„Hilfe, unser Missionar kommt“

02.04.2014 11:56
In anderen Ländern gehen die Uhren oft anders. Für Missionare ist die Umstellung oft nicht einfach
In anderen Ländern gehen die Uhren oft anders

Nach Jahren des Einsatzes kommt unsere Missionarin/unser Missionar1 in den Heimataufenthalt. Was wird uns da erwarten? Was braucht er, was ist hilfreich? Er hat lange in einer anderen Kultur gelebt. Werden wir ihn noch verstehen? Da gibt es Unsicherheit auf beiden Seiten.

So ging es sicher auch der Gemeinde in Antiochia, als der Apostel Paulus von seiner ersten Missionsreise zurückkehrte. In der Bibel, in Apostelgeschichte 14, 26–28, lesen wir:

... segelten sie wieder nach Antiochia. Dort hatte man sie am Beginn ihrer Reise der Gnade Gottes anvertraut und ihnen den Auftrag gegeben, den sie nun ausgeführt hatten. Unmittelbar nach ihrer Ankunft riefen sie die Gemeinde zusammen und berichteten, was Gott durch sie getan hatte und wie er auch den Nichtjuden den Weg zum Glauben gezeigt hatte. Paulus und Barnabas blieben längere Zeit bei den Christen in Antiochia.

Nach der Rückkehr riefen sie die Gemeinde zusammen und berichteten ausführlich von ihren Erfahrungen mit Gott. Dazu soll heute der Heimatdienst eines Missionars dienen. Paulus und Barnabas erzählten sogar „alles“ – das war eindeutig mehr als ein Missionsabend und eine Missionspredigt. Es gibt viel zu hören, voneinander zu lernen, persönliche Beziehungen zu pflegen. Wegen der großen kulturellen Kluft zwischen Einsatzland und Heimat mag dies nicht auf Anhieb gelingen, und der Missionar braucht unsere Hilfe und unser Verständnis. Die folgenden Zeilen sollen dazu einige Denkanstöße geben.

    • Körperliche Umstellung: Oft wird bei der Rückreise der Tag- und Nachtrhythmus verschoben (Jetlag), denn nach nur wenigen Stunden ist man in einer anderen Zeitzone gelandet. Möglicherweise sind auch das Klima anders, die Ernährung, die Krankheitskeime. Der Körper braucht Zeit zur Umstellung. Er braucht erstmal Ruhe und Erholung, besonders nach den anstrengenden Wochen des Packens, der Übergabe der Arbeit und Projektabschluss.
    • Emotional: Der Einsatzort ist inzwischen zur Heimat geworden. Dort hat der Missionar viele Freunde zurückgelassen, zu denen die Gedanken gehen. Vielleicht auch das Bangen, wie das Projekt in seiner Abwesenheit weitergeführt wird. Die alte Heimat ist ihm inzwischen fremd geworden. Je tiefer er in die Kultur des Gastlandes eingetaucht ist, umso größer der Stress bei der Rückkehr. Auch die Heimatgemeinde hat sich verändert und es gibt viele neue Gesichter.
    • Trauerarbeit: Vielleicht sind in den Jahren im Ausland Angehörige und liebe Freunde verstorben. Diese Tatsache holt den Mitarbeiter erst bei der Rückkehr in die Heimat und in persönlichen Begegnungen wieder ein. Jetzt gilt es, Abschied zu nehmen und Trauerarbeit zu leisten.
    • Sozial: Im Einsatzland sind viele Verhaltensweisen total anders. Zudem hat der Missionar dort eine andere soziale Rolle und andere Aufgaben. Oft stand er dort im Mittelpunkt – in der Heimat ist er nur einer unter vielen.
Andere Lebensumstände, veränderter Status. Das Leben im Ausland ist anders
Andere Lebensumstände, veränderter Status
    • Technologisch: Wie viel hat sich bei uns in den Jahren seiner Abwesenheit verändert? Man denke nur an neue Fahrtkartenautomaten auf dem Bahnhof, das Bezahlen an der Tankstelle per Scheckkarte. Oder dass man beim Arzt die Krankenversicherungskarte benötigt …
    • Ökonomisch: Manche Einsatzländer sind wirtschaftlich arm, an allem wird gespart. Da befremdet die Verschwendung in unserer Gesellschaft. Zudem ändern sich die finanziellen Möglichkeiten des Missionars. Vielleicht kann er sich hier manches leisten (und hat vieles nachzuholen) – vielleicht aber auch weit weniger (keine Hausangestellte, Essen im Restaurant, Fahren mit dem Taxi), je nach der Kaufkraft im Einsatzland. Manche Missionare sind überwältigt von der Vielzahl an Produkten in deutschen Supermärkten und überfordert, eine Wahl zu treffen.
    • Kulturell: Viele Kulturen legen großen Wert auf persönliche Beziehungen. Es ist nicht so entscheidend, wieviel man besitzt, sondern wen man kennt. Es gilt, in Gemeinschaft und persönlichen Beziehungen zu leben. Der Einkauf auf dem Markt ist gleichzeitig Treffpunkt mit Freunden – während bei uns alles rational und mit möglichst wenigen persönlichen Begegnungen gehen soll.
    • Sprachlich: Der Mitarbeiter hat die vergangenen Jahre in einer anderen Sprache kommuniziert und manche Worte der Muttersprache vergessen. Zudem hat sich die Muttersprache weiterentwickelt, neue Worte sind hinzugekommen und ihm völlig unbekannt.
    • Politisch: Er identifiziert sich mit seinem Einsatzland (feuert jetzt deren Fußballmannschaft an) und mit dessen Politik. Er bewertet soziale und politische Ereignisse anders und sieht die Welt – und unsere Außenpolitik – mit anderen Augen.
    • Geistlich: Auch die christlichen Gemeinden im Einsatzland haben eine andere kulturelle Prägung. Manche biblische Wahrheiten sind dem Mitarbeiter dort besonders wertvoll geworden, andere haben an Bedeutung verloren – vielleicht hat sich auch sein Verständnis von Gemeinde weiterentwickelt.
    • Menschlich: In dieser massiven Umstellung kann es passieren, dass er sich bei der Rückkehr unverstanden, enttäuscht, fremd und einsam fühlt. Das ist eine normale menschliche Reaktion und kann zum Rückzug aus der fremd gewordenen alten Heimat führen, ja zu deren Verurteilung: der Verschwendung, oberflächlichen Beziehungen, mangelnden Hingabe und Opferbereitschaft, dem „ungeistlichen“ Verhalten in der Gemeinde. Oft dauert es ein ganzes Jahr, um die alten und neuen Eindrücke zu verarbeiten und beide Welten wieder zu verstehen.

Wie können wir dabei helfen?

Es kann schon helfen, vor der Ankunft des Missionars den Kühlschrank in seiner Wohnung zu füllen
Den Kühlschrank füllen
    • Die Rückkehr des Missionars in der Gemeinde ankündigen und Gemeindeglieder auf die Begegnung vorbereiten.
    • Würdiger Empfang in der Gemeinde – vielleicht mit Stehempfang oder gemeinsamem Essen.
    • Die neuen Gemeindeglieder vorstellen, ihn mit persönlichen Freunden bekanntmachen und an die Namen der alten Freunde erinnern. 
    • Sich viel Zeit nehmen für den Missionar. 
    • Geduldig zuhören, ein offenes Ohr haben. Erst langsam werden tiefere Erfahrungen an die Oberfläche kommen. Wie wichtig ist da ein interessierter Freund, der verstehen will. Ganz besonders, wenn dieser selbst einmal in einer fremden Kultur gelebt hat.
    • Freundschaft und menschliche Wärme zeigen. Im Gespräch herausfinden, wo Hilfe nötig oder erwünscht ist (nicht bevormunden oder aufdrängen).
    • Ehrlich fragen – nicht zuviel voraussetzen, gerade auch bei unverständlichen Reaktionen des Missionars. 
    • Beim Einkauf begleiten: Was gibt es wo günstig? Was ist ein guter Preis? 
    • Technische Veränderungen erklären (Handy, Fahrkartenautomat, Internet usw.).
    • Neue Abkürzungen und geläufige Begriffe erklären. 
    • Bei Behördengängen mitgehen. Vieles, was uns selbstverständlich ist, ist ihm fremd geworden. Manches hat er längst vergessen, wie man es vor vier Jahren gemacht hat.
    • Leitgedanken in unserer Gesellschaft erklären. Was Menschen heute beschäftigt, was ihre Sorgen sind. 
    • Missionarskindern beim Einleben helfen. Dass sie ihren Platz in der Schule finden, in der Jungschargruppe, im Sportverein. Heranwachsenden bedeutet es viel, dazuzugehören. Oft unterscheiden sie sich in Sprache, Interessen, Lebensgewohnheiten. 
    • Bei Kleidung und Mode beraten, wie man sich anzieht. Besonders mit Winterkleidung, Kinderkleidung und Schulmaterial für die Kinder aushelfen. 
    • Bei Verhaltensweisen helfen – wie man Zustimmung oder Kritik äußert, höflich ablehnt. Humor ist kulturell so verschieden.
    • Besuchstermine vereinbaren: Wer lädt ihn wann zum Essen ein, zum Bericht in Hauskreise, Gemeindegruppen, Vereine, zum Interview bei der Lokalzeitung und Radiosender. Das mehrfache Berichten hilft dem Missionar, Erlebtes zu reflektieren und zu verarbeiten.
    • Bei einem Bericht/Bildpräsentation konstruktive Kritik üben: Ob die Botschaft angekommen ist und relevant war. Welche Begriffe nicht mehr zeitgemäß sind oder heute eine andere Bedeutung haben. 
    • Bei Wohnungssuche und -einrichtung helfen. 
    • Auto ausleihen. 
    • Rat und Hilfe bei beruflicher Fortbildung geben.

Es gibt noch viel mehr praktische Hilfen, wie wir unserem Missionar das Einleben erleichtern können2. Eine einzelne Person ist damit oft überfordert. Wenn sich aber mehrere Freunde und Verwandte oder das Missionskomitee der Gemeinde die Arbeit teilen, dann werden viele bereichert und es wird für keinen zu viel.

Praktische Hilfen, beispielsweise ein Auto auszuleihen, sind wichtig. Vielleicht ein etwas Moderneres?
Praktische Hilfen, beispielsweise ein Auto auszuleihen, sind wichtig

Es geht uns wie der Gemeinde in Antiochia vor 2000 Jahren: Paulus und Barnabas finden wieder in ihre Rolle und Aufgabe in der Gemeinde zurück, dienen mit ihren Gaben und Erfahrungen (Apg 15,35), helfen der Gemeinde in speziellen Problemen (15,1f) und werden später wieder zum nächsten Einsatz auf die Reise gesandt.

Dr Detlef Blöcher, Direktor der DMG
Dr. Detlef Blöcher

Nur keine Angst: Missionare sind normale Menschen mit den gleichen Bedürfnissen und Sorgen wie wir. Sie sind dankbar für persönliche Zuwendung und verstehen die Sprache der Liebe. Sie haben besondere Erfahrungen und Fähigkeiten, einen frischen Blick für Problemfelder und kreative Lösungsvorschläge. Sie sind eine Bereicherung für ihre Gemeinde. So können auch wir von zu Hause aus noch unmittelbarer an Mission beteiligt sein. 

Dr. Detlef Blöcher,
Direktor der DMG

 

1) Der sprachlichen Einfachheit halber wird im Folgenden nur das Maskulin verwendet, das in gleicher Weise für Frauen  und Männer gelten soll.

2) Weiterführende Literatur:
-Neal Pirolo, Berufen zum Senden. SCM-Hänssler Verlag, Neuhausen 2000. S. 137-162 Unterstützung bei Rückkehr.
-Neal Pirolo, The Reentry Team. Emmaus Road Int. San Diego 2000.
-Mechthild Roth, Re-Entry-Stress. Wenn Missionare "heimkommen", Evangelikale Missiologie 11(1995), S. 78-85.
-Anne Townsend, Ein Missionar kehrt heim. In: M. Goldsmith (Hrsg.), Ein Herz für Missionare. Francke, 1992. S. 38-66

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