten.

Die Straßen hier sind nach Denkern, Forschern und Philosophen benannt: Kant, Hegel, Galilei, Ohm. Die Unterhaltungen, die ich mitbekomme, sind weniger philosophisch. Dafür recht direkt, oft humorvoll und schlagfertig.

Wer hier aufgewachsen ist, bleibt oft im Viertel. Der Mann vor mir trägt einen Pullover mit der Aufschrift: „Raised by the street.“ Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das zumindest auf einen Teil seines Lebens zutrifft.
Raised? Das ist der Wunsch der Mitarbeiter der Gemeinde und des Sozialprojektes, das ich diese Woche besuche. Im „Patchwork Center“ treffen sich Menschen, so wie sie sind. Sie können wachsen, aufgebaut und „raised“ werden aus dem, was sie bisher erlebt haben. Aufsehen lernen. Zu Jesus, von dem hier über Jahrzehnte niemand sprach, aber der heute Hoffnung anbietet. Hoffnung im Plattenbau-Viertel.

Respekt!

Das Programm am nächsten Morgen startet um 8.30 Uhr. Aber viele sind schon da, als ich gegen Acht ankomme. Einer kocht Kaffee. Küchenhelfer haben schon früh mit der Vorbereitung für das Mittagessen begonnen, das Anwohner hier für rund fünf Euro bekommen können. Jugendliche chillen auf Sofas – mitten in der Woche, denn wegen eines Streiks ist heute kaum oder keine Schule. Wer möchte, kann bei der Gebetsrunde mitmachen. „Kommst du auch zum Beten?“ „Naja, kann man sich ja mal anhören.“ So sitzen wir mit neun Leuten im Kreis. „Lass uns erstmal Gott Komplimente machen“, sagt einer. Er hat recht, oder? Warum „Lobpreis“ oder „Worship“ sagen, wenn man es auch in normalem Deutsch ausdrücken kann …? Gemeinde klingt hier so, dass es jeder versteht. Denn „Jeder ist willkommen. Jeder darf mitmachen. Jeder darf Jesus entdecken.“ So steht es an der Wand, und so wird es gelebt. Ganz praktisch und ehrlich reden wir mit Gott in der Gebetsrunde. Und wer nicht beten will, sagt einfach „weiter“. „Dann machen wir jetzt noch eine Schweigeminute“ meint jemand zum Schluss. „Warum, wofür?“ fragt die Mitarbeiterin. „Einfach für Gott. Aus Respekt.“ Wir stellen den Timer auf 60 Sekunden und schweigen. Für Gott. Respekt.

Dass Gott gut ist.

Dann geht es an die Arbeit. Die Küche kocht für rund 70 Gäste täglich. Die Außenanlage muss in Ordnung gehalten werden. In der kleinen Holzwerkstatt herrscht Hochbetrieb: Sägen, schleifen, Motive brennen – hier absolvieren Leute aus dem Stadtteil Sozialstunden, die sie zum Beispiel wegen Schwarzfahrens leisten müssen. Andere helfen in der Second-Hand-Kleiderkammer. Als Praktikum, um ins Arbeitsleben reinzuschnuppern. Eine Chance, die sie in Betrieben nur schwer bekommen. Und viele kommen wieder. Die Pflichtstunden sind längst abgearbeitet – aber die Gemeinschaft ist noch da. Hier können sie andocken, reden, mitarbeiten. Am Tisch hinten links sitzt eine Dame und hilft einem Migranten beim Deutsch lernen. In einer anderen Ecke füllen Männer gemeinsam ein Formular für das Amt aus. Jemand fragt: Kann ich mit eurem Telefon mal beim Jobcenter anrufen? „Klar, viel Spaß in der Warteschleife“, ruft einer, der sich auskennt. Die Menschen hier teilen die Zeit, das Schicksal der anderen und das eigene. Sie kommen jeden Tag wieder, falls nichts anderes ansteht. Für viele ist da kaum anderes.

Hier gibt es Routine, die gut tut. Gemeinschaft, die gut tut. Und hier ist Jesus, der gut tut. Ich bestelle mir in der Werkstatt ein Küchen-Brett mit Motiv. Aus Buchenholz, als Andenken. Mit Bibelvers: „Schmeckt und seht, dass Gott gut ist.“ Mir wird klar: Ich habe schon viel mehr Gutes geschmeckt und gesehen als fast alle hier. Von Klein auf. Hier sehe ich Menschen, die meine Chancen nie hatten: familiär, beruflich, im Glauben. Ich bin privilegiert. Das stimmt mich dankbar – und demütig. Andere haben, gesellschaftlich gesehen, kaum Perspektive. Aber sie erleben den entscheidenden Lichtblick, wenn Jesus ins Leben kommt.

Ein Haus, das zum Beten da ist

„Jesus ist mit seinen Freunden unterwegs. Guck mal, sie gehen in ein Haus, das zum Beten da ist. Aber da sind lauter Leute, die Zeug verkaufen.“ In meiner Gemeinde hätte man „Jünger“ gesagt, und „Tempel“. Aber wer ohne Bibel aufgewachsen ist, kennt diese Wörter nicht. Die Mitarbeiterin weiß, was die Teenie-Gruppe heute Nachmittag versteht. Und dass die Geschichte nach rund zwei Minuten fertig erzählt sein muss. Die Konzentration der 13jährigen reicht kaum länger. Aber sie bekommen noch mit, dass Jesus die Tische umwirft. Ich frage einen der Teens: „Hättest du gedacht, dass Jesus so explodiert, wie in der Geschichte?“ „Klar, find ich cool. Das kann er öfter machen.“ Die Kids sind direkt, und sagen, was ihnen einfällt. Auch Gott gegenüber. Jemand haut eine wüste Beleidigung über Jesus raus. Ich bin erstaunt, erstmal kaum Widerspruch zu hören. Später frage ich nach und lerne: So testen die Kinder die Reaktion von anderen. Respektiert wird nur, wer es auch aushält, beleidigt zu werden. Wenn Gott damit umgehen kann, kommt er später vielleicht doch als Ansprechpartner infrage … Der raue Umgangston setzt sich auch untereinander fort: Ein Mädchen will beim Tischtennis mitspielen und wird von einem Jungen weggeschickt: „Du nicht, du bist Müll.“ Jetzt gibt’s aber doch Widerspruch. Denn das Motto gilt: Jeder ist willkommen. Jeder darf Mitmachen. Jeder darf Jesus entdecken. Jeder. Und das hat jeder zu respektieren.

Eine Menge Eindrücke, die sich nach dem ersten Tag in meinem Kopf stapeln. Mein Rückweg führt wieder an den Plattenbauten vorbei. Viele grau. Andere renoviert. Wabenmuster auf den Betonwänden. Eine Wand ist mit einem riesigen Schmetterling bemalt. Ein Symbol für Veränderung und Neuanfang. Ist das hier möglich? Ja. Die Straßenbahn hat zwar hier ihre Endstation. Aber auch die große Kurve zum Umkehren: Sie wendet, ändert die Richtung, und startet wieder neu. Aus Gottes Sicht ist hier keine Sackgasse, sondern eine Chance zum Neustart. Ich wünsche mir, dass es für viele hier nochmal richtig losgeht. Turnaround statt Endstation.

Fünf mal fünf mal x …

Ich zähle fünf Eingänge vorne am Plattenbau. Und fünf Stockwerke. Zig Wohnungen. Eine Firma wickelt gerade einen ganzen Umzug über den Balkon ab. Wie viele werden hier leben? Aufwachsen? Raised by the street? Oder: Raised up by Jesus? Beides ist möglich. Ich empfinde: Hier ist ein Ort, an dem Gottes Licht besonders stark wirkenkann. Wo es bisher dunkel ist, scheinen kleine Lampen umso heller. Die Mitarbeiter hier sind solche Lichter. Geduldige, manchmal zweifelnde oder verzweifelte, aber treue Lichter, die für viele einen entscheidenden Unterschied machen. Mit dem unbändigen Mut, sich auf den Stadtteil einzulassen – auf die Menschen, auf Einzelne.

Oder auf viele, so wie morgen. Da gibt’s eine große Open Air Aktion auf dem nahegelegenen Keplerplatz. Lieder, Geschichten, Party für alle. Hoffnung für alle. Falls sie kommen – bei der Terminplanung muss darauf geachtet werden, dass das Fest nicht stattfindet, wenn gerade staatliche Hilfen ausgezahlt wurden, auf die viele hier angewiesen sind. Denn wenn heute das Geld kommt, werden morgen viele unterwegs sein, um es auszugeben – und nicht zur Party kommen. Auch für solche Menschen ist das Gemeindeprojekt da: Gerne werden Einzelne beraten, die lernen wollen, mit ihren Finanzen besser umzugehen. Kleine Schritte auf dem Weg zum Schmetterling.

Gib nicht auf!

Der nächste Tag startet mit Minustemperaturen. Ich bin auf dem Weg, um bei der Festvorbereitung zu helfen. Eine Mutter mit Kinderwagen kommt mir entgegen. Das einjährige Kind ist warm eingepackt mit Jacke und Mütze. Es hält ein Handy in der Hand – größer als seine Handflächen. Smartphone mit Eins? Krass. Gut, dass es hier im Stadtteil ganz andere Impulse gibt, die statt Ablenkung Liebe spenden. So wie heute – auf dem Keplerplatz. Johannes Kepler hat vor Jahrhunderten herausgefunden, wie sich Planeten um die Sonne drehen. Heute dreht sich auf dem Gedenkplatz alles um Jesus. Auch, wenn es sich erstmal nicht so anhört: „Bitte hör nicht auf zu träumen“, „Gib nicht auf“ oder „Wie ein Astronaut“ singen die Leute aus dem Gemeindeprojekt. Bekannte Songs, die jeder kennt. Aber wer genau hinhört merkt: Einige Zeilen wurden auf das Leben hier angepasst – und auf die Fragen der Menschen nach dem Glauben. „Der Retter, den du brauchst, heißt Jesus.“ Diese Botschaft braucht jeder hier genauso wie ich. Wir alle sind Verlorene – im Plattenbau oder Einfamilienhaus – bis wir gerettet werden. Ein unverdientes Privileg, dass ich die Rettungsgeschichte schon als Kind hören durfte. Ich hoffe, dass besonders die Kids hier früh überrascht werden – von Jesus und seiner Einladung, die bahnbrechender ist als jede Kepler-Entdeckung.

Das Küchenteam verteilt heiße Suppe, einige unterhalten sich am Feuerkorb. Weil es zitternd kalt ist, endet der Event heute etwas früher als sonst. Wir bauen Zelte und Tische ab, räumen alles in große Anhänger, rollen Kabel ein. Mir fällt auf: Das Motto „Jeder darf mitmachen“ wird konkret gelebt. Denn: es macht auch wirklich jeder mit! Viele, die offiziell „keine Arbeit“ haben, sind fleißige Anpacker. Manche haben zwar den Schulabschluss nicht geschafft, sind aber geschickt in verschiedenen praktischen Aufgaben. Hier werden Begabungen entdeckt und gefördert: Kochen, Handwerk, Tontechnik, … Ein Teenager-Mädchen fragt mich, ob es OK ist, wenn sie den Besen holt und hier schonmal sauber macht. Jeder macht mit.

Welten wahrnehmen

So passiert hier Gemeinde. Nicht auf einen Sonntag oder Gottesdienst fixiert, sondern dann, wenn alle Zeit haben. Ja, mit Beten und Bibelgeschichten. Manchmal mit Bühne und Liedern. Aber auch mit Werkstatt, Küche, Sprachkurs und Kleiderkammer. Und in jedem Fall mit Ausstrahlung. Mich beeindruckt die Besprechung der Mitarbeiter: Zwischen der Aufgabenverteilung fliegen lustige, schlagfertige Sätze hin und her. Grob-liebevolle Sprüche, weil man weiß, dass der andere das aushält. Spontane Comedy im Alltag. Gefällt mir. In diesem Stil kaum denkbar in anderen christlichen Gemeinden. Hier genau richtig.

„Was mich am meisten überrascht hat?“ Die junge Frau aus Bielefeld macht hier ein FSJ und muss nach meiner Frage eine Weile überlegen. Dann sagt sie: „Dass hier viel mehr ist als nur ein Projekt oder eine Gemeinde. Hier ist Familie.“

Wieder in der Bahn. Ich muss umsteigen. Vorne eine Gruppe Fußballfans. „Aussteigen, wir sind im Westen, im goldenen Westen!“ ruft einer. Die anderen lachen. Bald 37 Jahre, und immer noch die Wahrnehmung von zwei Welten … Ich reise weiter, und habe viel zum Nachdenken, nach einem kurzen Abschied von Mitarbeitern, Anwohnern, Praktikanten und Ehrenamtlichen. Sie haben mir einen kleinen Einblick erlaubt. In ihr Leben und in ein Stück Deutschland, das ich so noch nicht kannte. Und in dem viele Gott noch nicht kennen. Ein Stadtteil, eine Welt, die Hoffnung braucht – und hat! Weil Menschen hier zum ersten Mal von Jesus hören.

Autor: Simon Georg
Simon leitet seit 2019 die Öffentlichkeitsarbeit der DMG. Zuvor arbeitete er als Ingenieur, bis ihn sein Weg ins Missions- und Hilfswerk führte. Als „erweitertes Hobby“ begeistert er sich außerdem für Musik und veröffentlicht Lieder, die Alltag und Glauben thematisieren. Hinter beidem – Mission und Musik – steckt der Wunsch, Menschen auf Gott aufmerksam zu machen oder auf ihrem Weg mit Jesus zu ermutigen.
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