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Sie möchten den Betroffenen des Erdbebens in Haiti helfen? Hier die Konten der DMG.
Geben Sie als Stichwort in Ihrer Überweisung bitte "Erdbeben Haiti" an. Wir leiten Ihre Spende gerne weiter. Herzlichen Dank.
Fotos von H. Schirmacher und Dr. Eckehart Wolff von ihrem Hilfseinsatz in Haiti im April (ein Klick aufs Bild vergrößert es):
Fotos von Schnülls (Februar 2010): Eine Frau, der in der Missionsklinik ein Bein abgenommen werden musste, freut sich dennoch, weil sie überlebt hat. Nahrungshilfe im Kleinen mit dem PKW. Annette Schnüll sortiert Kleider, die an Bedürftige verteilt werden.
Wir sind überaus dankbar für die großartige Hilfs- und Spendenbereitschaft nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti. Es bewegt uns; wir konnten und können den Menschen in Haiti voraussichtlich mit 300.000 Euro helfen. Gott segne alle Geber!
14. Juli 2010:
ERF-Sendung mit unserem Mitarbeiter Volker Schnüll (Haiti) ... als MP3-Download zum online anhören. Er berichtet, wie sie als Familie das Erdbeben erlebt haben und die Folgen ... echt spannend! (mehr)
20. Mai 2010:
Volker und Annette Schnüll (theologische Ausbildung in Haiti und seit Januar stark in die Nothilfe involviert) berichten:
Die Akutphase der Nothilfe in Haiti ist vorüber – nun geht es in der Erdbebenhilfe hauptsächlich um den Wiederaufbau (Foto o.r.). Die Trümmer rund um Port au Prince sind noch lange nicht beseitigt, denn die haitianische Regierung hatte lange Zeit einen Baustop verhängt, weil sie neue Sicherheitsstandards festlegen wollte. Viele Menschen leben seit mehr als vier Monaten auf den Straßen, unter Planen und in Zelten. Es ist gut, dass sich etwas bewegt – zumal die Regenfälle zunehmen. Im Juni beginnt die Hurrikansaison, da benötigen die Menschen ein Dach über dem Kopf. Einzelne Flüchtlingslager sind mittlerweile in festere aber immer noch provisorische Häuser aus Holz umgesiedelt worden.
Was tun wir derzeit mit den Hilfsgeldern der DMG?
Die haitianische Kirche, mit der wir zusammenarbeiten, kann in diesen Sommermonaten dank den Spendengeldern konkrete Projekte im Wert von ca. 200.000 Euro angehen. Das beginnt bei kleineren Reparaturen und reicht bis hin zum kompletten Neubau von Häusern, Schulen und Kirchen. Darüber hinaus sind rund 1.000 Kinder dankbar, dass wir ihnen das Schulgeld finanziert haben. Familien hatten durch das Erdbeben alles verloren und hätten ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken können. Mit der finanziellen Hilfe aus Europa werden diese Kinder nun an Schulen außerhalb des Erdbebengebietes wieder unterrichtet, wofür sie sehr dankbar sind. Herzlichen Dank für alle Ihre Unterstützung.
20. Mai 2010:
Dr. Eckehart Wolff (DMG) beschreibt seine Eindrücke beim zweiten medizinischen Hilfseinsatz seines Ärzteteams im April:
Wir waren von Ende März bis Anfang April nochmals im gleichen Krankenhaus in Haiti wie bereits direkt nach dem Beben im Januar/Februar 2010. Die Klinik liegt in den Bergen oberhalb von Port au Prince. Der Betrieb war diesmal glücklicherweise wesentlich ruhiger. Die einheimischen Ärzte behandelten wieder ihre Patienten. Aber sie waren überfordert mit der Menge der Nachbehandlungen nach dem Beben. Noch etwa 25 Patienten lagen nach mehr als zwei Monaten stationär, aufgrund ihrer Verletzungen durch die Katastrophe. Von mehr als 600 Erdbebenverletzten, die in diesem Haus operiert worden waren, gab es ca. 15 Patienten mit Wundinfekten und anderen Komplikationen wie ausgebrochenen Metallplatten nach Sturz oder ähnlichem. Wenn man die Bedingungen sieht, unter denen die vielen ausländischen Teams gearbeitet haben, ist das eine erstaunlich gute Bilanz – man erkennt klar den Segen Gottes bei dieser Arbeit.
Begegnungen mit Freunden ...
Wir haben liebe Patienten wiedergesehen, beispielsweise das Mädchen, das nach drei Tagen im zusammengebrochen Haus gerettet wurde und im Aufwachen aus der ersten Narkose sang: „Ich bin gerettet, ich bin gerettet!“ Ihr Bein ist geheilt, aber sie hat mehrere Sehnen verloren und bräuchte jetzt dringend eine Sehnenverpflanzung, die wir leider nicht vornehmen konnten, weil es noch zu früh dazu war. Oder die junge Frau, die ihre ganze Familie verloren hatte und völlig verzweifelt mit Oberschenkel- und Oberarmbruch zu uns kam. Sie war damals, völlig ausgehungert und beinahe verdurstet, schnell operativ versorgt worden. Wegen einer Platteninfektion lag sie noch immer mit Schmerzen in der Klinik. Neben den körperlichen Beschwerden hat diese gläubige Christin vor allem den Verlust ihrer Familie zu verkraften, was ihr sehr schwerfällt. Es gibt noch eine Chance, dass eine Tochter überlebt hat. Mitarbeiter aus Haiti suchen jetzt in den zahlreichen Listen der Stadt, um Mutter und Tochter wieder zusammenzuführen.
Auch sonst tut sich vieles
Die Missionare in Haiti haben seit Monaten Übermenschliches geleistet. Sie gehen mehrmals wöchentlich in die Zeltstädte, um Menschen persönlich zu sprechen und seelsorgerlich und praktisch zu helfen. Zeltplätze sind auf Verkehrsinseln, in Parks und jedem nicht direkt benutzen Platz wie Bolzplätzen entstanden. Mittlerweile sind die einfachen Plastikplanen besseren Zelten gewichen. Die Regenzeit hat begonnen. Und trotzdem: Einige Menschen wohnen dicht zusammengedrängt auf gesperrten Straßen der Stadt, in denen das Wasser bei Regen durchfließt. Zwar sind die Straßen gereinigt, aber sicher nicht angenehm als „Wohnung“. Es ist erstaunlich, dass nicht mehr Seuchen ausgebrochen sind, bei dem teilweise unbeschreiblichen Dreck und Müll in einigen Stadtbezirken.
Die Menschen sind offen für das Evangelium
Die Gemeinden versuchen, neue Christen aufzufangen und einzubinden. Die Sozialarbeit solcher Gemeinden zeigt sich derzeit als effektive Kraft, Glaube mit dem Neuanfang für ganze Familien zu bündeln. Das sehe ich als Hoffnung für Haiti. Wir haben selbst einen geistlichen Aufbruch der Menschen dort erlebt. Gemeinden wachsen neu zusammen und bewähren sich im Wiederaufbau. Die Missionare haben ein Hausbauprogramm gestartet. Für weniger als 3.000 Dollar werden einfache, erdbebensicherere Häuser mit Stahlbetonring gebaut. Mehrere hundert solcher Häuser sind rund um das Hospital der Mission in Arbeit. Wir geben den Einheimischen eine Chance auf Arbeit, dank der Spenden aus dem Ausland. Hilfe zur Selbsthilfe.
Ansonsten ist das Chaos im Land perfekt
Zwei Beispiele: An den Berghängen von Port au Prince sind unzählige Häuser zerstört. Hatten diese Menschen in den billig erbauten Häusern jemals ein Zertifikat, dass ihnen ihr Grundstück gehört? Jetzt haben sie alles verloren. Und die Behörde, in denen die Kopien lagen, ist ebenfalls zerstört worden. Da ist in Zukunft der Korruption Tor und Tür geöffnet. Wie sollen die Menschen nachweisen, dass ihnen ein Stück Berghang gehörte?
Das Erdbeben hat auch viele vollbesetzte Schulen und Universitäten mitten im Betrieb vernichtet. Beispiel: Eine siebenstöckige Ingenieurs-Ausbildungsstätte brach zusammen, nicht einer der Studenten und Professoren überlebte. In der Hauptstadt ist mit dem Beben ein Großteil der gebildeten Bevölkerungsschicht ausgelöscht worden. Wer kann das ersetzen? Haiti braucht Menschen mit moralischer Festigkeit, die sich für ihr Land engagieren. Hier haben die haitianischen christlichen Gemeinden eine gewaltige Aufgabe vor sich, aber auch eine große Chance.
22. März 2010:
Dr. Eckehart Wolff berichtet über die ersten beiden Tage des medizinischen Helferteams dort:
Ich wusste, dass es diesmal ganz anders wird als direkt nach dem Erdbeben. Die Situation und das Team sind anders. Wir sind hier mit zwei Chirurgen, zwei Allgemeinmedizinern, zwei Krankenschwestern und zwei Ingenieuren, die weitere Hilfe für Haiti ausloten sollen.
Schon die Ankunft am Flughafen war anders. Die haitianischen Behörden haben wieder das Sagen. So kommt man am fahrbaren Arm des Flughafengebäudes an, darf aber gleich eine Treppe tiefer gehen und wieder auf das Flugfeld treten, wo einen enge Busse zu einer Lagerhalle fahren. Dort in der Hitze wartet man, bis die Koffer durch ein enges Loch achtlos runtergeworfen werden.
Dann die Fahrt durch die Stadt. Viel Schutt ist schon weggeschafft, an anderen völlig zerstörten Gebäuden ist noch nichts gemacht. Man fragt sich, wieviele Leichen da wohl noch darunterliegen? Aber die Stadt Port-au-Prince ist zu neuem Leben erwacht. Es hat die ersten Regenfälle gegeben. Das Grün sprießt und es blüht. Überall Menschen, die an den Straßenrändern frisches Brot, Gemüse und Früchte anbieten. Die Parks und freien Plätze sind noch voller Zelte. Aber es sind mittlerweile komfortablere Zelte. Viele Menschen haben sich hier auf Dauer eingerichtet. Dazwischen aber auch Müllhalden und fürchterlicher Gestank.
Dann fahren wir in das Krankenhaus der Baptisten, wo unser Team in Einsatz kommt. Auf den Gängen sind keine Patienten mehr, aber die normalen Hospitalbetten sind fast alle noch belegt. Ein Drittel der Patienten sind Verletzte des Erdbebens mit allen möglichen Komplikationen: nicht heilende Wunden, Knochenvereiterungen und Platten, die deshalb ausgebrochen sind. Was besonders schmerzt, dass drei dieser Patienten von unserem Team vor zwei Monaten operiert worden sind. Natürlich gibt es dafür viele Erklärungen, aber es schmerzt einen persönlich eben doch.
Der Empfang durch die Missionare und Patienten war herzlich. Es ist ein Vertrauensverhältnis entstanden. Wir haben nach kurzer Visite das Hospital übernommen und stellen den OP-Plan für die nächsten Tage auf. Unsere Ankunft wurde schon im Radio bekanntgegeben. Es werden Viele zur Nachuntersuchung kommen. Heute haben wir im Team die Verantwortungen besprochen. Es ist eine Gruppe von acht engagierten Leuten.
Die Patienten brauchen wirklich unsere Hilfe. Da ist der elfjährige Johnny, den wir damals mit zwei Drähten und einem Gips so schnell wie möglich entlassen haben, weil er im Januar mit Oberschenkelfraktur weder eine OP brauchte noch einen langen Hospitalaufenthalt. Er kam zu keiner Kontrolle, hatte den Gips bald in Teile zerlegt und so haben ihm die Drähte eine große Arterie angenagt. Sein Hämoglobingehalt war lebensbedrohlich gesunken. Er steht morgen auf dem OP-Plan.
Von den vielen mit Platten versorgten Frakturen mussten mehrere von nachfolgenden Teams nachoperiert werden, weil die Patienten trotz unseres Verbotes ohne Gehstützen voll belastet haben oder gestürzt sind. Einige wenige sind infiziert. Für mich ist es erstaunlich, wie wenige Frakturen nicht geheilt sind. Aber diese wenigen machen uns Probleme. Zwischendurch gibt es auch neue Patienten, wie die Folgen einer Auseinandersetzung zweier Zechkumpanen. Einer verlor den Streit und kam mit durchhackten Sehnen seines Unterarmes.
Unser Team tut sich ein wenig schwer, zusammenzuwachsen. Es sind einige Individualisten darunter, die ihre eigene Vorstellung vom Leben haben. Aber im Großen und Ganzen kommen wir miteinander klar. Jetzt sind wir auf Morgen und den Ansturm der ambulanten Patienten gespannt …
22. März 2010:
Hermann Schirmacher (DMG) berichtet von der Ankunft des Hilfsteams unserer Partners HCJB, mit dem er als Technischer Leiter in Haiti ist. Und die Geschichte eines haitianischen Jungen:
Als unser Ärzte- und Helferteam beim Haiti-Baptist-Mission-Hospital ankommt, winken Patienten bereits von Ferne. Die Gesichter von Dr. Wolff und Dr. Nelson werden sofort erkannt, beide waren beim ersten Einsatz kurz nach dem Erdbeben in Haiti zur Stelle gewesen.
Auch der Junge Younel (Foto) winkt mit beiden Händen, um auf sich aufmerksam zu machen. Er sitzt im Rollstuhl, doch sein strahlendes Gesicht ist nicht zu übersehen.
Younel, ist zwölf Jahre alt. Er und seine Familie leben etwa eine Stunde von Port-au-Prince entfernt, in den wunderschönen, kühlen Bergen. Früher brachte er jeden Morgen die Tiere der Familie über einen schmalen Pfad an den Hängen zu ihren Weiden und kehrte abends müde wieder heim. Der 12. Januar 2010 war zuerst auch so ein Tag; doch dann: das Erdbeben. Riesige Brocken und Steine rollten vom Berg hinab. Ein großer Brocken erwischte ihn an der rechten Seite und zertrümmert Arm und Bein. Seine Familie fand ihn später schwer verletzt und eilte mit ihm zum Krankenhaus, wo bereits hunderte Patienten auf die Versorgung ihrer Wunden warteten. Die Warteräume und Gänge waren mit Verletzten überfüllt. Überall Panik, Blut und Tod. Die Ärzte und Mitarbeiter machten ihre Arbeit hervorragend und arbeiteten Tag und Nacht, um die Not zu lindern. Auch Younel wurde operiert.
Seelsorger Jack besuchte Younel mehrere Tage nach seiner Behandlung. Er stand an seinem Bett, hielt seine Hände und erklärte durch einen Übersetzer, dass sie für ihn beten wollten. Younel stimmte gerne zu und möchte gerne Jesus nachfolgen.
Younel, wird bald Vollwaise sein. Sein Vater starb im Dezember, die Mutter leidet an Brustkrebs im Endstadium. Bitte beten sie für diesen Jungen und seine Mutter. Und für Haiti, ein Land, das noch viel Hilfe braucht. Die Medien berichten nur noch wenig von Haiti, doch Gottes Geschichte mit Younel hat gerade erst begonnen ...
20. März 2010:
Seit Samstag, den 20. März 2010, sind die DMG-Mitarbeiter Hermann Schirmacher und Missionsarzt Dr. Eckehart Wolff mit einem zehnköpfigen, internationalen medizinischen Helferteam in Port-au-Prince, Haiti, um erneut den Betroffenen des Erdbebens beizustehen. (Das Foto zeigt die beiden bei einem Zwischenstopp in Panama auf der Reise nach Haiti).
Dieses Team unserer Partnerorganisation HCJB (Ecuador) wird zwei Wochen im Krankenhaus der Baptisten in Port-au-Prince tätig sein. Den Schwerpunkt ihres Einsatzes bilden Operationen, Nachsorge, Seelsorge und die Hilfe zur Traumabewältigung. Zudem möchten sie in der Umgebung weitere Einsatzmöglichkeiten erkunden, um Betroffenen des Erdbebens in Haiti auch mittel- und langfristig beizustehen und zum Wiederaufbau beizutragen. Je nach Bedarf wird HCJB in den Monaten darauf weitere Hilfsmannschaften nach Haiti entsenden, teilte DMG-Mitarbeiter Hermann Schirmacher mit.
1. März 2010:
DMG-Mitabeiter Volker Schnüll (Haiti) berichtet aus Les Cayes:
Wie jedes Jahr wurde Haiti nach starken Regenfällen überflutet. Doch es war schlimmer als in der Vergangenheit und kam in doppelter Hinsicht zur völlig unpassenden Zeit: Laut Kalender befinden wir uns noch in der Trockenzeit. Regenfälle, Überschwemmungen und Schlamm sind im Moment wohl das Letzte, was die Menschen nach der Erdbebenkatastrophe brauchen Viele trauen sich noch immer nicht in ihre Häuser - wenn sie noch welche haben.
Ein Freund in der Hauptstadt weist auf die hygienischen und gesundheitlichen Konsequenzen des Regens hin: Viele Leichen sind noch nicht aus den Trümmern geborgen, nun werden sie vom Wasser nach und nach herausgewaschen. Der Verwesungsgeruch sei in einigen Wohnvierteln wieder zurückgekehrt, schreibt er.
Letzte Woche war hier alles noch trocken und staubig. Jetzt beten wir um Sonne, damit die Menschen ihr nasses Hab und Gut wieder trocknen können. Im Moment ist es immer noch am Regnen.
Uns persönlich geht es gut, unser Haus liegt erhöht. Heute Nachmittag haben wir als ganze Familie die überflutete Kapelle unseres Theologischen Seminars vom Wasser befreit. Gott sei Dank waren kaum noch Lebensmittel darin, das wenige, was feucht geworden ist, konnten wir zum sofortigen Verzehr verteilen. Danke wenn Sie weiter für uns und die Menschen in Haiti beten.
26. Februar 2010:
DMG-Missionar Volker Schnüll (Haiti) dankt den Schülern der Freien Christlichen Schule in Darmstadt für ihr Engagement, er schreibt:
Eine große Gruppe unter den Leidtragenden des Erdbebens in Haiti sind Schüler und Studenten - vor allem, die auf weitereführenden Schulen waren. Ihre Schulen befanden sich zum größten Teil in der Hauptstadt und sind nun zerstört. Viele Schüler haben ihre Uniformen verloren, ihre Bücher und Unterlagen und v.a. ihre Nachweise, daß sie bereits das Schulgeld für 2010 bezahlt haben.
Nun sind viele hier in unserer Stadt Les Cayes untergekommen. Hier gibt es Schulen. Aber die Schüler haben nicht das Geld, sich alles wiederzubeschaffen. Und sie müssen ihr Schulgeld noch einmal aufbringen. Unsere Kirche (die Baptisten des südlichen Haiti) möchte haitianischen Schülern helfen. Bei Schulkosten von 5-10 Euro pro Monat (je nachdem ob Grund-, Mittel- oder Oberschule und je nach Qualität) kann man mit 1000,- Euro schon mal 20 bis 40 Schülern helfen, das Schuljahr zu beenden. Bücher, Uniform und ähnliches sind darin noch nicht enthalten. Wollte man einzelne Schüler komplett unterstützen, dann wären es vielleicht 10-15 Euro pro Monat.
Seid ganz herzlich gegrüßt. Danke für alle Unterstützung im Gebet und mit Spenden.
23. Februar 2010:
Susanne Baerg berichtet aus Port-au-Prince
„Wir sind am Ende. Unsere Reserven sind aufgebraucht, und Hilfe ist noch keine bis zu uns gekommen.“ Pastor Gardys Stimme klingt verzweifelt – einer von vielen Hilferufen, die mich nach dem schrecklichen Erdbeben im Januar erreichen. In der Nacht nach seinem Anruf kann ich nicht schlafen. Gardy ist ein wertvoller Mitarbeiter und Freund.
Vergangenes Jahr hat er ein Serie Sonntagsschullektionen für Erwachsene verfasst, die den Jakobusbrief behandeln. Am Sonntag nach der Katastrophe lasen alle Gemeinden unserer Kirche seinen Abschnitt über Jakobus 1,2-8, wie Christen sich verhalten sollen, wenn Gott sie auf die Probe stellt. Viele sagten: „Es war deutlich Gottes Führung, dass Jakobus eins im Sonntagsschulbuch dran war.“ Vielleicht ist Pastor Gardy ja deshalb so angefochten, weil er mit seinen Studienanleitungen derzeit so viele Christen ermutigt.
Mit meinem Mitarbeiter Pastor Etheard fahre ich nach Port-au-Prince, um zwei Kirchenleitern der Hauptstadt Hilfsgelder weiterzugeben. Was wir hier vorfinden, berührt uns. Zum einen die völlig zerstörte Stadt. Aber etwas anderes bewegt uns noch mehr: Die Straßen von Port-au-Prince sind leer, außer vor den Kirchen, wo sich hunderte Menschen zum Fasten und Beten versammeln.
Den Sonntagvormittag verbringen wir in Pastor Gardys Gemeinde. Sie trifft sich in der Garage eines Wohnhauses auf einem Hügel außerhalb der Stadt. Diese Garage ist viel zu klein, sie vervierfachen ihren Versammlungsraum mit Plastikplanen und Laken. 500 Personen sitzen eng beieinander auf Teppichen, Decken und Stühlen. Wir singen viel und kräftig miteinander und beten immer wieder für das Land und die Betroffenen des Erdbebens. Ich erzähle eine Missionsgeschichte, Pastor Etheard hält die Predigt. Am Ende entscheiden sich neun Menschen für Jesus.
Nach dem Gottesdienst treffen wir den Pastor einer Nachbargemeinde. Dort sind an diesem Vormittag elf Personen zum Glauben gekommen. Strahlend sagt er: „Ich glaube wir haben eine Erweckung, bei jeder Veranstaltung und auch sonst bei Gesprächen bekehren sich Menschen zu Jesus.“
Unser Verband, die Baptisten des südlichen Haiti, haben 20 Gemeinden in Port-au-Prince und Umgebung. Sie beklagen 83 Tote. Aber in den vier Wochen danach sind 40 Mal so viele Menschen zum Glauben gekommen. Die größte Gemeinde zählt 4.000 Mitglieder und 6.000 Gottesdienstbesucher. Dort haben sich seit dem Beben 1.750 Menschen für Jesus entschieden.
Als ich Pastor Lucien die Hilfsgelder für seinen Bezirk übergebe, strahlt er mich an und meint: „Gott hat uns das Erdbeben geschickt, weil er dadurch viele Menschen in Haiti retten und ihnen ewiges Leben schenken will.“ Er könnte auch niedergeschlagen sein, denn sein Haus ist völlig zerstört, außer den Kleidern am Leib und seiner Thompsonbibel hat er alles verloren. Glücklicherweise hat seine Familie überlebt. Ein Wort der Klage höre ich nicht aus seinem Mund. Begeistert erzählt er von den vielen Wundern, die Gott während und nach dem Beben getan hat.
Pastor Lucien hat mich beeindruckt. Seiner Mutter musste ein Fuß amputiert werden, und der älteste Sohn, ist verletzt worden. Ihn konnten sie zu einer Tante nach Miami schicken. Trotzdem freut sich Pastor Lucien über Gottes Bewahrung und Fürsorge. Mehr als 1.000 Menschen haben sich in seiner Gemeinde seit dem Erdbeben zu Jesus bekehrt.
Die Erde bebt immer noch manchmal, so dass noch niemand mit dem Wiederaufbau begonnen hat. Unsere Pastoren und Gemeindemitarbeiter sind sehr aktiv in der Seelsorge, Evangelisation und Hilfe für die Menschen. Beten Sie bitte für sie.
15. Februar 2010:
Film über den medizinischen Hilfseinsatz des Teams rund um unseren Chirurgen Dr. Eckehart Wolff (DMG):
12. Februar 2010:
PRESSESTIMMEN: Die Haiti-Nothilfe der DMG und unserer Partner und Missionare vor Ort hat in vielen Gemeinden hierzulande eine Welle der Hilfsbereitschaft und viele Aktionen ausgelöst, für die wir sehr dankbar sind. Hier 3 Beispiele:
11. Februar 2010:
Volker und Annette Schnüll berichten aus Haiti:
Das zweite Trimester der Theologischen Fakultät Lumière hatte gerade begonnen, als das Erdbeben nahe der Hauptstadt Port-au-Prince, Leben und Alltag unter Schutt und Staub begrub und eine neue Zeitrechnung in Haiti markierte. Heute, drei Wochen später, versuchen wir den zaghaften Übergang ins Leben „danach“:
Der Unterricht wird wieder aufgenommen, aber der Stundenplan ist ein anderer. „Seelsorge an Traumatisierten“ beschäftigt uns schwerpunktmäßig im ersten Monat nach dem Beben. Die erste Stunde bestand hauptsächlich darin, dass die Studenten – fast alles haitianische Pastoren – von sich und ihren schrecklichen Erlebnissen rund um das Erdbeben erzählten.
Pastor B. ist nach dem Beben sofort in die Hauptstadt gefahren und hat mit Hammer und bloßen Händen Verwandte ausgegraben. Er schilderte seine Eindrücke: „Ich konnte kaum atmen vor Staub und Gestank, überall stolperten wir über Leichen.“ Wieder zuhause lag er eine Woche krank im Bett, unfähig irgendetwas zu tun oder auch nur zu denken.
Pastor L. wohnt in Petit Goâve, 50 km vom Epizentrum entfernt, entsprechend viel Zerstörung hat er erlebt. Trotzdem sei er nicht auf das vorbereitet gewesen, was er in den Tagen darauf in der Hauptstadt zu sehen bekam. All das Leid und die Zerstörung habe ihn wie eine Lawine überrollt. Er konnte nur noch auf sein Motorrad springen, erzählte er, und ist regelrecht aus der Stadt geflohen.
Solche Berichte von Leitern, die alle vorher schon viel Leid gesehen und durchgemacht haben, berühren uns. Sie wissen genau, was diese Katastrophe für ein Land wie Haiti bedeutet. Aber sie sitzen nicht als gebrochene Männer vor mir, sondern als solche, die anpacken und Gott in dieser Situation mit aller Kraft dienen. Und sie erleben, wie Gott sie gebraucht. Denn viele Menschen treibt die Not zu Gott. Überall hört man christliche Loblieder mitten zwischen Trümmern und Leichen, davon berichteten auch westliche Medien. Für viele bleibt das ein unfassbarer Widerspruch.
Während ich selbst noch nach Gottes Allmacht und Liebe in all dem Leid frage und christliche Medien darüber diskutieren, ob das alles Gottes Gericht über Haitis Geisterglauben sei, beten viele Haitianer ganz schlicht zu Gott und danken ihm für ihre Errettung – für ihre physische Errettung aus den Trümmern und für ihre ewige Errettung aus Schuld und Gottesferne.
5. Februar 2010:
PRESSESTIMMEN: In dieser Woche berichtet die Ärztezeitung in drei ausführlichen Artikeln über den Hilfseinsatz unseres Missionsarztes Dr. Eckehart Wolff in Haiti. Hier die Berichte:
Text vom 1. Feb., aktualisiert 5. Februar 2010:
Ein Rückblick von DMG-Arzt Dr. Eckehart Wolff, wie es zum spontanen Einsatz seines medizinischen Helferteams (ein internationales Team unseres Partnerwerkes HCJB, Ecuador / Fotos rechts) im Erdbebengebiet von Haiti gekommen ist:
Wir sind gerade aus Afrika von einem dreimonatigen Einsatz in einem Krisengebiet (Kongo) zurück und froh, einmal tief durchatmen zu können. Da kommt die Nachricht vom schweren Erdbeben in Haiti. Die Deutsche Welle spricht von 100 Toten, in den nächsten Nachrichten heißt es schon: vielleicht 100.000 Tote. Ich stelle mich in der Stillen Zeit, beim Bibellesen und Gebet, auf ein Telefongespräch ein. Das kommt wenige Stunden später: „Mach Dich fertig – wir fliegen hin.“
Wir, das sind das „Deaster-Team“ von HCJB-Global, einer Partnermission der DMG. In der Nacht fahre ich nach Quito. Die bestellten Sachen sind bereits eingepackt. Im Morgengrauen fliegen wir nach Miami, mit einem Mietwagen geht es nach West Palm Beach – Touristenorte. Uns ist nicht nach Tourismus zumute. Dort wartet das Flugzeug auf uns.
Manche Organisation hat ihre Presseleute bereits vor Ort in Haiti, aber es gibt heute keine Landeerlaubnis mehr in Port-au-Prince, so dass wir Mediziner nicht sofort hinkommen. Andere Helfer sind ebenfalls schon abgewiesen worden. Warum müssen wir nur so lange in einem Hotel warten?
Am nächsten Morgen endlich grünes Licht – schneller Aufbruch, Landung im Zentrum des Erdbebengebietes. In 9 Minuten ist unser Jet entladen und 15 Minuten nach der Landung bereits wieder in der Luft. Und wir sind auf dem Weg zum Hospital der haitianischen Baptisten, eineinhalb Stunden oberhalb der Stadt. Dort warten bereits rund 250 Patienten auf uns. Sie liegen auf den Gängen und in Hallen sowie auf der Straße vor dem Hospital. „Warum kommt Ihr so spät?“, ist auf ihren Gesichtern zu lesen.
Es geht sofort ans Operieren: In zwölf Tagen sind es 116 Patienten mit größeren OPs. Der Nachschub fehlt, aber immer wenn der Gips und das andere Material ausgehen, kommt in letzter Sekunde doch noch eine Lösung. So viele Gebetserhöhrungen in so kurzer Zeit habe ich noch nie erlebt. Das Hospitalpersonal arbeitet bis zum Umfallen, besonders die Einheimischen. Nie hören wir einen Vorwurf. Große Hilfe ist die 82-jährige Mama Kafa, deren Haus zerstört ist. Sie schläft neben dem Hospital und hilft uns von 8.00 Uhr bis nach Mitternacht im OP. Sie singt und betet mit Patienten und macht uns Helfern noch Mut.
Viele einheimische Christen übersetzen, sind einfach präsent, Tag und Nacht, und fragen nicht nach Verdienst. Solche engagierte Christen sind die Zukunft dieses Landes.
Wir sitzen in einer Turbopropmaschine auf dem Weg nach Fort Lauderdale in Florida. Resümee: Haiti ist ein bitter armes Land und wird über Jahre weitere Hilfe brauchen. Viele Schulen sind öffentliche Gebäude, die wegen Baumängel (Korruption beim Bau) eingestürzt sind. Es scheint überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche getroffen zu haben.
Es besteht wenig Interesse an Hygiene. Jeder wirft seinen Dreck auf die Straße oder in den Fluss, der vielen als Trinkwasserquelle dient. In Kürze werden Seuchen ausbrechen. Wir haben schon Typhuspatienten behandelt. Haiti erhält seit vielen Jahren Hilfe von außen. Das Erdbeben wird diese Abhängigkeit noch verstärken.
Wir vom Desasterteam unserer Mission planen, in einigen Wochen nochmals für circa 14 Tage nach Haiti zu kommen, um zu helfen, wenn alle anderen gegangen sind. Weil die Folgen des Bebens noch lange nicht geheilt sein werden.
3. Februar 2010:
DMG-Missionarin Susanne Baerg berichtet aus Haiti:
Den Flughafen von Les Cayes fliegen inzwischen täglich Kleinflugzeuge mit Hilfsgütern aller Art an. Meine Kollegin Elisabeth sortiert die medizinischen Hilfsgüter und sieht zu, dass sie zu den Krankenhäusern unserer Kirche kommen. Volker Schnüll (DMG) und sein Kollege Sean Christensen sorgen für die Verteilung von Lebensmitteln. Die Kapelle der theologischen Ausbildungsstätte, an der Volker unterrichtet, ist deshalb nun das Auslieferzentrum für Nahrungshilfe. Seine Frau Annette Schnüll und ich sortieren gespendete Kleider und sorgen dafür, dass sie an Bedürftige ausgegeben werden.
Immer wieder gehe ich im Krankenhaus auf unserer Missionsstation von Bett zu Bett, gebe jedem eine Tüte mit einem Becher Milch, Keks, Salzgebäck, Chips und Bonbons aus, unterhalte mich und bete mit Patienten. Ihre Schicksale sind erschütternd. Ich lernte ein Ehepaar kennen, beide schwer verletzt. Ihre älteste Tochter (15) ist gesund bei ihnen und hilft, wo sie kann. Drei jüngere Geschwister starben unter den Trümmern. Auf einen Schlag hat sich diese sechsköpfige Familie halbiert, sie stehen vor dem Nichts. Eine andere Frau fiel mir auf, die sehr traurig war. Ihre Wunde ist fast geheilt. Wenn sie entlassen wird, hat sie keine Ahnung, wohin sie gehen soll. Sie hat kein Haus mehr, keine Angehörigen und Freunde.
Heute Vormittag besuchte uns Pastor Jean-Gardy Auguste, der in Port-au-Prince eine Gemeinde leitet. Er stand unter Schock und trauerte. Vier Frauen seiner jungen Gemeinde sind umgekommen. Die Leiche eines Mädchens hat man noch nicht gefunden. Das dreistöckige Wohnhaus, in dem sie ihren Versammlungsraum hatten, ist beinahe eingestürzt, es steht jetzt ganz schief. Niemand traut sich, das Haus zu betreten. Nach dem traurigen Gespräch dachte ich, man müsste vorübergehend alle Pastoren aus dem Erdbebengebiet zur Traumabewältigung und Erholung aus der Stadt herausholen und andere an ihrer Stelle nach Port-au-Prince schicken, die den Betroffenen seelsorgerlich beistehen. Ob das machbar ist, weiß ich nicht. Aber ich werde der Leitung unserer Kirche vorschlagen, Pastoren von außen zu Kurzeinsätzen ins Erbebengebiet zu senden.
28. Januar 2010:
Stimmungsbericht von Volker und Annette Schnüll, Mitarbeiter der DMG in Les Cayes, Haiti:
Zwei Wochen ist das Erdbeben nun her. Vor einer Woche gab es eine Krisenbesprechung des Leitungsgremiums unserer Kirche (Mission Évangélique Baptiste du Sud d’Haïti, kurz MEBSH, zu der viele hundert christliche Gemeinden gehören) mit den hier arbeitenden Missionaren. Ihr Lagebericht und ihre Prognose damals waren düster:
„Tausende Menschen strömen in unsere Stadt Les Cayes und versuchen bei Freunden oder Verwandten unterzukommen. Die meisten haben nicht mehr als ihre Kleider am Leib (wenn überhaupt). Woher soll für all diese Menschen Kleidung, Nahrung und Platz zum Wohnen herkommen? Viele Läden sind geschlossen, aus Sorge vor Plünderungen, andererseits weil in den nächsten Wochen (oder Monaten?) kein Nachschub von Port-au-Prince zu erwarten ist. Nahrungsmittel werden teuer, und damit steigt das Risiko von Hungerrevolten und Einbrüchen. Banken haben aus Sorge vor Plünderungen geschlossen. Folge: Bargeld wird knapp, Schecks wertlos. Ohne Nachschub gibt es auch bald keinen Treibstoff mehr – nicht für Fahrzeuge und auch nicht für die Stromproduktion. Ohne Strom ist auch die Kommunikation per Telefon oder Internet gefährdet. Die Krankenhäuser sind hoffnungslos überbelegt. Es fehlt an Personal, Material und Medikamenten.“
Dieser Bericht war keine Hysterie. Doch die Lage hat sich grundlegend gebessert:
Die beispiellose Hilfswelle aus aller Welt hat die Situation Gott sei Dank entspannt: Ärzte-Teams, medizinisches Material und Nahrungsmittel, Hygieneartikel und Kleidung werden nun auch in Les Cayes mit kleinen Privatflugzeugen eingeflogen und ermöglichen zusammen mit den vielen finanziellen Gaben einen effektiven Beitrag zur Nothilfe. Wir Missionare sind seitdem mit dem Transport der Güter und dem Verteilen an verschiedenen Stellen beschäftigt. Unsere Hilfsgüter gingen bisher an 4 Krankenhäuser und ein Auffanglager und an verschiedene christliche Gemeinden, die als Anlaufstelle für Hilfesuchende fungieren.
Die einheimischen Kirchenleiter initiierten einen Hilfstransport
In allem ermutigt uns sehr, dass viele einheimische Christen trotz eigener Bedürftigkeit noch einen Blick für die Notleidenden behalten: In der oben erwähnten Lagebesprechung schoben die haitianischen Leiter trotz düsterer Prognosen einen Hilfstransport nach Port-au-Prince an, sie sagten: „Noch haben wir etwas zum Teilen, wir dürfen unsere Geschwister, die nichts haben, nicht im Stich lassen.“ In Sachen Zusammenhalt und Opferbereitschaft können wir viel von den haitianischen Christen lernen.
Eine Familie hat ihr Haus verloren, und sammelt noch für andere
Eine haitianische christliche Gemeinde hat in der Zeit, wo die Geschäfte eigentlich noch geschlossen waren mit viel Aufwand eingekauft und Einzelrationen zusammengestellt und schließlich mit einigen kopierten Bibelversen an die Betroffenen des Bebens verteilt. Der Kindergarten, in den Sarah geht, hat im Moment wie alle haitianischen Schulen geschlossen. Die Mitarbeiter nutzen nun die Zeit, um für Krankenhäuser Essen zu kochen und auszuteilen. In unserer Gemeinde gibt es Familien, die Verwandte verloren haben, andere die nun zehn und mehr Verwandte bei sich wohnen haben. Zwei Familien haben ihre meiste Habe verloren, weil das Haus, in dem sie zur Miete wohnten, eingestürzt ist. Trotzdem sammeln sie für einen Hilfstransport in das größte Krankenhaus der Kirche mit z.Zt. über 200 Patienten.
Wie wir die Hilfsgelder der DMG einsetzen
Solche Initiativen unterstützen wir mit unserem praktischen Engagement und den finanziellen Mitteln, die über die DMG eingehen. Die Mittel werden bewusst über den Gemeindeverband bzw. einzelne christliche Gemeinden eingesetzt, aus zwei wesentlichen Gründen: Zum einen zeigt es den Christen hier, dass wir ihnen vertrauen. Wir bieten ihnen Hilfe zur Selbsthilfe an. Es zeigt, dass unsere Partnerschaft in ruhigen Zeiten nicht nur gespielt war, weil wir in Krisen nicht reflexartig wieder das Kommando übernehmen. Zum anderen haben die einheimischen Verantwortlichen den besseren Überblick über die Lage. Bei ihnen laufen Berichte aus den verschiedenen betroffenen Orten (Jacmel, Petit-Goâve, Léogâne und Port-au-Prince) zusammen, und sie sind öfters dort unterwegs. Sie versuchen, eine Strategie zur Hilfe und zum Wiederaufbau zu entwerfen. Die Phasen nötiger Hilfe sind soweit klar:
1) Überlebenshilfe durch medizinische Behandlung, Nahrungshilfe, durch Kleidung usw. 2) Starthilfe für Menschen, die alles verloren haben. 3) Wiederaufbau von Kirchen, Pastorenhäusern, Schulen, Kindergärten usw.
Noch ist nicht abzusehen ist, wieviel Geld dafür nötig sein wird und wieviel an Hilfe dafür von außen kommt. So wie wir überwältigt sind von dem Ausmaß der Zerstörung und all dem Leid so sind wir auf der anderen Seite in gleichem Maße überwältigt von der Opfer- und Hilfsbereitschaft im Ausland. Gott und allen Beteiligten ein großes Danke.
Loblieder mitten zwischen Schutt und Asche
Schließen will ich diesen Bericht mit einer „Stimmung“, die nur schwer in westlichen Denkmuster passt und manchem Reporter Rätsel aufgibt: Menschen sitzen zwischen Schutthügeln und singen christliche Loblieder. Eine Missionarskollegin, die einige Tage nach dem Beben in Port-au-Prince war, um Wasser und Nahrung zu verteilen, schlief mit den Menschen zusammen unter freiem Himmel. Morgens gegen 3 Uhr wurden sie durch ein Nachbeben aus dem Schlaf geschreckt. Wenig später hörte sie von überall um sie herum das Lied „Amazing Grace“ in Französisch. Eindrucksvoll, welche Kraft der Glaube der haitianischen Christen hat.
Dieser Glaube steckt an
Da gibt es Menschen, die nach Tagen aus den Trümmern befreit werden und nicht zuerst nach einem Arzt oder nach Nahrung rufen, sondern: „Gibt es hier einen Christen? Ich will mich bekehren, ich will Christ werden!“ Für viele Menschen sind die Kirchen die einzige einheimische Anlaufstelle, die ihnen hilft. Kirchlich organisierte Pfadfinder engagieren sich in der Hauptstadt und auch hier in Les Cayes auf den Straßen, in den Krankenhäusern und Auffanglagern als effektive Ordnungshüter, sie verhindern Chaos und geben ein Maß an Sicherheit. Viele Menschen hier suchen gerade wegen des Leides Gott neu oder zum ersten Mal in ihrem Leben.
Unser Familienalltag
… ist derzeit von einer ganz merkwürdigen Mischung geprägt: da ist der immer noch unplanbare Ausnahmezustand: wenn Güter kommen oder verteilt werden sollen, bleibt alles andere liegen. Sarahs Kindergarten und unsere theologische Ausbildungsstätte haben noch nicht wieder geöffnet. Seit gestern haben wir die Mutter und die 7 Monate alte Nichte eines Freundes aus Port-au-Prince hier bei uns. Gedanken, Gespräche und E-Mails beschäftigen sich mit dem Erdbeben und seinen Folgen. Ab und zu hat man den Eindruck, ein Nachbeben zu spüren, – manchmal stimmts, oft spielt einem der Kopf aber auch nur einen Streich. Auf der anderen Seite ist da eine Normalität, die so gar nicht dazu passen will: Samuels Schule geht ganz normal weiter. Die Post soll ab heute wieder wöchentlich kommen. Dieses gemischte Gefühl wird uns wohl noch einige Zeit begleiten.
Beschreibung zu den Fotos am Anfang dieses Textes:
25. Januar 2010, 16.30 Uhr:
Susanne Baerg berichtet:
Es gibt erfreuliche Neuigkeiten: Gestern konnte das erste Schiff mit Hilfsgütern im Hafen anlegen. Heute kam die erste Brennstofflieferung in unserer Stadt Les Cayes an. Man kann also wieder tanken, nur sind die Schlangen unheimlich lang. Um eine Tonne Diesel fürs Stromaggregat unseres Krankenhauses zu bekommen, stand ein Mitarbeiter drei Stunden lang an.
Viele Menschen haben in den Missionskrankenhäusern und Kliniken der haitianischen Kirche (und natürlich an vielen andern Plätzen) Hilfe bekommen. Im kleinen Krankenhaus unserer Missionsstation operiert Dr. Bill, der früher in Afrika Missionar war, Betroffene der Katastrophe. Er hat viel Erfahrung und leistet mit wenigen Hilfsmitteln gute Arbeit. Gerade ist er dabei, ein gebrochenes Bein hoch und ruhig zu legen. Elisabeth Newton, mit der ich seit 2000 zusammen wohne, organisiert und koordiniert in diesen Tagen mehr, als dass sie direkt mit Patienten arbeitet. Unser Krankenhaus ist mit 80 Patienten überbelegt. Heute wurde sogar der Lagerraum fürs Baumaterial noch in ein Krankenzimmer umfunktioniert.
Zum anderen Missionskrankenhaus in den Bergen, das viel größer ist, kamen am letzten Sonntag fünf Chirurgen und Fachärzte für Orthopädie aus den USA. Dort werden zur Zeit 250 Patienten versorgt. Die 5 Orthopäden werden morgen wieder abreisen. Dafür sollen 4 neue Ärzte und 6 Krankenschwestern kommen.
Was mich sehr bewegt ist, dass sich viele Haitianer durch diese Tragödie dem christlichen Glauben zuwenden. Volker Schnüll (DMG) und ein Kollege waren am Mittwoch mit einer Jugendgruppe zu einer Hilfsaktion unterwegs. Sie verteilten Lebensmittel im städtischen Krankenhaus und bei Obdachlosen auf einem Fußballplatz. Während des Einsatzes kam es auch zu Gesprächen über Jesus, dabei kamen zwei junge Männer zum Glauben!
Bitte beten Sie, dass noch viele Haitianer Interesse am Evangelium bekommen. Und für die christlichen Gemeinden, deren Kirchen zerstört oder beschädigt worden sind. Von den 488 Kirchen unseres Verbandes (MEBSH, Baptistenverband des südlichen Haiti) sind 5 eingestürzt und 19 schwer beschädigt.
Eure Susanne
25. Januar 2010, 10 Uhr:
Dr. Eckehart Wolff und sein Team berichten über den 23. Januar:
Gestern kam einen zwei kleine Lastwagen-Sendung mit Nachschub, aber die Platten waren nicht dabei. Dafür hat sie jemand heute Nacht gebracht und wir konnten sie gleich morgens um 6.00 Uhr auspacken: Eine Riesenspende von Synthes, viele Instrumente für ganz spezielle Eingriffe, alles vom Feinsten, aber wenige Platten für Osteosythesen. Wir konnten wenigstens loslegen.
Heute kamen 13 neue Patienten aus der Stadt, die die Nachricht gehört hatten. Sie kamen mit Taxi, Bus und auf LKWs die Holperstraße zu uns herauf und das mit Ober- und Unterschenkelfrakturen und ohne Gips. Einige von ihnen haben wir heute sofort operiert. Die leuchtenden, dankbaren Augen und das von Herzen kommende „Merci“ waren Lohn für die Anstrengung. Eine 14-Jährige hat mich umarmt und wollte gar nicht mehr loslassen vor Glück. Sie lag schon seit 11 Tagen irgendwo herum ohne wirkliche Hilfe. Jetzt ist sie operiert und auf dem Weg der Besserung.
Die Menschen hier reagieren höchst emotional. Wie oft meinten wir schon, Streit schlichten zu müssen, dabei haben zwei sich nur "ganz normal unterhalten". Spannend ist auch die geistliche Seite. Viele Menschen, die bisher vom Glauben an Jesus Christus nichts wissen wollten, sind auf einmal offen geworden für das Evangelium. Wir sind ja in einer Klinik des Baptistenverbandes tätig. Die Pastoren erzählen täglich von vielen Menschen, die sich aufgrund der Katastrophe bewusst für ein Leben mit Jesus entscheiden.
Morgen ist zwar Sonntag, aber für uns keine Pause, da weitere Patienten kommen werden und wir noch nicht genau wissen, wie lange wir hier im Land arbeiten werden. Ein neues Team wird Anfang nächste Woche kommen. Wir wissen nicht, wann es Flüge nach draußen gibt. Der Patientenstrom reißt nicht ab.
Viele Patienten sind inzwischen entlassen worden, doch der Strom der Neuankömmlinge reißt nicht ab, die meisten haben Oberschenkelfrakturen. Sie erzählen Schreckliches, wie die 24-jährige Frau, die ganz verstört war. Sie hatte seit Tagen kaum etwas zu essen bekommen. Das Erdbeben hat ihre ganze sechsköpfige Familie getötet, auch ihre vier Kinder. Sie ist die einzige Überlebende.
Mitten hinein kam die Nachricht, dass wir abgelöst werden. Ein anderes Team ist unterwegs, das uns ablösen soll. Wir sind gespannt, ob der Übergang reibungslos klappt, und merken, dass die Batterien so langsam leerer werden. Wir wollen keinen Abend mehr bis Mitternacht im Hospital sein. Die Not alleine darf nicht unseren Arbeitsalltag bestimmen. Und doch läuft es jetzt wie am Schnürchen.
Heute haben wir neben anderen Verletzungen 5 Oberschenkel mit Platten versorgt. Erfrischend war die Stunde Pause am Vormittag beim Gottesdienst mit herrlichem Gesang der Haitianer ...
23. Januar 2010
Dr. Eckehart Wolff berichtet:
Immer wieder kleinere Nachbeben. Wieder einige Tote, die bei brüchigen Mauern und Erschütterungen umkamen. Wir hier, in einer Klinik etwa 3 bis 4 km Luftlinie von der Innenstadt entfernt, merken die Nachbeben kaum. Heute waren wir schon um 17 Uhr mit dem OP-Programm fertig. Die andere Ärzte und Schwestern machen noch Verbände und behandeln die neuen und ambulanten Patienten. Wir sind fast durch mit den wichtigsten Operationen. Morgen sollen endlich neue Platten und Schrauben hier ankommen. Ich hoffe, es kommt nicht wieder soviel unbrauchbares Zeugs wie die letzten Male, wenigstens haben wir nun wieder Gips für die nächsten 2 bis 3 Tage. Die freie Zeit habe ich mal schnell zum Wäschewaschen im Waschbecken genutzt und auch, um kurz Statistik zu machen.
Eine Woche OP eines fantastischen Teams (Einheimische wie Helfer aus dem Ausland) in Zahlen:
Das Team ist in bester Stimmung. Schwierig ist es manchmal mit den jungen Ärzten, die in diese Situation US-amerikanischen Standard bringen wollen und einige Patienten überbehandeln. Wir haben auch Patienten verloren, einen durch vermutliche Lungen-Fettembolie, 1 durch fehlende Blutkonserven, 2 durch Nierenversagen nach Muskelquetschungen und 3 durch Hirnblutungen. Das ist viel und tragisch, aber unter diesen Umständen …
Jetzt ist Zeit, neue Patienten aufzunehmen, sobald der versprochene Nachschub an Material eingetroffen und die Möglichkeit des Patiententransportes geregelt ist.
Einige aus unserem Team waren heute in der Stadt und haben Schreckliches berichtet. Im Universitätshospital im Zentrum liegen ca. 2.000 Patienten. Sie operieren dort am laufenden Band, in 12-Std.-Schichten, aber es wird nur amputiert. Sie haben uns gefragt, ob wir nicht eine Nachtschicht machen würden, um wenigsten Frakturen zu schienen. Dort leben die Menschen in Zelten und unter freiem Himmel. Es räumt keiner auf. Von einer Regierung und organisierter Hilfe des Landes selbst ist nichts zu spüren. Ausländer haben das Sagen.
Der Flughafen wird von Indern der UN-Truppen bewacht. Die US-Amerikaner sollen 3.500 Soldaten hier haben, um für Ruhe zu sorgen. Die Israelis, die kurz nach uns kamen und die Kubaner sind jeweils mit einem Zelthospital zur Stelle. Einheimische Soldaten oder Polizisten scheint es nicht mehr zu geben. Über 20% der Menschen dieses Landes leben in der Hauptstadt. Und da ist genau das Zentrum am schlimmsten vom Beben getroffen worden. Ein Experte für Katastrophen sagte, dass es das Schlimmste und am wenigsten organisierte Desaster sei, das er je erlebt habe.
Bei uns ist die Stimmung nach Spannungen wieder gut.
Einige haben auf eigene Faust Material mit in die Stadt genommen, sind aber wieder damit zurückgekommen. Jetzt sind wir gemeinsam am Überlegen, ob wir nicht abwechselnd eine 12-Std.-Nachtschicht in der Stadt zusätzlich einlegen sollten, um auch dort zu helfen. Bei uns haben wir die Arbeit jetzt fast auf einen 12-Std.-Tag reduziert. Bin gespannt, wie es weitergeht.
22. Januar 2010:
PRESSESTIMMEN: Die Erdbeben-Nothilfe der DMG über unsere Missionare Dr. Eckehart Wolff und sein medizinisches Hilfsteam unseres Partnerwerkes HCJB, Volker und Annette Schnüll sowie Susanne Baerg kam in den vergangenen Tagen in zahlreichen Zeitungen. Hier nur eine kleine Auswahl der Veröffentlichungen:
22. Januar 2010:
Bericht von Dr. Eckehart Wolff (Foto):
Zwei von uns sind heute Morgen nach Ecuador zurückgekehrt. Sie müssen am Freitagabend in Quito sein, es gibt keinen anderen Weg. Dafür ist ein anderes Team gekommen, und sie suchen weitere Wege, den Menschen hier an anderen Orten zu helfen. Plötzlich sind wir wieder wenige – und die OP-Liste reißt nicht ab.
Die Allgemeinärzte kümmern sich um die stationären Patienten und ihre Wunden, drei Schwestern sorgen sich um die Medizin für die Patienten. Die wenigen einheimischen Schwestern helfen ihnen. Mitten in der Liste der Frakturen und schmutzigen Wunden ein chirugischer Notfall, ein 14-Jähriger mit wohl seit 3 Tagen geplatztem Darm wegen Typhus. Ob er durchkommt ist fraglich.
Dann weiter mit Knochenarbeit. Jetzt werden die letzten Reserven unserer aus Quito mitgebrachten Sachen verbraucht. Es gibt keinen Gips mehr. Verzweifelt versuchen wir einen Weg zu finden, um Menschen mit geschlossenen Frakturen zu versorgen, Wir haben uralte Metallplatten aus Spenden von vor 20 Jahren oder mehr in der Werkstatt zurechtgeschnitten, aber die neuen Schrauben passen nicht dazu. Manche Patienten liegen nun schon seit über einer Woche. Wann wird der erste durch Lungenembolie sterben? Die bestellten Platten kommen nicht. Dafür eine neue Gruppe Ärzte, die orthopädisches Material mitgebracht haben: eine Hilfe für vielleicht 5 oder 6 Patienten. Sie kommen sich wie die Erlöser vor. Dabei ist das kaum der Tropfen auf den heißen Stein. Da verstehen Leute in den USA nicht, was wir wirklich bestellt hatten …
Reporter der verschiedensten Nachrichtenagenturen kommen vorbei. Was wir da hören, ist alles andere als rosig. Im Zentrum der Stadt herrscht weiterhin Chaos, Im Universitätskrankenhaus wird fast nur amputiert. Sie wollen uns ihre Patienten schicken (dabei fehlt es bei uns an allen Ecken am nötigen Material). Dort liegen 20 mal mehr Patienten als bei uns. Andere funktionierende Hospitäler haben sie nicht gefunden. Wir sehen kein Ende der Arbeit …
22. Januar 2010:
Dr. Eckehart Wolff berichtet von der medizinischen Hilfe in Haiti (geschrieben am 20. Jan.):
Es kommen weniger neue Patienten. Erstmals überwiegt die Zahl der Entlassungen. Die Gänge sind nicht mehr ganz so dicht gedrängt belegt mit Matratzen. In den Krankenzimmern keine Änderung. Aber wir haben auch weiter Patienten, die sterben. Einen Mann mit Compartmentsyndrom hatten wir noch schnell amputiert, doch das Nierenversagen haben wir nicht mehr in den Griff bekommen. Dennoch gibt es keinerlei Anschuldigungen von Seiten der Angehörigen, keine kritischen Fragen. Sie entschuldigen sich noch, dass wir ihnen so viel Arbeit mit dem Verstorbenen gemacht haben. Wie geht es hier denn normalerweise zu im Gesundheitsdienst?
Die US-Luftwaffe brachte uns heute 4 neue Patienten aus ihrem Lager. Dort leben mehr als 3.000 Menschen dicht gedrängt bei wenig Essen.
Wunder in der letzten Minute
Aber wir erleben auch immer wieder Wunder der letzten Minute. Das Wasser ging aus. Da hat „Samaritan´s Purse“ Wasserfilter angebracht und unser Wasseringenieur hat Reparaturen am Leitungssystem vorgenommen. Wir dürfen wieder duschen und die Toilette abziehen. Das Krankenhaus hat keine Gipssäge. Die bestellte ist noch nicht eingetroffen. SP und die US-Army haben sie uns versprochen. Heute fand ein Krankenhausmitarbeiter eine uralte Schachtel in irgendeiner vergessenen Kammer; und da war eine solche Säge tatsächlich vorhanden. Unser Material für äußere Fixateure bei Frakturen ging zuende. Heute kamen zwei Kartons mit gebrauchten Fixateuren von irgendwoher an. Wir können weiter operieren. Auch kamen neue Antibiotika an, Infusionen und vieles andere Dringend benötigte. Immer wieder bei Versorgungsengpässen wird unser Gebet erhört.
Jetzt treten wir in eine neue Phase. Die ersten Patienten mit Komplikationen kommen zurück in den OP. Die Infektion geht weiter. Manche werden noch Beine oder Arme verlieren. Und wir warten dringend auf Tetanusimpfungen. Bisher ist keiner gegen Wundstarrkrampf geimpft worden. Es gibt keinen Impstoff.
Was sonst in der Stadt Port-au-Prince los ist, hören wir nur von anderen. Bei Sonnenschein liegt die Stadt wie auf einer Ansichtskarte zu unseren Füssen. Aber in das Zentrum wagt sich noch nicht einmal die US-Armee. Darüber wissen Leute außerhalb von Haiti sicher besser Bescheid als wir hier ständig in der Arbeit im Hospital. Wir kommen ja kaum raus ... Die erste Gruppe muss uns heute verlassen. Es gibt nur ganz wenige Flüge aus Haiti raus.
Nachbeben: "Die ganze Klinik schwankte"
Wir wurden heute von einem Nachbeben geweckt. Das ganze Hospital schwankte, die Menschen schrien. Alles war kurz nach 6.00 bei Sonnenaufgang wach.
Heute muss ich das Team gut anleiten und die Hilfe organisieren. Es ist immer wieder erstaunlich, was neue Leute alles nicht wissen und was sie beachten müssen. Jeder will helfen, aber viel Eifer verpufft. Manche sind nicht gewohnt, mit Material zu sparen. Aber das ist wichtig, weil es sonst wieder ausgeht. Dankbar bin ich für weniger Arbeitsdruck. Wir haben nun auch Zeit zu Stille und Gebet. Die Seele tankt auf.
21. Januar 2010
Volker und Annette Schnüll berichten aus Cité Lumière
Hallo, ihr Lieben,
wir haben einige besorgte E-Mails bekommen und wollten euch nur kurz wissen lassen, daß es uns gut geht und wir von dem Nachbeben nur aus den Nachrichten wissen. Die Erde hat hier zwar auch leicht gebebt, ansonsten ist nichts passiert. Seid nicht besorgt, wenn ihr uns telefonisch nicht erreicht, das Telefonnetz funktioniert im Moment sehr schlecht. Auch das Internet können wir im Moment nur ab mittags benutzen (Also in Deutschland ab 18.00 Uhr), weil unser Internet nur funktioniert, wenn es städtischen Strom gibt. Danke für alle Gebete und Nachfragen, Eure Schnülls
20. Januar 2010, 10 Uhr:
Liebe Freunde,
Das Land ist sehr von importierten Lebensmitteln abhängig, und der ganze Import lief über den Hafen von Port-au-Prince. Doch der Hafen und die Lagerhallen sind beschädigt, und der ganze Versorgungszyklus ist seit letzten Dienstag unterbrochen. Die Lebensmittelvorräte sind inzwischen in unserer Stadt aufgebraucht worden. Die Läden bleiben alle geschlossen. Wir fragen uns jetzt, woher wir in den nächsten Tagen etwas zu essen bekommen sollen. Natürlich haben wir uns schnell einige Vorräte angeschafft. Aber diese werden nicht lange halten, vor allem weil es viele Hungrige um uns herum gibt
Betet bitte, dass die amerikanische Armee, die hier jetzt das Sagen hat, den Versorgungszyklus bald wieder in Gang bringen kann. Wir und die Bevölkerung um uns herum, die keine Erbebenschäden erlitten haben, wir wollen ja eigentlich nicht von Hilfsgütern leben, sondern regulär das einkaufen, was wir brauchen. Ganz herzlichen Dank für alle Gebete, Eure Susanne
Zudem schickte Susanne Baerg folgenden Bericht:
Es ist unglaublich, nach so einer Woche nicht nur einen Gebets-, sondern einen Lobpreis- und Anbetungsgottesdienst zu erleben! Pastor Pharnest gab Beispiele für Maßarbeit Gottes inmitten all des Leides:
Der christliche Buchladen, der unsere Sonntagsschulbücher in Port-au-Prince verkauft, steht in der Straße hinter dem Regierungspalast. Dort sind die meisten Häuser zerstört, wie auch der Regierungspalast, das Hauptjustizgebäude und die staatlichen Universitäten. Aber das Gebäude mit dem Buchladen ist nicht beschädigt. Unglaublich! Der einzige große christliche Buchladen in Haiti hat das Erdbeben ohne Schaden überstanden! Auch die Druckerei, die unsere christlichen Bücher druckt, steht noch.
Alle 4 Kinder von meinem Hof- und Gartenhelfer studieren in Port-au-Prince. Sie sind alle vier unverletzt geblieben. Der Jüngste war in der Universität. Aber weil der Professor nicht oder noch nicht gekommen war, ging er mit einigen Freunden zum Fußballspielen hinaus. Während sie spielten stürzte das ganze Gebäude ein. Es ist tragisch: Die meisten Studenten und Professoren sind umgekommen. Aber er lebt!
Die Familie eines unserer Pastoren war zu Hause. Sein Haus mit Zementdach liegt flach am Boden, doch es ist niemand umgekommen. Der siebenjährige Sohn, der sonst keine Probleme damit hat, hatte sich in die Hose gemacht und die Mutter um Hilfe gerufen. Sie ging in den Hinterhof und ein weiterer Sohn folgte ihr. Im selben Moment kam das Erdbeben, das Haus stürzte zusammen. Die Oma und ein weiterer Sohn waren im Haus. Diese konnte der Pastor noch in derselben Nacht befreien. Sie hatten kleine Prellungen, aber keine Knochenbrüche. Dieser Pastor leitet die zweitgrößte unserer Gemeinden in Port-au-Prince. In der Gemeinde allein sind 60 Familien obdachlos geworden. Ob und wie viele Todesfälle sie haben, weiß ich noch nicht.
Ein guter Freund, der zurzeit im sechsten Jahr seines Medizinstudiums ist, wollte an dem Nachmittag eigentlich zum Studieren in die Uni gehen. Aber dann ging er doch nicht, weil er irgendwie an dem Tag keine Energie dafür hatte. Wäre er in der Uni gewesen, wäre er genau wie die andern alle auch umgekommen. Aber in seinem Haus, das auch beschädigt wurde, kam er mit einigen Schrammen davon.
Einige Kirchen und mindestens 20 Pastorenhäuser des Baptistenverbandes im südlichen Haiti (MEBSH) sind eingestürzt, aber kein Mensch ist in diesen Häusern umgekommen.
Zum kleinen Flughafen von Les Cayes kommen täglich einige kleine Privatflugzeuge von den Bahamas. Die Piloten haben uns ein Team von 5 orthopädischen Chirurgen, viele Zelte, Medikamente und Gips- und Verbandzeug gebracht.
Auf dem städtischen Fußballplatz wurden viele Leute, die von Port-au-Prince geflüchtet sind, in Zelten untergebracht. Wir sind dankbar, dass Gott bisher nur einmal einen kurzen Regen geschickt hat und es sonst trocken ist. Viele Leute sind hier gelandet, weil sie einfach in einen Bus oder LKW gestiegen sind, um wegzukommen. Die meisten Gemeinden in der Stadt haben angefangen zu helfen und mobilisieren ihre Leute, von dem Wenigen, was sie besitzen, zu teilen.
Die zwei Krankenhäusern der MEBSH, eins hier bei uns auf der Station und ein weiteres 60 km entfernt in den Bergen, sind völlig überfüllt. Ausländer und einheimische Angestellte arbeiten Tag und Nacht und versuchen, so viele Menschenleben wie möglich zu retten. Viele schweben in Lebensgefahr, einige sind gestorben. Das ist schwer für die Angehörigen, wenn sie es nach so vielen Strapazen und Ausgaben endlich bis zu uns hier draußen geschafft haben, und manche Menschen dann doch nicht gerettet werden können.
Haiti braucht viel Gebet. Unsere Pastoren wünschen es sich, und sie wollen daran arbeiten, dass sich nach dieser schweren Katastrophe vieles zum Guten wendet.
Einige haben mich gefragt, wie sie spenden können. Im Glauben, dass Spenden für die Erdbebenopfer eingehen werden, hat die DMG schon am Freitag, den 15.1. einen großen Betrag Soforthilfe an mich überwiesen. Dieses Geld habe ich an vertrauenswürdige Kirchenleiter weitergeben, so dass sie durch ihre Gemeinden helfen können. Bitte überweisen Sie Ihre Spenden mit dem Vermerk „Erdbeben Haiti“ auf eines der DMG-Konten. Die DMG leitet die Gelder an uns Missionare und Partnerwerke und die Kirche in Haiti weiter.
19. Januar 2010:
Das Team unseres Partnerwerkes HCJB, mit dem unser Arzt Dr. Eckehart Wolff in Haiti ist, berichtet über ihre medizinischen Nothilfe:
Sonntag, 17. Januar 2010: Es geht schleppend los um 7.00 Uhr. Unsere Besprechung ist zeitraubend, da wir viele Fehler in der Kommunikation erlebt haben und uns besser absprechen. Außerdem muss sich die extreme Anspannung auch mal bei einer Tasse Kaffe und viel Lachen entladen können. Dabei werden Erlebnisse ausgetauscht. Wie das kleine Mädchen, das gestern aus der Narkose langsam aufwachte und noch halb im Schlaf immer wieder auf Krolisch sang: "Ich bin gerettet, ich bin gerettet..." Sie war wohl drei Tage lang verschüttet gewesen.
Überhaupt bekommen wir gar nicht so viel von den Rettungsaktionen mit, besonders wir im OP nicht. Wir sind nur am Schneiden, Bohren und Gipsen. Auch die einheimischenh Helfer sind nicht ganz so früh da gewesen. Und überall stoßen wir an Grenzen, erleben aber eine Gebeterhörung nach der anderen. Da wurde uns gleich erzählt, das wir heute nur bis 17.00 operieren könnten, da dann der Generator abgestellt würde. Wir haben noch für einen Tag Diesel. Seit Tagen waren sie zum Dieselkauf vergeblich unterwegs gewesen. Und dann taucht heute plötzlich ein Tankfahrzeug auf und es gibt keine Stromsperre. Der Gips ging zu Ende und die Versorgung aus dem Ausland ist noch nicht angekommen. Da findet jemand in einer Kiste noch eine vergessene Spende von anno Tobak. Das reicht gerade noch bis morgen Mittag. So geht es mit OP-Kleidung, Abdecktüchern etc. Alles geht zur Neige und dann finden sich immer wieder doch noch weitere "Quellen". Danke für alle Gebete und viele nichtmedizinische Helfer des Hospitales, die unermüdlich Versorgung heranschaffen.
Aber auch der Patientenstrom reißt nicht ab. Wir meinten, dass wir schon 10 % der Patienten operiert hätten, aber immer wieder tauchen neue Menschen auf, hauptsächlich mit offenen Unterschenkelfrakturen. Die Flure sind nachts nicht mehr ganz so überfüllt, die ersten Patienten sind bereits wieder entlassen worden. Aber es kommen viele nach. Und wenn jemand entlassen werden kann, werden sie nicht nach Hause entlassen, sondern auf die Straße. Sie haben kein Zuhause mehr.
Heute war der Tag von nur 10, aber dafür längeren OPs und wir haben beschlossen, schon um 22.00 Uhr aufzuhören. Wenn da nicht noch eine Patientin plötzlich in den Schock gerutscht wäre. Sie hat wegen einer Magenblutung ca. 3 Liter Blut verloren. Im dichten Trubel fiel das zunächst nicht auf. Also haben wir den Tag nach einer Notfalloperation kurz vor Mitternacht beendet. Nach so einer Zeit ist man aber nicht fähig, sofort zu schlafen. Da muss man abschalten, erzählen und Gott einfach einmal danken.
18. Januar 2010, 19 Uhr:
Liebe Freunde,
Vielen Dank für Eure Gebete und Eure Anteilnahme. Seit gestern merken wir auch hier in Les Cayes die Folgen des Erdbebens. Es kommen immer mehr Leute aus der Hauptstadt, um ihre Verletzten in den Krankenhäusern in Les Cayes versorgen zu lassen. Das Krankenhaus auf unserer Missionsstation ist voll belegt, und im städtischen Krankenhaus reichen die Betten nicht mehr. Dort liegen die Verletzten schon auf Plastikplanen ...
Das Telefonnetz funktioniert teilweise wieder. Aber das Leben in unserer Stadt ist fast lahmgelegt. Die Banken sind seit Mittwoch geschlossen. Weil die Zentralbanken in Port-au-Prince eingestürzt sind, funktionieren die Filialen nicht. Benzin und Diesel wird knapp. Die Lebensmittelpreise steigen. In Port-au-Prince kann man fast nichts mehr kaufen, und wenn jemand etwas anzubieten hat, verlangt er unerschwingliche Preise. Für Trinkwasser bezahlten die Leute gestern schon das Zehnfache dessen, was es vor dem Beben kostete.
Viele unserer Freunde und Bekannten wissen inzwischen, wer von ihren Kindern und Verwandten überlebt hat und wer nicht. Aber es gibt auch einige, die noch nichts herausfinden konnten. Vielen Dank für alle Gebete für die Betroffenen der Katastrophe. Meine Kollegen und Haus- und Gartenhelfer haben keine eigenen Kinder verloren, wohl aber entferntere Verwandte, wie Neffen und Nichten.
Bitte betet, dass wir täglich die Kraft haben, die wir brauchen. Da ich nicht im medizinischen Bereich arbeite, kann ich ja nicht so mit anpacken, wie andere. Aber Gastfreundschaft können wir jetzt üben, und das ist auch ein wichtiger Dienst. Ganz herzlichen Dank für alle Gebete, Eure Susanne
18. Januar 2010, 12.30 Uhr:
Das Team unseres Missionsarztes Dr. Eckehart Wolff berichtet aus Port-au-Prince:
Heute sind wir aus dem OP nur zum Essen rausgekommen. Jeder Patient bzw. die Angehörigen halten sich für den/die wichtigsten. Da gab es scharfe Auswahlkriterien. Offene und ausgerenkte offene Frakturen sowie vereiterte Wunden mit hohem Fieber waren die ersten. Jede Menge offene Ober- und Unterschenkelfrakturen aber auch zerschlagene Füße und Finger.
Es gab viel Trauriges zu verarbeiten, eine Mutter, die 6 Kinder im Haus ließ. Nach 3 Tagen wurde das eine ausgebuddelt mit eingeschlagenem Schädel und starb bei uns. Jetzt steht sie ohne Kinder da. Eine Frau mit instabiler Wirbelfraktur ist heute dann plötzlich an weiterer Blutung verstorben. Der Konkurrenzkampf der Menschen hier ist fürchterlich. Sobald einer im OP ist, müssen die Angehörigen das Bett hüten, sonst ist es bei seiner Rückkehr aus dem OP besetzt.
Aber es gibt auch dankbare Gesichter und viel Verständnis wenn nicht alles so schnell geht. Wie viele "Mercis" hören wir immer wieder zwischendurch. Gefreut hat sich ein Mann, der zur Amputation seines Unterarmes kam, dem aber seine vielen Knockensplitter die Muskelfaszien öfneten, so dass es nicht zu Durchblutungsstörungen kam (Kompartmentsyndrom). Es hat jetzt einen äußeren Spanner und hat gute Chancen auf Genesung.
Das Team funktioniert bestens. Was fehlt sind Krankenschwestern im OP, so müssen wir uns alles selbst zusammen suchen. Lediglich eine liebe Frau gibt es, die sterilisiert. Sie kann nicht lesen und schreiben, ist aber eine Seele von Mensch und spricht und betet mit den Patienten, wenn sie in der Warteschlange liegen und Angst und Schmerzen haben.
14 Operationen waren es heute von 8.00 bis nach Mitternacht. Danach kann man auch erstmal nicht schlafen und muss die vielen Eindrücke verarbeiten ...
18. Januar 2010, 9.30 Uhr:
Hermann Schirmacher (DMG-Mitarbeiter bei unserem Partnerwerk HCJB in Ecuador) berichtet, dass das Krisenhilfsteam mit DMG-Arzt Dr. Eckehart Wolff gut in Haiti angekommen ist und seine Arbeit aufgenommen hat:
Das erste siebenköpfige Ärzteteam von HCJB ist bereits vor Ort und hilft, wo es nur kann. Sie behandeln die Menschen im Missionkrankenhaus der Baptisten-Mission (mit der die DMG partnerschaftlich verbunden ist) in der Nähe von Port-au-Prince. Es ist ein 100-Betten-Krankenhaus mit derzeit mehr als 300 Patienten. Verletzte liegen überall in den Gängen, und viele warten draußen. Nur noch Patienten die lebensgefährlich verletzt sind, können sofort behandelt werden. Viele kommen in diese Klinik, weil sie gehört haben, dass sie beim Beben nicht eingestürzt ist. Drei Dörfer in der Nähe vom Krankenhaus sind dem Erdboden gleich. In einem dieser Dörfer lebten 2.000 Menschen. HCJB wird mehre weitere Teams nach Haiti schicken. Wer diese unterstützen möchte, kann das über die DMG tun. Stichwort: „Erdbeben Haiti“.
18. Januar 2010:
(Foto: Verteilung von Hilfsgütern durch einheimische Christen. Familie Schnüll)
Liebe Freunde,
habt ganz herzlichen Dank für alle Mails, alles Nachfrage und alle angebotene Hilfe. Danke dafür, dass Ihr uns in Gedanken und im Gebet tragt. Es geht uns weiterhin gut. Außer zwei beschädigten Häusern haben wir keine Schäden in Les Cayes gesehen. Auf unserem Berg Cité Lumière, ca. 5 km von der Stadt, hat die Erde noch weniger gebebt als dort – außer einem kleinen Schreck, nichts passiert. Allerdings wurde uns in den Tagen danach mit jeder Meldung und mit jedem weiteren Bild das Ausmaß der Katastrophe deutlicher.
Die Nothilfe läuft an
Zwei Tage nach dem Beben haben Missionare einen Lastwagen mit allem, was wir in kürzester Zeit zusammentragen konnten, in einen Vorort der Hauptstadt Port-au-Prince gefahren. Ein Konvoy von drei Fahrzeugen, der am Tag darauf folgen sollte, ist aus Sicherheitsgründen nicht mehr gefahren. Hunger und Durst sind mittlerweile so groß, dass solche Fahrzeuge vorher abgefangen und geplündert würden, hieß es. Andere Missionare sind an diesem Tag gefahren und haben Videos gedreht, einige Leitende Pastoren unserer Partnermisison, der MEBSH (auch Pastor Admettre, der Leiter der Bibelschule), fuhren, um nach den Pastoren des Verbandes zu sehen. Glücklicherweise haben sie alle sehr disziplinierte, friedliche Verhältnisse vorgefunden.
Apokalyptische Zustände …
Apokalyptisch kann man in diesem Fall wohl sagen, ohne zu übertreiben. Dadurch, dass Haiti absolut zentral organisiert ist, zieht diese Katastrophe direkte Kreise ins ganze Land. Nichts kommt rein oder raus – keine Leute, keine Güter, nichts – außer über Port-au-Prince. Was dort nicht ankommt, fehlt irgendwann überall: Nahrung (fast alles wird eingeführt), Medikamente, Werkzeuge, Gas, Treibstoff … Ohne Treibstoff kommt der Verkehr irgendwann zum erliegen und damit auch Handel und das Verteilen der vorhandenen Güter. Mit Diesel wird in den meisten Orten der Strom produziert, ohne Diesel kein Strom. Alle Dokumente, der ganze administrative Papierkram, läuft alles über die Hauptstadt oder läuft auf absehbare Zeit eben nicht und vieles, was schon gelaufen ist, ist im wahrsten Sinne „verschütt gegangen“.
Dauerhafte Folgen fürs ganze Land
Die Banken im ganzen Land sind geschlossen, weil die Hauptrechner alle in der Hauptstadt stehen (manche standen) und ohne die geht erstmal nichts. Bargeld wird knapp. Gleichzeitig sehen wir viele Geschäfte und Stände geschlossen. Man sagt, dass Händler die Waren zurückhalten, weil sie auf steigende Preise spekulieren. Viele Politiker und Leiter waren in einem der besten Hotels versammelt und sind nun unter Trümmern begraben. Viele zentrale Behörden sind zerstört. Das „weiße Haus“ ist symbolträchtig in sich zusammengesunken. National kommt der Aufbau einem Neustart gleich – hoffentlich nicht in gleichen Denk- und Handlungsmustern wie vorher.
Die sozialen Folgen des Bebens
Schlimmer als die eher kurzfristigen wirtschaftlichen Folgen sind die sozialen: die allermeisten Menschen haben/hatten Verwandte und Freunde in der Hauptstadt. Oft sind es Kinder, die zur Schule oder Universität geschickt worden sind. Sie sind für viele der „Stab fürs Alter“ wie sie hier sagen: Vorsorge und Versorger, wenn die Eltern zu alt sind, um ihren eigenen Unterhalt zu erarbeiten. Und gerade in Schulen und Unis sind viele umgekommen. Und die, die überlebt haben, kommen jetzt in den umliegenden Orten bei Verwandten unter oder in die Krankhäuser, die noch intakt sind und noch Material haben. Wer den Transport zu Wucherpreisen bezahlen kann und ein Ziel hat, wo er bleiben kann, der verlässt Port-au-Prince. Das bedeutet auf einmal noch weniger Platz und noch mehr Esser ohne Arbeit für viele Haushalte in den unversehrten Städten – auf unbestimmte Zeit.
Tausende Tote
„Wie geht es Dir? Und Deiner Familie?“, diese Frage gehört zu jeder Begrüßung. Bei Bekannten, fragt man detaillierter – im Moment ist das sehr anstrengend. Kaum einer der nicht von Toten oder Verletzten berichten muss und von Angehörigen, die alles verloren haben oder – fast noch schlimmer – einfach keine Nachrichten von ihren Lieben haben. Vielleicht werden sie nie Genaueres erfahren, bei den vielen 1.000 Toten, die ungezählt und anonym in große Massengräber gekippt wurden. All das läßt sich kaum schildern, aber es ist der Teil der Katastrophe, mit dem wir auch hier in Les Cayes zu tun haben werden, vermutlich auch noch lange nachdem die Berichterstattung in den Medien wieder vorüber ist. Leichengestank, zusammengebrochene Infrastruktur, Mangel an sauberem Wasser, Seuchengefahr und Plünderungen – all das ist uns so fern, wie euch in Europa. Wie Ihr lesen, sehen und hören wir das nur in den Medien und fühlen uns wie in einer anderen Welt. Immer noch ein wenig wie gelähmt, nicht bereit zu glauben, dass das kleine Beben, das wir gespürt haben, so etwas anrichten konnte.
Lichtblicke im Leid
In allem Leid erleben wir auch immer wieder echte Lichtblicke: Wir haben schon viele Freunde telefonisch erreicht, die überlebt haben. Das Haus einer Familie steht inmitten von Schutt und Leichen. Es ist ermutigend, wenn man Freunden aus Deutschland, die ihre Finger wund gewählt haben, mailen kann: „Ich habe eben mit Deiner Schwester telefoniert, sie und die ganze Familie sind unversehrt und lassen herzlich grüßen.“ Oder wenn der Gärtner morgens vor der Tür steht und nach Tagen der Unsicherheit sagen kann: „Meine Tochter und Brüder standen gestern Abend plötzlich vor der Tür.“
Viele haben gefragt, wie und wohin sie finanziell helfen können. Spenden können auf das Konto der DMG eingehen. Deutsche Missionsgemeinschaft, Bankverbindung: Volksbank Kraichgau; Konto-Nr. 269204, BLZ 672 919 00, Stichwort: „Erdbeben Haiti“.
13. Januar 2010,17.15 Uhr:
Eben erhielten wir die Nachricht, dass unser Missionsarzt Dr. Eckehart Wolff von Ecuador aus bereits auf dem Weg nach Haiti ist, wo er mit einem Krisenhilfsteam unseres Partnerwerks HCJB den Betroffenen des Erdbebens medizinisch und seelsorgerlich beistehen wird.
13. Januar 2010
Sicher habt Ihr schon vom Erdbeben gehört. Obwohl wir über 100 km vom Epizentrum des Bebens entfernt waren, hat es auch bei uns stark gebebt. Doch Schäden haben wir keine an unsern Häusern. In der Stadt Les Cayes ist allerdings ein zweistöckiges Gebäude eingestürzt. Vom ganzen Ausmaß der Schäden in Port-au-Prince werden wir wohl erst nach und nach hören. Es sind unzählige Häuser eingestürzt. Viele Menschen werden noch vermisst. Einige unserer Freunde hier haben Kinder, die in Port-au-Prince studieren. Sie haben bisher noch keine Nachricht von ihren Kindern. Die Nerven liegen blank. Sie können weder essen noch schlafen. Vielen Dank für Eure Gebete und Anteilnahme. So viel für heute. Mit herzlichen Grüßen,
Susanne
Ihr lieben Freunde und Gebetspartner, wahrscheinlich habt ihr in den Medien von dem Erdbeben gehört oder gelesen, das ca. 15 km westlich von Port-au-Prince sein Epizentrum hatte und erheblichen Schaden angerichtet und wohl auch viele Menschenleben gekostet hat und sicher noch kosten wird. Hier in Cité Lumière, wo die MEBSH ihr Büro hat, wo sich unsere Bibelschule befindet und die meisten Missionare leben haben wir zwar ein leichtes Beben gespürt, aber keinerlei Schäden festgestellt. Man spricht vom Einsturz eines mehrstöckigen Hauses in Les Cays, das ist alles. Aber der Schreck sitzt tief und die Bestützung und Trauer über das, was wir von Port-au-Prince lesen. Wir hatten gehofft, heute morgen sei die Nachrichtenlage klarer und wir könnten Konkreteres mailen über das Ausmaß der Zerstörung, aber wir wissen auch nicht mehr, als in den deutschen Nachrichten verbreitet wird. Handys scheinen im Moment nicht zu funktionieren in der Hauptstadt, darum bekommen wir keinen persönlichen Kontakt zu Freunden dort ... Danke für alles Nachfragen und für Eure Gebete. Sobald wir ein klareres Bild haben, melden wir uns wieder. Seid ganz herzlich gegrüßt,
Volker, Anette, Samuel und Sarah
Schön, dass es unseren Kollegen in Haiti gut geht. Morgen fliegt ein Hilfsteam unseres Missionswerkes HCJB von Quito nach Haiti. Die Teammitglieder werden medizinische und technische Hilfe leisten ...