Berufen in die Mission? Wege zur Gewissheit ...

07.04.2014 11:57
Ein Jahreseinsatz (hier im Himalaya) kann Berufung deutlich machen
Ein Jahreseinsatz kann Berufung deutlich machen

Der auferstandene Jesus Christus hat seiner Gemeinde den Auftrag gegeben, die gute Nachricht von Jesus in alle Welt zu tragen. Die ganze Gemeinde und jeder einzelne Christ sollen daran beteiligt sein – einige sogar als hauptamtliche Missionare, d.h. Botschafter in einer anderen Kultur. Wie erkenne ich, ob mich Gott dazu berufen hat? Wie schenkt Gott Gewissheit?

Übernatürliche Berufungen

Berufung – da denken wir sofort an übernatürliche Ereignisse, wie der brennende Dornbusch bei Mose (2. Mo. 3), die Engelserscheinung bei Gideon (Ri. 6), die Vision des Jesaja (Jes. 6) oder der Lichtstrahl vom Himmel bei Saulus (Apg. 9). Diese außergewöhnlichen Erfahrungen haben unser Verständnis von Berufung geprägt.

Unscheinbare Berufungen

Gott kann so spektakulär eingreifen. Doch in den meisten Fällen geschieht seine Führung ganz anders: unscheinbar, leise, schrittweise – und diese sachte Form ist viel mehr die Regel im Alten und Neuen Testament.

Beispiel Silas

Betrachten wir zum Beispiel die Berufung von Silas, einem der engsten Mitarbeiter des Apostel Paulus. Von seiner Berufung lesen wir in Apg. 15,40 lediglich: „Paulus aber wählte Silas und zog fort, von den Brüdern der Gnade Gottes anbefohlen.“ Hier wird nicht erkennbar, dass Gott mit Silas direkt gesprochen hat – Silas erscheint unbeteiligt und passiv. Im Mittelpunkt dagegen steht der Apostel Paulus, der sich in einer ernsten personellen Notlage befindet. Nachdem sich sein Kollege Barnabas von ihm getrennt hat (Apg. 15,39), steht er alleine da und benötigt dringend Mitarbeiter. Da erinnert er sich an Silas aus Jerusalem, der nach einem Kurzeinsatz in Antiochia wieder abgereist ist. Paulus hat ihn persönlich kennengelernt und gut mit ihm zusammengearbeitet.

Jetzt aber ist er wieder in seiner Heimatstadt Jerusalem (so müssen wir aus Apg. 15,33 schließen; erst in späten Handschriften findet sich V. 34. Sollte mit dem Zusatz der riesige Aufwand geringer und damit verständlich gemacht werden?), 500 Kilometer südlich, eine Weltreise in der damaligen Zeit. Paulus wählt diesen Silas – und nicht einen der Mitarbeiter in Antiochia. Er scheut keine Mühen und Umstände, um Silas in sein Team zu bekommen. Vordergründig ist es eine menschliche Entscheidung von Paulus, entstanden aus dem Mitarbeiterengpass, den guten persönlichen Erfahrungen während des Kurzeinsatzes und strategischen Überlegungen. Dahinter aber steht Gottes Führung. Und Silas kann dies als Gottes Berufung in seinem Leben annehmen.

Junge Christen bei der JUMI-NIGHT der DMG im Juli 2013
Berufung muss nicht immer spektakulär sein

Drei Grundprinzipien:

1) Gottes Berufen durch Fakten

Gott gebraucht menschliche Überlegungen, nüchterne Zahlen und Fakten. Bei William Carey, dem Pionier der modernen Missionsbewegung vor 200 Jahren, waren es demographische Fakten über verschiedene Länder, die ihm die Augen für die noch unerreichten Völker öffneten. Bei Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf war es eine persönliche Begegnung mit dem schwarzen, ehemaligen Sklaven Anton. So erfuhr er am Rande der Krönungsfeier des dänischen Königs in Kopenhagen vom Elend der Sklaven in der Karibik – ein Jahr später wurden die ersten Missionare von Herrnhut gerade auf diese Inselkette entsandt. Gott gebraucht Vernunft (Apg. 14,6), Logik (Apg. 16,13), strategische Überlegungen (Apg. 13,6), seelsorgerliches Mitgefühl (Apg. 15,37), Umstände (Apg. 14.19), ja selbst Verfolgung (Apg. 9,24), um zu führen und Gewissheit zu schenken.

2) Gottes Reden durch Mitchristen

Zudem spricht Gott oft nicht zur berufenen Person selbst, sondern durch andere Menschen. Beim Apostel Paulus war es Ananias in Damaskus (Apg. 9,15), der ihm die Berufung zum Apostel der Nationen zusprach, und nicht Jesus selbst bei der eindrucksvollen Erscheinung vor Damaskus. Bei Timotheus war es Paulus (Apg. 16,3) und bei Johannes Markus Barnabas (Apg. 12,25). Immer wieder gebraucht Gott Menschen, um Klarheit zu schenken (Apg. 9,25+27+30; 11,25; 15,40). So wird die persönliche Überzeugung (subjektive Berufung) ergänzt durch Faktoren und Umstände, die außerhalb der Person liegen (objektive Berufung). Das gibt eine Gewissheit, die auch durch Krisen hindurch trägt.

3) Berufung als Prozess

Berufung ist oft ein längerer Prozess, nicht ein punktuelles Ereignis. Was bei Silas als eine spontane Entscheidung des Paulus erscheint, hatte eine lange Vorgeschichte:

    • Silas war ein bewährter Mitarbeiter in der Gemeinde in Jerusalem und wirkte beim Apostelkonzil mit (Apg. 15,22), jener grundlegenden Klärung, wie man Christ wird und als Christ leben kann – ob die jüdischen Satzungen für alle verbindlich sind.
    • Er wurde anschließend von der Gemeinde als Vertrauensperson ausgewählt (V. 22) und zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia gesandt.
    • Er war dort eine angesehene Person (V. 22) und als Leiter mit Autorität anerkannt. Sein Wort hatte Gewicht.
    • Er hat sein Leben für Jesus eingesetzt (V. 26). Er war ein Vorbild in Bezug auf Hingabe, ganzen Einsatz, Dienstbereitschaft, Kreativität, Risikobereitschaft, Tapferkeit, Kompromissfähigkeit, Weisheit und Liebe zu Jesus.
    • Silas (und ein weiterer Mitarbeiter) sollte die Apostelbeschlüsse der Gemeinde in Antiochia mündlich erklären (V. 27), d.h. öffentlich bekanntmachen, proklamieren. Das weist auf seine Redegabe und Kommunikationsfähigkeit hin.
    • Silas wird zudem als Prophet (V. 32) bezeichnet. Als eine Person, die öffentlich verkündigt, Gottes Wort in die Lebenssituation der Zuhörer auslegt und sich von Gottes Geist leiten lässt.
    • Er ermahnte die Brüder (V. 32), d.h. er war fähig, andere zu trösten, zu ermutigen, aufzurichten und seelsorgerlichen Zuspruch zu geben.
    • Er ermutigte mit vielen Worten (V. 32), das unterstreicht seine Beharrlichkeit, Ausdauer, seinen langen Atem.
    • Silas stärkte die Gemeinde (V. 32), d.h. er festigte, baute auf, stützte die Schwachen, gründete die noch Jungen im Glauben. Er stärkte die Angefochtenen, ermutigte die Gemeinde und arbeitete zielstrebig.
    • All das geschah im multikulturellen Kontext der Gemeinde in Antiochia, einer der größten Städte im römischen Reich, die stark von der griechischen Kultur geprägt war.

Gemeinde als Trainingsfeld

Diese Qualitäten des Silas sind nicht von heute auf morgen entstanden, sondern über Jahre des Dienstes langsam gewachsen. Die Mitarbeit in der Gemeinde in Jerusalem war keine verlorene Zeit. Sie war vielmehr Gottes Trainingsprogramm, in dem sich seine geistlichen Gaben entfaltet haben und er reiche Erfahrungen im Dienst gesammelt hat. In der Gemeinde wuchs er im Glauben und bewährte sich im Dienst: Gott bereitet seine Mitarbeiter zu! So wurde er zu der Person, die Paulus schließlich auswählte. Insofern lautet die Grundfrage nicht: „Wie finde ich meinen Platz in der Weltmission?“ sondern: „Wie werde ich die Person, die Gott gebrauchen kann?“

Die Mitarbeit in der Gemeinde in Jerusalem war keine verlorene Zeit. Sie war Gottes Trainingsprogramm.

Gemeinde als Ort der Berufung

Silas wurde in der Gemeinde in Jerusalem gefördert; die Gemeinde wählte ihn aus und sandte ihn zum Kurzeinsatz nach Antiochia. Dort arbeitete Silas mit in Lehre, Unterweisung und Seelsorge. Die Gemeinde in Antiochia lernte ihn kennen. Auf Vorschlag von Paulus adoptierte sie ihn schließlich und sandte ihn als ihren Mitarbeiter aus: „Von den Brüdern der Gnade Gottes anbefohlen“ (V. 40) – d.h. gesegnet und gesandt. Wir sehen daran, dass mindestens zwei Gemeinden (Jerusalem und Antiochia) an der Vorbereitung, Berufung und Sendung des Silas beteiligt waren. Berufung gehört hinein ins normale Leben der Gemeinde.

Keine private Entscheidung

Gemeinsames Gebet und das Hören auf andere Christen sind wichtig
Gemeinsames auf Gott hören

Sind wir solche Gemeindemitarbeiter wie in Jerusalem, die einen fähigen Mitarbeiter wie Silas erkennen, fördern, zum Leiter aufbauen, ihm Verantwortung übertragen, ja sogar in den Leitungskreis mit hineinnehmen, um so die nächste Generation von Leitern zu schulen? Halten wir die Augen offen nach potentiellen Missionar/innen? Geben wir jungen Menschen eine Perspektive dafür, was Gott aus ihrem Leben machen könnte? Sind wir Christen, die Berufungen aussprechen, wie die Gemeindeleitung in Jerusalem oder Paulus? Das ist eine Anfrage an alle Jugendgruppenleiter, Kindergottesdienstmitarbeiter, Gemeindeältesten, Seelsorger und Pastoren. Berufungen zu erkennen und auszusprechen gehört mit zu unserer Verantwortung vor Gott.

Die Berufung von Silas war keine private Entscheidung. Viele Menschen hatten Anteil, waren einbezogen in das Geschehen. Und das berufende Wort des Paulus „Er aber wählte Silas“ (V. 40) schenkte Silas letzte Gewissheit. Haben wir so wenige echte Botschafter von Jesus heute, weil Gemeindeverantwortlichen der Mut fehlt, Berufungen auszusprechen? Oder weil es an der Bereitschaft mangelt, vielleicht sogar die besten Mitarbeiter auszusenden? Durch Sendung von Mitarbeiter/innen in andere Kulturen wird eine Gemeinde nicht ärmer, sondern bereichert.

Und ich?

Bin ich selbst bereit, mich senden zu lassen, d.h. die Anfrage einer verantwortlichen Person betend zu bewegen und als Gottes Reden in meinem Leben in Erwägung zu ziehen? Denn auf diese Weise haben David, Silas, Paulus, Johannes Markus und Timotheus ihre Berufung erfahren. Oder schreiben wir Gott vor, wie er zu uns reden muss und gelangen deshalb vielleicht nie zur Gewissheit? Hier ist jeder von uns gefragt. Wir alle sind als Beter und Mentor gerufen, Interessierte in der Vorbereitung zu beraten und persönlich zu begleiten. Wir alle haben Teil an der Berufung und Sendung von Christen in andere Länder und Kulturen und dürfen Gottes Werkzeug dabei sein.

Missionsleiter Dr. Detlef Blöcher
Dr. Detlef Blöcher

Stehe ich Gott zur Verfügung? Gott will mein Leben ganz. Er will es heute. Er will durch mich handeln – als Beter, Ermutiger, Unterstützer und Missionspartner. Als Person, die Berufungen ausspricht, als Teil einer sendenden Gemeinde – vielleicht sogar als Mitarbeiter, den/die Gott sendet. Jeder Christ ist zur Tür seines Nachbarn berufen, zu Arbeitskollegen und Bekannten – mancher auch in ein anderes Land. Ja, dein Leben zählt …

Dr. Detlef Blöcher,
Direktor der DMG

 

 

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