Mission im 21. Jahrhundert – elf Trends

03.04.2014 11:30
DMG-Mitarbeiter erstellen Radiosendungen, die in ganz Italien über UKW zu hören sind
Radio, Internet und Smartphones verändern auch die Missionsarbeit

Die Welt befindet sich in rasantem Wandel – das betrifft die Völker und die Personen, die sich als christliche Mitarbeiter senden lassen. Darum sind viele traditionelle Vorstellungen über Missionsarbeit überholt. Mission muss heute neu gedacht werden.

Eine neue Generation für eine neue Zeit

Die junge Generation heute ist völlig anders als vorherige: in einer Zeit unglaublichen Wandels aufgewachsen, mit modernen Technologien vertraut, hervorragend ausgebildet. Sie hat bereits in der Schulklasse viele Kulturen kennengelernt, schon als Jugendliche etliche ferne Länder bereist, ist weltoffen, beziehungsorientiert, sensibel, selbstkritisch, unglaublich kreativ, besonders begeisterungsfähig und bereit, unter der Leitung von Einheimischen zu arbeiten. Allerdings kommen viele aus zerbrochenen Familien und tragen Narben an ihrer Seele. Sie suchen nach Gemeinschaft, Echtheit und Heilung für sich und andere. Ausdauer und Selbstdisziplin fallen manchen schwer. Mit dieser Prägung sind sie besonders geeignet für die Arbeit in Großstädten und unter sozialen Randgruppen. Es erfordert neue Aufgabenprofile und Strukturen, damit ihre Stärken zur Entfaltung kommen: andere Ausbildungskonzepte, zeitlich überschaubare, sorgfältig ausgewählte Aufgaben, kooperativen Führungsstil, flexible Strukturen, das Leben und Arbeiten im Team, gute persönliche Betreuung, minimale, simple Verwaltung, ein Lebensstil des permanenten Lernens ... eben eine neue Art von Missionswerken.

Kurzeinsätzen kommt eine entscheidende Bedeutung zu

Kurzeinsätze waren auch früher schon beliebt (z.B. OM, JmeM, DMG). Sie bereiten junge Christen für den Einsatz in anderen Ländern vor. Die vorherige Generation wäre auch ohne solche Erfahrungen in die Mission gegangen – nicht so viele aus der jungen Generation heute. Sie sind sich ihrer eigenen Begrenzungen bewusst, dass ihnen der Mut zu einem längeren Einsatz fehlt. Sie müssen zuerst praktisch erleben, dass Gott sie durchträgt und mit ihren Gaben und Erfahrungen gebraucht, um Menschen zu segnen und ein Projekt echt vorwärts zu bringen. Junge Leute lernen heute nicht so sehr durch logisches Abwägen und rationale Einsichten, sondern vor allem durch unmittelbare, persönliche Erfahrungen. Darum kommt Kurzeinsätzen heute eine entscheidende Bedeutung zu: Gott gebraucht sie, um zu helfen – und Berufungen für einem längeren Einsatz zu schenken.

Sendende Gemeinden direkt beteiligen

Mission entstammt unmittelbar dem Wesen Gottes, und er bedient sich dazu vor allem der christlichen Gemeinde: Sie sendet Mitarbeiter, um im Einsatzland wiederum Gemeinden zu bauen. Die sendende Gemeinde wird dadurch gesegnet. Diese zentrale Bedeutung der Gemeinde war nicht immer im Blickfeld. Doch heute sehen Gemeinden das anders: sie wollen nicht nur beten und geben, sondern sich aktiv einbringen, sich mit der Arbeit ihrer Auslandsmitarbeiter identifizieren, an ihrem Dienst direkt teilhaben, offen informiert werden und an Entscheidungen unmittelbar beteiligt sein. So wird Missionskompetenz und Engagement in Gemeinden gefördert. Der Dienst ihres Missionars ist wirklich IHR Projekt, und die Gemeinde ist Teil seines Teams. Das erfordert von christlichen Organisationen offene Information, ein weites Herz, selbstloses Handeln, schlanke Strukturen, vernetztes Denken, simple Verwaltung, konsequente Delegation und gelebte Partnerschaft.

Über das Expert-Team der DMG können Berufstätige einen Kurzeinsatz machen. Bauprojekt in Afrika
Baueinsatz in Afrika

Säkularisiertes Abendland: Krise und Chance

Das „Christliche Abendland“ ist längst den Bach der Geschichte hinabgespült worden und hat der Postmoderne Platz gemacht. Heute zählen die momentanen Gefühle, die Gleich-Wertigkeit aller Meinungen und Lebensweisen. Unsere Gesellschaft zerfällt in zahlreiche soziale Milieus; der Konsens an Werten löst sich auf. Jeder hat seine eigene Wahrheit und kurzfristige persönliche Beziehungen. In Leipzig gehören nur noch acht Prozent der Menschen einer christlichen Kirche an.

Freie Religiosität ist gefragt, jeder bastelt sich seine eigene Weltanschauung zusammen – diese Vielstimmigkeit reicht bis in unsere Gemeinden hinein. Die Einzigartigkeit von Jesus wird da als Ärgernis empfunden und Mission, d.h. Gottes Anspruch auf jeden Menschen, wird vehement bekämpft: Haben Muslime und Buddhisten nicht eine eindrucksvolle Religiosität? Und viele Menschen verstehen sich aufgrund ihrer guten Taten bereits als Christen – können wir anderen den Glauben absprechen? Fragen, auf die wir heute neue Antworten geben müssen.

Gleichzeitig sind unsere Städte unglaublich multikulturell geworden; in vielen Stadtvierteln kommt die Bevölkerungsmehrheit aus dem Ausland. Und selbst in ländlichen Gegenden gibt es große Asylbewerberunterkünfte mit zahlreichen Nationalitäten – die vereinten Nationen vor der Haustür. Manche neue Nachbarn aus Eritrea, Brasilien und Ghana sind bereits engagierte Christen. Wie finden sie in unseren Gemeinden eine geistliche Heimat? Da müssen wir neue Wege gehen.

Andere Migranten haben noch nie das Evangelium gehört. Eine einzigartige Chance direkt vor der Haustür. Wie können christlichen Gemeinden in Mitteleuropa ihren missionarischen Auftrag effektiv wahrnehmen? Hier können Missionswerke und ihre Mitarbeiter mit kulturüberschreitenden Erfahrungen und Sprachkenntnissen helfen. Das Engagement im Ausland lässt Segen und Kompetenz zurückfließen für die Evangelisation der eigenen Stadt. Ich bin dankbar für afrikanische, koreanische, US- und lateinamerikanische Missionare, die nach Deutschland kommen, um hier im Gemeindebau mit anzupacken. Mission ist nicht mehr Sendung von West nach Ost, sondern ein Netzwerk von Beziehungen und Diensten: Sendung von überall nach überall!

Neue Mitarbeiter sind gefragt

Der rasante Wandel hat auch die bisherigen Einsatzländer erfasst. Globalisierung findet dort noch intensiver statt. Ihre Großstädte unterscheiden sich kaum noch von Frankfurt und Düsseldorf. Während in ländlichen Gebieten in Afrika die Zeit oft stehengeblieben ist, tragen in vielen Städten Afrikas mehr Menschen ein Handy als bei uns. Unsere Software wird in Indien entwickelt, unsere Radios werden in Nordafrika montiert, unsere T-Shirts in China produziert. Der wirtschaftliche Höhenflug Südostasiens hat diese Länder und Kulturen in die Moderne katapultiert: wirtschaftlich, sozial, bildungsmäßig, sprachlich und kulturell. Die meisten mit dem Evangelium unerreichten Menschen finden wir heute nicht mehr im Urwald, sondern im Betondschungel der Großstädte.

Missionarische Aktionen müssen sich an den Menschen und ihren Bedürfnissen orientieren und aktuelle Fragen aufgreifen, damit wir die Herzen unserer Zeitgenossen erreichen. Das gilt für Gemeindeveranstaltungen, Literatur, Bibelfernkurse, Radioprogramme ... Die erfolgreichen Konzepte von gestern zählen nicht mehr. Missionare müssen ständig neue Aufgaben übernehmen, sich weiterbilden, stets Lernende bleiben ...

Einheimische Christen übernehmen die Leitung

In vielen Ländern sind inzwischen starke Gemeinden herangewachsen. Selbstbewusste Leiter haben die Verantwortung übernommen. Unsere Mitarbeiter sind heute meist unter ihrer Leitung oder in Partnerschaft mit einheimischen Kirchen tätig. Sie sind als Gäste eingeladen, nicht mehr Pioniere, die Projekte selbständig entwickeln und umsetzen können. Sie füllen Lücken aus, wo es (noch) an einheimischen Fachkräften fehlt, etwa in theologischer Lehre, Kinder- und Jugendarbeit, Sozialarbeit, Entwicklungsprojekten, beruflicher Ausbildung etc. Daraus ergeben sich neue Anforderungsprofile: Team-, Konflikt- und Kompromissfähigkeit, Demut, Einfühlungsvermögen und kulturüberschreitende Kommunikation sind gefragt. Zuweilen setzen einheimische Kirchenleiter auch andere Prioritäten, als uns lieb ist. Es mag finanzielle Erwartungen geben, ethnische Voreingenommenheit. Die Stärkung bestehender Gemeinden steht im Vordergrund, statt der Gründung neuer. Da muss einfühlsam um einen gemeinsamen Weg gerungen werden. Zusammenarbeit ist nicht immer einfach.

Moderne Kommunikation bietet einzigartige Chancen

Die neuen Kommunikationstechniken haben unsere Welt revolutioniert: Nachrichten und Bilder fliegen in Sekunden um die Welt. Ein Mausklick in Facebook und jeder weiß Bescheid – die entlegensten Winkel der Erde sind miteinander vernetzt. Das gilt auch für die Arbeit von Missionaren.

Es ergeben sich neue Formen der Evangelisation: über Satellitenfernsehen; christliche Filme als CD und im Internet, Bibeln und theologische Literatur zum Download selbst in verschlossenen Ländern; anonyme Diskussionsrunden mit Menschen aus aller Welt im Chat-Room, evangelistische Programme auf interaktiver Homepage, Glaubenskurse und theologische Schulung per E-Mail. Das sind einzigartige missionarische Möglichkeiten, doch sie ersetzen nicht das gelebte Vorbild des Botschafters von Jesus.

Auch das Leben unserer Mitarbeiter in anderen Ländern hat sich revolutioniert: Solarstrom, Trinkwasserentsalzung und -reinigung, selbst im Urwald per Satellitentelefon jederzeit erreichbar sein; GPS, das Verirren verhindert, Skype-Konferenzen mit der Teamleitung und mit Kollegen, Sprachausbildung und Weiterbildung per Onlinekurs; Schulbildung der Missionarskinder, sofortiger Zugang zu Bibliotheken übers Internet; preiswerte Flugreisen, die den Besuch von Freunden oder einen Kurzbesuch in der Heimat ermöglichen.

In gleicher Weise ist die Kommunikation zur Heimatgemeinde, zu Freunden und Unterstützern vereinfacht: eine E-Mail und Hunderte von Freunden können gezielt beten. Fotos hängen Minuten später am Infobrett im Gemeindehaus oder machen im Hauskreis die Runde, ein Telefonanruf per Skype in den Gottesdienst hinein gibt aktuelle Infos; ein Video-Clip etc. Der Phantasie und den technischen Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. Entsprechend hoch sind die Erwartungen von Freunden in der Heimat an regelmäßiger, guter Information. Kommunikation ist letztlich nicht eine Frage der Technik, sondern der Persönlichkeit.

Heute kommen selbst im Indianerdorf Laptop und Filme zum Einsatz
Heute kommen selbst im Indianerdorf Laptop und Filme zum Einsatz

Aus den Ländern des Südens

Das beeindruckende Kennzeichen der modernen Mission ist das großartige Engagement vieler Gemeinden des Südens, aus den klassischen Missionsländern. Mit großem Einsatz senden sie heute ihre eigenen Missionare um die Welt und unterstützen sie finanziell. Bereits die Hälfte der Missionare weltweit kommen heute aus den neuen sendenden Ländern der Südens: Wir treffen auf koreanische Missionare in Zentralasien, brasilianische in Nordafrika, Philippinos im Mittleren Osten ... Die Evangelical Church in Westafrica (ECWA) in Nigeria alleine hat 1.600 Missionare ausgesandt, die Presbyterianischen Gemeinden in Mizoram in Nordostindien 1.758. Diese Botschafter Gottes kommen vor allem aus gemeinschaftsorientierten Kulturen und haben andere Bedürfnisse als westliche Mitarbeiter. Ihre Gemeinden und sendenden Werke verfügen nicht immer über die gleichen finanziellen Ressourcen wie wir im Westen. Sie brauchen andere Strukturen zur Sendung und Betreuung – „neue Schläuche für neuen Wein“.

Missionare aus den Ländern des Südens kommen auch nach Europa; alleine in Deutschland sind 200 koreanische ev. Missionare tätig, um den deutschen „Heiden“ das Evangelium zu verkündigen. Und vielleicht lassen sich manche Zeitgenossen von der Spiritualität und dem Gebetseifer eines Asiaten, dem fröhlich gelebten Glauben eines afrikanischen Christen oder dem Glaubensmut eines Latinos mehr anstecken als von einem nüchternen Europäer. Auch in Deutschland brauchen wir Botschafter von Jesus aus anderen Ländern, um unsere Generation mit dem Evangelium zu erreichen.

Theologen und Missiologen aus dem Süden haben zudem einen frischen Zugang zu Gottes Wort, und neue Einsichten in die Bibel. Sie tragen Wesentliches zur Theologie bei, z.B. durch eine Theologie des Leidens, missionarische Ekklesiologie, die Lehre über die Bedeutung des Volkes Gottes, missionarische Gemeinden, Kampf mit geistlichen Mächten, Umgang mit Ahnenkult, soziale Gerechtigkeit ... Da können wir viel von Christen aus dem Süden lernen.

Mehr als Evangelisation

In den letzten Jahren sind große Gebetsbewegungen für unerreichte Völker entstanden, und Gott hat dadurch Großartiges geschenkt. Bei aller Begeisterung über sein Handeln heute ist gleichzeitig eine neue Ehrlichkeit und Demut gewachsen, dass der Missionsauftrag nicht mit Techniken, oberflächlicher Evangelisation und eindrucksvollen Bekehrungszahlen erfüllt ist. Im Zentrum des großen Auftrages nach Mt 28 steht: „Macht zu Jüngern!“ Das umfasst viel mehr als die Verkündigung des Evangeliums oder Menschen zur Entscheidung für Jesus zu führen: Alle Lebensbereiche sollen unter die Herrschaft Gottes kommen und Christen ihren Platz in einer lokalen Gemeinde, im Volk Gottes, finden. Das gelingt nicht durch Massenmedien, so effektiv diese in der Evangelisation sein können; es erfordert das gelebte Vorbild, das persönliche Beispiel, was Gottes erlösende Kraft im Leben eines Menschen zu tun vermag. Unser persönliches Leben muss offen sein, damit wir einander in der Nachfolge von Jesus anleiten können.

Ganzheitlich von Jesus reden

Unsere Zeit ist geprägt von immensen Herausforderungen: Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Dürre, Aids, Epidemien, ethnische Konflikte, Flüchtlingsströme, unglaubliches Elend in Slums, Christenverfolgung, geistlich gebundene Menschen, fürs Evangelium verschlossene Länder und Gottlosigkeit in westlichen Ländern. Da bedarf es Zeichen der Liebe Gottes und großer Kreativität. Sie öffnen Türen für das Evangelium. Jesus hat sich immer dem ganzen Menschen zugewandt. Heil und Errettung gibt es nur im persönlichen Glauben an Jesus Christus. Diese gute Nachricht wird durch Wort und Tat und die Persönlichkeit des Boten weitergegeben. Sie setzt bei den unmittelbaren Bedürfnissen und Nöten der Menschen an. Die Gemeinde von Jesus soll ein Segen sein für ihre Stadt und ihr Land.

Kooperation ist eine Schlüsselkompetenz

Die Herausforderungen unserer Welt sind so gewaltig, dass keine Kirche, christliche Organisation oder Initiative ihnen alleine zu begegnen vermag. Es bedarf vielfältiger Fachkenntnisse, Ressourcen, Erfahrungen und Personal. Es gelingt nur in der Bündelung aller Kräfte und Koordination vieler Aktivitäten. Deshalb galt das besondere Gebet von Jesus der Einheit seiner Jünger (Joh 17,21). Das beginnt am Einsatzort, wo westliche Mitarbeiter mit Kollegen aus dem Süden gemeinsam tätig sind, oft im multikulturellen Team. Sie können einander ermutigen, ergänzen und voneinander lernen. Aber es erfordert auch sorgfältige Kommunikation, Kompromissfähigkeit, Einfühlungsvermögen, dass man sich gegenseitig stehenlassen kann und Demut, damit die kulturellen und persönlichen Unterschiede als gegenseitige Bereicherung erfahren werden.

In wachsendem Maß geschieht dies auch in überregionaler Zusammenarbeit und Kooperation. In einer großen Volksgruppe in Nordindien zum Beispiel arbeiten 400 christliche Werke und Kirchen zusammen; jeder trägt seinen Teil zum Ganzen bei. Es erfordert einen weiten Horizont, die anderen Mitarbeiter wahrzunehmen und schätzen zu lernen. Gemeinsam in Gottes Auftrag!

Dr. Detlef Blöcher, Direktor der DMG
Dr. Detlef Blöcher

Für Mission braucht es ein weites Herz, die eigenen Wünsche und Prioritäten zugunsten eines gemeinsamen Zieles zurückzustellen, Kooperationsbereitschaft und vor allem den Willen zur Zusammenarbeit, um große Koalitionen zu bauen – eine Schlüsselkompetenz für die Zukunft. Nur gemeinsam kann es gelingen ... und Jesus, der Auftraggeber der Mission, wird es tun. Er kommt zum Ziel. 

Dr. Detlef Blöcher,
Direktor der DMG

 

 

Zurück