ER - LEBT !

Dr. Detlef Blöcher ist seit 2000 Leiter des christlichen Hilfswerkes DMG
Dr. Detlef Blöcher

Kommentar von Dr. Detlef Blöcher, dem Direktor der DMG

Ostern – der Schock der Kreuzigung steckt den Jüngern noch in den Knochen, das Ende all ihrer Hoffungen. Da überrascht sie die unglaubliche Nachricht, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Unvorstellbar! Stunden später erscheint der Auferstandene zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, dann auch allen anderen. Er überwindet ihre Zweifel und beruft sie zu Botschaftern der guten Nachricht. Entsprechend seinem Gebot machen sie sich auf den langen Weg nach Galiläa (Matth 28,7). Auf dem mehrtägigen Fußmarsch gibt es viel zu erzählen: Wie hatten sich die Ereignisse überschlagen. Sie betrachten Gottes Wort in einem neuen Licht. Sicher sind sie voll begeistert und erzählen jedem die Osterbotschaft, sollte man erwarten. Doch die Realität sieht ganz anders aus.

Erlebt – doch das Herz bleibt kalt
In Johannes 21 finden wir die Jünger von Jesus mutlos und gelangweilt am See Genezareth vor. Da hat Petrus einen Einfall: „Ich will fischen gehen.“ Das hatte er gelernt und viele Jahre praktiziert. Die anderen Jünger stimmen ein, und sie steigen miteinander ins Boot. Aus Langeweile und Enttäuschung verschwenden sie ihre Zeit mit Nebensächlichem; waren sie doch eigentlich zu „Menschenfischern“ und Botschaftern von Jesus berufen.
Wie oft geht es uns heute ähnlich, dass wir unsere Zeit mit Zweitrangigem verbringen? Überzeugt von der Auferstehung, wiedergeboren zum neuen Leben, beschenkt mit Glaubenserfahrungen, berufen zu seinem Botschafter – und doch ist das Herz kalt und der Mund bleibt stumm. Die Lebensziele werden angepasst und die Glaubenserwartung heruntergeschraubt.
Was ist vielleicht mein „Fischengehen“, meine Ersatzhandlung, die mich vom Eigentlichen abhält? Die Karriere? Hobbys? Das neue Computerprogramm, Familie, Freunde, Haushalt, Hausreparaturen, Gemeindeaktivitäten ...? Es gibt so viel – an und für sich Gutes – zu tun. Doch manches hält uns von unserer wichtigsten Berufung ab: Menschen die Botschaft von Jesus mitzuteilen und sie mit Gottes Liebe zu beschenken.

Er lebt – und wartet auf die Jünger
Die Jünger rackern sich die ganze Nacht über ab. Trotz all ihrer Fachkenntnis und Erfahrung fangen sie keinen einzigen Fisch. Im Morgengrauen sind ihre Netze noch immer leer. Erschöpft und demoralisiert rudern sie ans Ufer zurück. Wie die Jünger damals sind auch heute viele Christen müde und enttäuscht unterwegs: Erfolglosigkeit im Beruf, geplatzte Träume, unerfüllte Lebensziele, nicht erhörte Gebete, blockiert durch schlechte Angewohnheiten, Probleme im Alltag und unbeachtetes Talent in der Gemeinde ... Die Enttäuschung hat viele Namen.
Doch am Ufer wartet bereits Jesus auf sie. Er sieht sie schon von weitem. Er kennt ihre Enttäuschung, ihre Verzweiflung, ihre Niederlagen, und lässt sie nicht alleine damit. Er hat sie nicht verlassen! Das ist die gute Nachricht. Wie tröstlich auch für uns: Wenn ich enttäuscht auf dem Rückweg bin, am Ende meines Weges, am Nullpunkt meines Lebens – dann wartet der Herr schon auf mich. Noch mag ich ihn nicht erkennen. So wie die Jünger damals die Gestalt am Ufer nicht einordnen konnten, bis sich Jesus „offenbarte“ (V. 1 u. 14). Wo wartet Jesus bereits auf mich?

Fischer in Ecuador, fotografiert von unserem Missionsarzt Dr. Eckehart Wolff
Fischer in Ecuador

Er lebt – und redet
Der Unbekannte ergreift die Initiative und spricht die Jünger an: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Was für eine einfache und doch tiefsinnige Frage. Sie setzt bei dem an, was die Jünger gerade beschäftigt. Gut, dass sie ihm ganz ehrlich antworten dürfen: „Nein, wir haben nichts. Unsere Netze sind leer, unsere Arme müde. Wir sind am Ende mit unserem Latein. Da ist nichts, was wir dir bieten könnten.“ Jesus gibt ihnen nun einen kleinen Auftrag. Sie sollen nochmal ein paar Ruderschläge auf den See hinausfahren. Eine Kleinigkeit. Er setzt bei ihren Möglichkeiten an und baut ihr Selbstwertgefühl auf. Sie dürfen etwas für ihn tun.
„Werft das Netz aus zur Rechten!“ (V. 6), fordert er die Jünger auf. Ein kleiner Auftrag, doch ein großer Schritt im Vertrauen. Denn es widerspricht all ihrer Erfahrung, dass sich Fische tagsüber an der Oberfläche aufhalten. Das ist gegen alle Vernunft und stellt eine Zumutung dar. So ist das stets mit dem Glauben: Erst müssen wir Jesus vertrauen, dann dürfen wir Erfahrungen machen.

Erlebt – das volle Netz!
Plötzlich ist das Netz randvoll mit Fischen und droht zu reißen. Alle Hände sind gefragt. Jeder Griff muss sitzen; nur mit größter Anstrengung und vereinten Kräften schaffen sie es, das Netz zu schließen. Die Jünger sind überwältigt. Überdeutlich sind die Parallelen zu dem anderen großen Fischfang, den sie drei Jahre zuvor erlebt haben und der zu ihrer Berufung in die Nachfolge Jesu geführt hatte (Lk 5). Jetzt endlich dämmert es Johannes: „Es ist Jesus!“
Spontan wirft sich Petrus ins Meer, um zu Jesus zu schwimmen. Doch nicht ohne sich vorher sein Obergewand überzustreifen – in Respekt will er seinem Meister begegnen. Damals beim ersten großen Fischzug war Petrus erschüttert von der Macht Jesu und erkannte seine Sündhaftigkeit: „Jesus, geh von mir! Ich bin ein sündiger Mensch!“ (Lk 5,8). Doch jetzt zieht es ihn mit aller Macht zu Jesus. Er muss dringend mit ihm reden und einiges ins Reine bringen. Wie wichtig sind die folgenden Minuten alleine mit Jesus ...

Roland Weinmann (DMG) leitet ein Drogenrehazentrum in Spanien
Jesus lädt ein zum Fest des Lebens

Erlebt – eingeladen zur Gemeinschaft
Dann sagt Jesus: „Kommt her, haltet das Mahl!“ (V. 12). Er lädt seine Jünger zum Frühstück ein. Er will die erschöpften Männer stärken und Gemeinschaft mit ihnen haben. Sie sollen sich an Jesus freuen, seine Gegenwart genießen und sich bei ihm ausruhen können (Joh 6,10; Lk 22,15). Er lädt diejenigen ein, die ihn kurz zuvor verlassen und verleugnet haben. Nicht ihre Leistung macht die Fischer zu Jüngern Jesu, sondern die gelebte Gemeinschaft mit ihrem Herrn. Bei ihm dürfen sie zur Ruhe kommen und Geborgenheit erleben.

„Er lebt“ will gelebt werden
Meine Sorge ist, dass wir uns zuweilen zu wichtig nehmen, als komme es auf uns an, auf unsere Arbeit und Erfolge, statt auf die Gemeinschaft mit dem Herrn. Sie muss jeden Tag neu gelebt werden, gerade wenn wir müde sind.
Mehr noch: „Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt es ihnen, desgleichen auch die Fische“ (Vers 13). Jesus bedient seine Jünger. Er legt die Fische aufs Feuer, wendet das Bratgut und serviert. Die müden Fischer dürfen sich zurücklehnen und genießen. Jesus versorgt sie mit allem, was sie brauchen. So ist Jesus: Er dient seinen Jüngern – auch uns heute, Ihnen und mir!

Er lebt – das heißt Ostern!
Jesus lebt, das bedeutet Ostern. ER, der Herr aller Herren geht seinen Jüngern nach; er wartet – oft unerkannt am Wegesrand, bereitet die Mahlzeit vor, versorgt die Müden, richtet die Geknickten auf, stärkt die Schwachen und sendet die Gescheiterten neu aus. Wahrscheinlich zunächst zum Markt, um die vielen Fische zu verkaufen und ihre Familien zu versorgen. Später hinaus in die Welt. Jesus verwirft nicht die Versager, sondern stellt sie neu in Dienst. Das ist die gute Nachricht. Jesus handelt als dienender Knecht, in liebevollem Erbarmen und treuer Fürsorge.
Wie oft sind wir müde, doch Jesus richtet uns auf. Wir sind mit uns selbst ungeduldig, doch er ist unvorstellbar geduldig. Wir können uns selbst nicht verzeihen, doch er vergibt. Wir zwingen uns zu immer höheren Leistungen, doch er beschenkt großzügig. Wir fordern uns bis über unsere Grenzen, doch unser Herr ist barmherzig. Wir zweifeln an uns, doch er liebt und vertraut uns. Das ist die Botschaft von Ostern. Wo mag Jesus heute auf uns warten, um uns persönlich zu begegnen und uns zu dienen?

Er lebt – und deckt Sünde auf
Endlich erreichen die Jünger mit dem Boot das Ufer. Jesus hat bereits ein Kohlenfeuer angezündet und Fische auf die Glut gelegt. Das Wort „Kohlenfeuer“ finden wir nur noch an einer weiteren Stelle im Neuen Testament: beim Verhör von Jesus (Joh 18,18). Nach der Verhaftung Jesu war Petrus den Soldaten in den Hof des Hohepriesters gefolgt und hatte sich dort an einem Kohlenfeuer gewärmt. Eine Magd erkannte in ihm den Anhänger Jesu, was zur Folge hatte, dass Petrus dreimal seinen Herrn verleugnete.
Das Holzkohlefeuer, der Ort des Versagens! Es erinnert Petrus an die größte Niederlage seines Lebens. Der Schmerz brennt noch in seinem Herzen. Jesus deckt die unbereinigte Sünde auf, damit sie unter seine Vergebung kommt. So wird der Ort des Versagens zum Ort des neuen Auftrags.
Darf ich Sie persönlich fragen? Was ist Ihr „Kohlenfeuer“, das immer noch in ihrem Herzen schwelt: vielleicht eine unbereinigte Sünde, zerbrochene Beziehungen, eine tiefe Verletzung oder Selbstanklage? Ich denke an eine Missionarin, die in ihrem Einsatz Schweres erlebt hatte und tief verletzt in den Heimataufenthalt kam. An diesen Einsatzort wollte sie nicht wieder zurück, sagte sie mir. Doch in den folgenden Wochen redete der Herr zu ihr und legte Dinge offen. Vieles kam unter seine Vergebung. Monate später kehrte sie zurück an den gleichen Einsatzort, den Ort ihrer Niederlage und Enttäuschung. Ihre Vorgesetzten dort waren noch die gleichen. Die schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen hatten sich nicht verändert. Doch sie war eine ganz neue Person, und der Herr gebrauchte sie zum Segen für andere.

Er lebt – und beauftragt!
Am Kohlenfeuer gibt Jesus den Jüngern einen zweiten Auftrag (V. 10): „Bringt her von den Fischen!“ Jesus hat bereits Brot und Fische auf den Flammen liegen, doch sie reichen ihm nicht. Er will mehr. Er will etwas von dem neuen Fang der Jünger, den er ihnen gerade anvertraut hat. So handelt Gott auch heute: Er könnte in unserer Welt alles alleine tun. Aber er bezieht uns Menschen in sein kraftvolles Wirken mit ein. Er will begrenzte und fehlerhafte Men-schen als Mitarbeiter haben. Er beteiligt uns an seinem Wirken.

Er lebt – und gibt großzügig
Mit vereinten Kräften wuchten die Jünger das übervolle Netz ans Ufer und sortieren die Fische: „153 große Fische von allen Sorten“ (V. 11), mehr als man sich vorstellen kann, Überfluss und Fülle. Der erste große Fischzug in Lukas 5 führte zur Berufung von Petrus in die Nachfolge und als Menschenfischer, dieser zweite nun zu seiner Berufung in die Mission. Beides gehört zusammen.
Der Fang soll nicht verderben, sondern verwendet werden. Menschen sollen den Fisch genießen, und Gott soll die Ehre zukommen. Im biblischen Grundtext sind beide Aufträge – „Werft aus das Netz!“ und „Bringt her von den Fischen!“ – Fachbegriffe aus dem Fischereiwesen. Da-ran wird deutlich, dass Jesus die Kenntnisse und Erfahrungen seiner Jünger einsetzen will. Was ist „mein Netz“, mein von Gott anvertrautes Talent? Was sind meine „153 großen Fische“? Welche Gaben und welche Erfahrungen hat Gott mir anvertraut? Wie im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden (Lk 19,13) sollen wir unsere Begabungen gezielt einsetzen.